"Hitzewelle", titelt De Tijd. "Und es wird noch wärmer!", stöhnen Het Nieuwsblad und Gazet van Antwerpen. "Die wärmste Woche seit 1833", schreibt L'Echo auf Seite eins.
Belgien erlebt im Moment die extremste Hitzewelle seit Beginn der Wetteraufzeichnungen: So hohe Temperaturen über einen so langen Zeitraum, das gab es noch nie. Für viele Menschen ist das gerade eine wirkliche Herausforderung. "Polizisten fordern, dass sie einen Short tragen dürfen", schreibt La Dernière Heure auf Seite eins. Eine andere Folge der hohen Temperaturen steht auf Seite eins von Het Laatste Nieuws: "Der Strompreis bricht alle Rekorde", schreibt das Blatt. Im Moment ist der Strombedarf enorm, weil Klimaanlagen und Kühlsysteme auf Hochtouren laufen. Und dann steigt der Strompreis zeitweilig auf 1.000 Euro pro Megawattstunde; auch das gab's noch nie…
Wenn die Hitze den Alltag lahmlegt
"Es ist die wärmste Woche aller Zeiten", kann auch Het Nieuwsblad in seinem Leitartikel nur feststellen. Und solche Hitzeperioden werden künftig häufiger vorkommen und noch intensiver werden. Deswegen können sich die staatlichen Behörden auch nicht mehr darauf beschränken, den Menschen einige gutgemeinte Ratschläge zu geben. Denn inzwischen ist es offensichtlich, dass solche Hitzewellen die Gesellschaft regelrecht lähmen: Eine von drei Kitas muss ihren Betrieb einstellen; Schulen müssen ihren Lehrplan umstellen oder sogar die Kinder nachhause schicken; die Nationale Eisenbahngesellschaft SNCB muss ihr Zugangebot zusammenstreichen… Und all das wird in den nächsten Tagen wohl nur noch schlimmer. Da drängt sich doch eine Schlussfolgerung auf: Es bedarf struktureller Maßnahmen, um sich für solche Hitzeperioden zu wappnen. Wir müssen dringend lernen, mit solchen Extremwetter-Phasen zu leben. Im Grunde kommt das zu spät. Denn Warnungen gab's genug.
"Bei jeder Hitzewelle müssen wir aufs Neue entdecken, dass wir nicht darauf vorbereitet sind", beklagt auch L'Echo. Da braucht es offenbar erst eine neue Hitzewelle, um uns die wahre Tragweite des Problems wieder vor Augen zu führen. Um eine ganze Gesellschaft widerstandsfähiger zu machen gegen Extremwetter braucht es eine langfristige Vision; und davon sind wir im Moment noch meilenweit entfernt. Um dahin zu kommen, müssen mehrere Bedingungen erfüllt sein. Zuallererst muss man das Problem benennen. Zu viele Politiker haben immer noch die Tendenz, das Problem kleinzureden oder ganz auszublenden. Wie etwa der N-VA-Verteidigungsminister Theo Francken, der den Menschen einfach nur empfahl, "vom schönen Wetter zu profitieren". Zweite Bedingung: Alle Machtebenen müssen hier an einem Strang ziehen. Die Herausforderung ist so gigantisch, dass hier nicht wieder jeder sein eigenes Süppchen kochen kann. Vor allem aber muss die Sensibilisierung von Dauer sein. Es darf nicht sein, dass wir -nachdem das Thermometer wieder gesunken ist- einfach wieder zur Tagesordnung übergehen…
Die Krise, die manche nicht sehen wollen
De Morgen sieht das ähnlich: "Ein Teil des Problems ist, dass einige Politiker es gar nicht als solches sehen wollen. Bestes Beispiel ist eben Theo Francken, der die Menschen in den sozialen Netzwerken dazu aufrief, die Zeit "zu genießen". Und hier liegt schon der entscheidende Denkfehler, der uns im Grunde erst in die aktuelle Situation gebracht hat. Sich der Klimakrise anzupassen, das beschränkt sich nicht darauf, auf die Zähne zu beißen und das Ganze zu ertragen. Nein, hier sind erhebliche Investitionen nötig. Zweites Problem: Es gibt Menschen, die beim besten Willen nicht von dieser Hitzewelle profitieren können. Längst nicht jeder hat nun einmal einen schattigen Garten oder ein privates Schwimmbad. Das ist das eigentliche Drama dieser Hitzedebatte: Sie wird zur Karikatur; die wirklichen Probleme werden ausgeblendet."
La Libre Belgique gibt einige Tipps, wie man die Diskussion wieder in gesunde Bahnen lenken kann. Erstens: Das Ganze darf nicht in eine Moralpredigt ausarten. Zweitens: Man sollte es auch vermeiden, individuelles Verhalten pauschal anzuprangern; es hilft niemandem, wenn man mit dem Finger auf diejenigen zeigt, die eine Klimaanlage installiert haben. Die dritte Falle ist aber wahrscheinlich die wichtigste: Man sollte endlich damit aufhören, die Klimakrise irgendwo in ferner Zukunft zu verorten. Häufig ist da vom Horizont 2050 die Rede. Das macht den Klimawandel zu einer abstrakten Bedrohung. Dabei ist er längst da.
"Liebe Bürger, helft Euch selbst!"
"Und das Ganze kommt mit Ansage", meint L'Avenir. "Spätestens seit der Jahrtausendwende war der Klimawandel ein großes gesellschaftspolitisches Thema. Und in regelmäßigen Abständen warnt auch das Expertengremium der Vereinten Nationen vor den Folgen der Klimakatastrophe. Und doch scheinen wir bei jeder neuen Rekord-Hitzewelle aufs Neue aus allen Wolken zu fallen. Schlimmer noch: Je mehr der Klimawandel voranschreitet, desto mehr scheint das Thema aus der politischen Debatte zu verschwinden. Unsere Politiker scheinen einen zentralen Grundsatz vergessen zu haben: 'Regieren bedeutet vorausschauen'."
La Dernière Heure kommt zu einem ähnlichen Schluss. "Das Krisenzentrum ist zwar immerhin zusammengekommen, um sich mit der aktuellen Hitzewelle zu beschäftigen. Aber, um was zu beschließen? Im Anschluss wurden Empfehlungen ausgesprochen, auf die die meisten von uns wohl auch selbst gekommen wären; 'bleiben Sie im Schatten'; 'tragen Sie einen Hut'; 'ziehen Sie die Vorhänge zu'. Das ist doch ein bisschen dürftig. Statt eines nationalen Aktionsplans, um sich strukturell auf solche Extremwetterlagen vorzubereiten, gilt offenbar weiterhin die Maxime: 'Liebe Bürger, helft Euch selbst!'."
Roger Pint