"Während der Hitzewelle sind jeden Tag sicher hundert Menschen zusätzlich gestorben", meldet De Standaard unter Berufung auf Zahlen des Gesundheitsinstituts Sciensano. "Noch nie dagewesene Übersterblichkeit: 1.222 zusätzliche Sterbefälle während der Hitzewelle", titelt Het Laatste Nieuws. "1.222 zusätzliche Tote während der Hitzewelle: 'So etwas haben wir in unserem Land noch nie gesehen'", schreibt Gazet van Antwerpen, Het Nieuwsblad greift die Zahl ebenfalls prominent auf.
Lehren aus dem Drama von Antwerpen
In ihren Leitartikeln beschäftigen sich die flämischen Zeitungen aber vor allem mit der Brandkatastrophe in einem Antwerpener Hochhaus, die am Mittwoch fünf Menschenleben gefordert hat: Noch sind weder die Brand- noch die Todesursachen abschließend geklärt, unterstreicht Het Belang van Limburg. Aber mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sind die Opfer an Rauchvergiftung gestorben. Aus nachvollziehbaren Gründen machen sich nun auch Menschen in anderen Hochhäusern Sorgen. Solange die Ermittlungen noch laufen, können entsprechende Fragen nicht eindeutig beantwortet werden. Aber feststeht, dass das betroffene Hochhaus in Antwerpen aus den 1960er-Jahren stammt. Das ist relevant, weil strengere Gesetze zum Brandschutz in belgischen Gebäuden erst 1994 eingeführt wurden. Und sie gelten nicht rückwirkend. Das führt zur paradoxen Situation, dass die meisten neuen Gebäude mit externen Fluchttreppen ausgerüstet sind und mit rauchdichten Türen; alte Gebäude, in denen die Risiken höher sind, hingegen oft nicht. Ein Grund mehr für Verwalter und Bewohner, darauf zu achten, ob auch wirklich alle möglichen Schutzmaßnahmen eingehalten werden. Und viele Menschen wissen auch nicht, wie sie sich im Brandfall korrekt verhalten müssen, warnt Het Belang van Limburg.
Gazet van Antwerpen kommt auf die Wut mancher Bewohner des betroffenen Hochhauses zurück über aus ihrer Sicht mangelnde Unterstützung durch die lokalen Behörden: Diese Menschen fühlen sich im Stich gelassen. Das mag zwar so nicht ganz stimmen, aber man darf auch nicht vergessen, dass sich manche Menschen mit der knallharten Realität konfrontiert sehen, dass sie möglicherweise sehr lange nicht zurück können in ihre Wohnungen. Die Stadt Antwerpen wird versuchen, die Menschen, die das nötig haben, zu begleiten und ihnen unter die Arme zu greifen. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit und das Mindeste, was die Stadt tun kann. Vor allem aber wäre es sinnvoll gewesen, wenn Bürgermeisterin und Schöffen gestern dabei gewesen wären, als die Bewohner informiert wurden. Diese Menschen brauchen das Gefühl, dass ihnen zugehört wird. Auch das ist Regieren, liebe Menschen im Rathaus, kritisiert Gazet van Antwerpen.
Sehr viel wird von den Versicherungsgesellschaften abhängen, hebt Het Nieuwsblad hervor: Wenn die wieder anfangen, um jeden Cent zu feilschen, dann wird das Leiden der Betroffenen möglicherweise sehr lange dauern. Und man muss doch auch bitte das Profil vieler Opfer vor Augen haben, oft handelt es sich um sehr alte Menschen. Menschen also, die jahrzehntelang treu ihre Versicherungsprämien bezahlt haben. Sie verdienen doch ein Mindestmaß an Respekt und Entgegenkommen vonseiten der Versicherer, mit möglichst wenig verwaltungstechnischem Hickhack und endlosen Diskussionen, was eine Übergangsunterkunft höchstens kosten darf. Seit den Terroranschlägen von Brüssel tragen die Versicherungsgesellschaften das Stigma, sich nicht gerade vorbildlich zu verhalten, wenn es um die Linderung von menschlichem Leid geht. Jetzt flexibel, solidarisch und schnell zu reagieren, würde dem Sektor also gut stehen, empfiehlt Het Nieuwsblad.
Mehr Berlin in Brüssel
Ganz anderes Thema bei De Standaard: Es ist natürlich Zufall, aber genau an dem Tag, als der belgische Unternehmerverband auf einen Wachstumsplan für die hiesige Wirtschaft dringt, hat der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz seinen Plan präsentiert, um die deutsche Wirtschaft anzukurbeln. Manche der Elemente in den Reformplänen von Merz klingen vertraut für die belgische Politik, andere hingegen könnten durchaus als Inspiration dienen. Natürlich darf man dabei nie vergessen, dass Deutschland und Belgien in vielerlei Hinsicht nur schlecht vergleichbar sind, Stichwort Zersplitterung der Zuständigkeiten. Außerdem stehen unsere Nachbarn finanziell deutlich besser da. Aber man sollte festhalten, dass es die Koalitionspartner in Berlin geschafft haben, sich auf ein ausgewogenes Paket zu einigen. Hoffentlich nimmt sich die Rue de la Loi ein Beispiel daran, kommentiert De Standaard.
Sportliche Erfolge fallen nicht aus der Luft
Die frankophonen Zeitungen sind hingegen vor allem noch beim Sieg der Roten Teufel über die senegalesische Nationalmannschaft bei der Fußball-WM: Es gibt Spiele, die man sich anschaut, hält La Dernière Heure fest. Es gibt Spiele, die man erlebt. Und dann gibt es Spiele, von denen man denen, die noch nicht geboren waren, später erzählen wird. In die letzte Kategorie fällt das wunderbare Match Belgien gegen Senegal. Wenn unsere Kinder mal ihren Kindern über dieses Spiel erzählen werden, werden sie von einer Mannschaft sprechen, die nie aufgegeben hat, bringt es La Dernière Heure auf den Punkt.
Das Schicksal eines Nationaltrainers ist nun mal, dass seine Entscheidungen immer am Ergebnis gemessen werden, schreibt L'Avenir. Was den Job manchmal wirklich grausam macht. Wenn Belgien verloren hätte, würden wir jetzt über das Scheitern von Rudi Garcia schreiben anstatt über seinen Erfolg. Ein Klischee im Fußball lautet ja nicht umsonst, dass ein Trainer, der gewinnt, immer Recht hat. Aber dennoch muss man sagen dürfen, dass wir für die kommenden Spiele gerne von Anfang an mehr Kohärenz hätten bei der Teamzusammenstellung, so L'Avenir.
Ob nun die Roten Teufel, Nafi Thiam oder Wout Van Aert: Man sollte nie vergessen, dass all diese sportlichen Erfolge nicht möglich wären ohne den Amateursport, erinnert L'Echo. Zwei Pfeiler sind essenziell: Talente besser entdecken und einen möglichst großen Teich haben, in dem man nach diesen Talenten fischen kann. Es geht auch nicht nur darum, die Champions von morgen zu finden, die anderen als Vorbilder dienen können, sondern auch um Volksgesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der Sport verdient es, auch dann auf dem Tisch der Politik zu landen, wenn nicht gerade Olympische Spiele oder Fußball-Weltmeisterschaften stattfinden, appelliert L'Echo.
Boris Schmidt