"Vamos!", titelt La Dernière Heure. "Vamos Belgica!", präzisiert Gazet van Antwerpen. "Wir können das schaffen!", so die Schlagzeile der Zeitungen der Sudinfo-Gruppe.
Viele Zeitungen blicken voller Vorfreude auf das Viertelfinalspiel der Roten Teufel heute Abend gegen Spanien. Die Belgier gehen als Außenseiter in die Partie. "Der Traum von einem Überraschungssieg gegen Spanien", titelt La Libre Belgique. "Belgien hofft auf die Sensation", schreibt das GrenzEcho. "Bereit für ein Husarenstück", so die Schlagzeile von Het Laatste Nieuws. Het Nieuwsblad bringt all das auf den Punkt mit einer Schlagzeile auf Französisch: "Tous ensemble!".
1986 als Vorbild: Der Traum vom Husarenstück
"Für Menschen über 40 gibt es hier eine große Referenz", meint L'Avenir in seinem Leitartikel. Klar: Die Rede ist von dem legendären Viertelfinalspiel vom 22. Juni 1986 bei der WM in Mexiko, als die Roten Teufel völlig überraschend die Spanier nach Hause schickten. Auch 1986 waren die Belgier mühsam in das Turnier gestartet. Genau wie heute also; schließlich brauchte es sogar das "Wunder von Seattle" und zwei Tore innerhalb von drei Minuten, um die Mannschaft aus Senegal im Sechszehntelfinale doch noch zu schlagen. Diese legendäre Remontada, dieses furiose Comeback, hat für unglaublichen Elan gesorgt. Und es schürt die Hoffnung auf eine Sensation. Wie eben am 22. Juni 1986…
Auch La Dernière Heure denkt an die WM 1986 in Mexiko und den Sieg gegen Spanien. Auf dem Papier haben die Roten Teufel nicht wirklich eine Chance gegen Spanien. Schließlich ist die Roja seit 35 Spielen ungeschlagen; bei dieser WM hat die Mannschaft noch keinen Gegentreffer kassiert. 23-mal hat Belgien bislang gegen Spanien gespielt; gewonnen haben die Roten Teufel nur fünfmal. Darunter war aber eben das berühmte Viertelfinale von 1986. Und diesmal bringen wir den nötigen Biss mit. Der Last-Minute-Sieg gegen Senegal, dann das Spiel gegen die USA, das ja von Trumps Intervention bei der Fifa überschattet war, und das die Teufel dennoch souverän gemeistert haben... All das hat die Mannschaft zusammengeschweißt. Nicht vergessen: "Unmöglich", das ist nicht belgisch…
Das kleine "Irgendetwas"
"Spätestens beim Sieg der Roten Teufel gegen die USA ist 'irgendwas' passiert", glaubt auch La Libre Belgique. Nicht nur wegen der Qualifikation für ein WM-Viertelfinale, nein, hier ging es um mehr. Die Polemik um die Rote Karte, die Einmischung von Donald Trump, der auch bei der Fifa Gott spielen und einfach die Regeln umschreiben wollte: Die Roten Teufel haben hier nicht bloß ein Spiel gewonnen, sondern sie haben symbolisch Revanche genommen, dem US-Präsidenten vor den Augen der Welt eins ausgewischt. Und damit ist auch die Außenwelt noch einmal auf Belgien aufmerksam geworden, dieses "seltsame" Land mit seinen verschiedenen Sprachgruppen, die dazu verdammt sind, miteinander zu leben. Das kleine "Irgendwas", das da bei dieser WM passiert ist, das erinnert die Belgier daran, dass sie doch eine gemeinsame Identität haben. Die Roten Teufel haben gewissermaßen die Nation "erweckt", die die meiste Zeit vor sich hin schlummert; oder von den innerbelgischen Rangeleien überschattet, gar ausgeblendet wird. Ganz gleich, wie das Viertelfinale heute Abend ausgeht: Das Wesentliche wurde schon erreicht: Während einiger weniger Tage hat Belgien mal aufgehört, sich für seine bloße Existenz zu entschuldigen. Und das ist schon ein Sieg; es wäre natürlich schön, wenn heute Abend gegen die Roja noch ein zweiter hinzukäme.
Tiramisu oder Pudding? Die Milliarden-Debatte der Regierung
Einige Zeitungen begeben sich dann aber doch wieder in die "Niederungen" der Innenpolitik. Die Regierung muss ja zusätzliche 7,7 Milliarden Euro finden, damit das Budget auf EU-Kurs bleibt.
"Diese Haushaltssorgen werden bis Mitte Oktober alles andere in den Schatten stellen", orakelt Het Belang van Limburg. Premierminister Bart De Wever hat da ein treffendes Bild bemüht: Er sprach von einem "Tiramisu", oder wahlweise einer "Lasagne", die da in den nächsten Wochen zubereitet werden muss. Beide Gerichte bestehen ja aus mehreren Schichten. In dieser Metapher steckt aber eine Warnung: Wenn jeder Koalitionspartner die Lagen entfernt, die ihm nicht schmecken, dann bleibt am Ende nichts mehr übrig. Die möglichen Zutaten liegen längst auf dem Tisch: Mehrwertsteuererhöhung; Beschneidung der Gesundheitsnorm; Vermögenssteuer; Veränderungen an der Lohnindexierung… Für jede Partei ist mindestens eine dieser Ingredienzen ungenießbar. Aber die wichtigste Erkenntnis des Monitoringkomitees ist doch die: 2031 wird die Zinslast drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen. Das allein muss doch eigentlich reichen, um ein statthaftes Tiramisu zu zaubern.
"'Tiramisu' ist eigentlich das falsche Bild", findet De Standaard. Denn: Jeder, der mal ein Tiramisu gegessen hat, der weiß, dass es da keine Lage gibt, die einen unangenehmen Geschmack hat. "Pudding" wäre die bessere Metapher gewesen: Eine homogene Substanz, keine unterschiedlichen Schichten, so muss gute Politik aussehen. Wer mit verschiedenen Lagen arbeitet, der suggeriert, dass jede Partei hier am Ende ihre Trophäe einheimsen kann. Diesen Luxus können wir uns aber leider nicht mehr leisten. Die Begleitumstände sind gerade besonders schwierig: Wie überall in Europa haben auch hierzulande extremistische Parteien den Wind in den Segeln. Und es ist sehr schwierig, ein leckeres Gericht zu zaubern, wenn Unruhestifter ständig damit drohen, die Küche in Brand zu stecken…
Roger Pint