"Das Wunder", titelt La Capitale. "Wunder in Seattle", so die Schlagzeile von Le Soir, Het Nieuwsblad, Het Belang van Limburg und Gazet van Antwerpen. "Sie haben es doch nochmal hingekriegt!", jubelt L'Avenir auf Seite eins.
Viele Zeitungen feiern heute auf ihren Titelseiten den Sieg der Roten Teufel im WM-Sechzehntelfinale gegen Senegal. Der Mannschaft gelang dabei ein fast unglaubliches Comeback. Fünf Minuten vor Schluss lagen die Teufel noch mit 0:2 im Rückstand. Und dann kam besagtes Wunder: Innerhalb von drei Minuten erzielten Romelu Lukaku und Youri Tielemans noch zwei Tore und damit den Ausgleich. In der Verlängerung verwandelte Tielemans dann noch einen Elfmeter; und da war das Wunder perfekt…
Inferno in Antwerpen
Es gibt heute allerdings auch deutlich weniger erfreuliche Schlagzeilen: "Ein pechschwarzer Tag für Antwerpen", titeln Gazet van Antwerpen und Het Nieuwsblad. "Ein Inferno in einem Wohnblock fordert fünf Todesopfer", schreibt Het Belang van Limburg. Bei einem verheerenden Brand in einem zehnstöckigen Apartmenthaus in Antwerpen sind gestern fünf Menschen getötet worden, 16 weitere wurden zum Teil schwer verletzt. "Ursache war vielleicht ein Kurzschluss bei Arbeiten am Stromnetz", mutmaßt Het Laatste Nieuws auf Seite eins. "Der Brand im Stadtviertel Linkeroever wirft Fragen über die Sicherheit auf", notiert seinerseits De Morgen.
Hitzköpfe
In ihren Leitartikeln beschäftigen sich einige Zeitungen heute mit dem allgemeinen innenpolitischen Klima.
"Die Qualität der Debatten war zuletzt doch unterirdisch", so das unbarmherzige Urteil von De Standaard. Bestes Beispiel ist die jüngste Hitzewelle. Da musste man zunächst einmal schmerzlich feststellen, dass dieses Land noch immer nicht über einen Hitzeplan verfügt, der diesen Namen verdienen würde. Und das trotz aller Warnungen der Wissenschaftler, die schon seit Jahren auf die Auswirkungen des Klimawandels hinweisen. In letzter Zeit häufen sich Ereignisse, die als Vorboten der Klimakatastrophe gewertet werden. Und wie reagiert unsere Politik? Mit einem Hauch von starrköpfiger und antiquierter Leugnung des Klimawandels. Man erinnere nur an den Post von Theo Francken, der den Menschen empfahl, das warme Wetter zu genießen. Dass Klima- und Hitzepolitik immer noch zu Grabenkämpfen zwischen der linken und der rechten Seite führen, ist verwunderlich. Denn, ob man nun grün oder konservativ ist: Jeder dürfte sich doch in den vergangenen Tagen Sorgen gemacht haben um ein älteres Familienmitglied. Wir brauchen dringend einen Plan, um unsere Gesellschaft der neuen Realität anzupassen. Es wäre unverantwortlich, wenn man jetzt, da die Hitzewelle hinter uns liegt, wieder zur Tagesordnung übergehen würde…
"Wir werden offensichtlich von Hitzköpfen regiert", kann auch Het Laatste Nieuws nur feststellen. In Antwerpen streiten sich N-VA und Vooruit über eine Israel-Flagge. Auf der föderalen Ebene wird nicht etwa über den Haushalt debattiert, sondern über Abtreibung, genauer gesagt die gesetzliche Frist, in der ein Schwangerschaftsabbruch durchgeführt werden kann. Ganz zu schweigen von den Debatten rund um die Hitzewelle. Man könnte meinen, vielen Politikern sei die Hitze zu Kopf gestiegen; sie verhalten sich jedenfalls, als stünden morgen Wahlen an. Das sorgt für ein spürbares Malaise, das die haushaltspolitischen Kopfschmerzen noch verstärkt. Die Nationalbank hat gerade wieder die Alarmglocke gezogen: Diese Regierung muss bis 2029 noch 14 Milliarden Euro auftreiben; der Rechnungshof warnt seinerseits schon vor einem Schneeballeffekt wie in den 1980er Jahren. Und währenddessen scheinen sich die Regierungsparteien zu radikalisieren, oder sie lenken von den finanziellen Sorgen ab. Oder beides.
Aufklärung unerwünscht
Le Soir beschäftigt sich mit dem jüngsten Skandal, der die Brüsseler Regionalpolitik erschüttert hat. Eine VRT-Reportage hatte himmelschreiende Missstände bei der sozialen Wohnungsbaugesellschaft in der Stadtgemeinde Anderlecht ans Licht gebracht. Im Mittelpunkt steht der PS-Verwaltungsratsvorsitzende, Lotfi Mostefa. "Was da genau schiefgelaufen ist, das werden wir aber wahrscheinlich nie erfahren", beklagt Le Soir. Zwar wurde ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss eingesetzt. Dessen Arbeit wurde aber nach allen Regeln der Kunst sabotiert und torpediert. Dabei hätte eine vernünftige Aufarbeitung des Falls doch helfen können, Fehlentwicklungen zu korrigieren. Aber anscheinend war das nicht gewünscht, hätte das sogar das Überleben der Regionalregierung gefährdet. Das sagt viel aus über den Zustand der Brüsseler Politik.
König Donald?
De Tijd schließlich wirft einen verstörten Blick auf das Weiße Haus in Washington. Während die Wirtschaft boomt, verhält sich der Präsident zunehmend wie der Führer einer Bananenrepublik, meint das Blatt. Jüngstes Beispiel: Gerade wurde bekannt, dass Präsident Donald Trump in seinem ersten Jahr seit seiner Rückkehr ins Amt umgerechnet rund zwei Milliarden Euro verdient hat. Etwa die Hälfte davon stammt aus dem Bereich der Kryptowährungen, den er selbst liberalisierte. Hinzu kommen Gewinne aus Aktienkäufen, die er immer genau zum richtigen Zeitpunkt tätigte, nämlich, kurz bevor er selbst eine wichtige Ankündigung zum betreffenden Unternehmen oder Sektor machte. Zu ihrem 250. Geburtstag geben die USA jedenfalls ein trauriges Bild ab: In dieser Woche wird der Moment gefeiert, in dem sich das Land von der britischen Krone lossagte und sich eine Verfassung gab, die jeden neuen Alleinherrscher unmöglich machen sollte. Und der Mann, der die Feierlichkeiten leitet, verhält sich -wo immer er kann- wie ein neuer König, der nur einen Leitspruch kennt: "L'état, c'est moi"...
Roger Pint