"Eine Groß-Amerika-Weltmeisterschaft", titelt L'Avenir. "Die Show kann beginnen", meint La Dernière Heure auf Seite eins. "Anpfiff zu 104 Spielen in 39 Tagen", zählt das GrenzEcho in seinem Aufmacher auf. Heute beginnt die Fußballweltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko. Der Start dieses Sportereignisses ist das große Thema für die Leitartikler.
Le Soir notiert: Startschuss zu fünf Wochen sportlichen und populären Dauerorgasmus. Wer bietet mehr? Tatsächlich würde man sich gerne freuen zu Beginn dieses Fußballfestes, aber das grenzt fast schon an schizophrene Gymnastik. Zu viel Schatten liegt jetzt schon auf dieser WM. Sie ist durch wirtschaftliche Interessen dominiert, völlig politisiert und hat mit den USA ein Land als Hauptgastgeber, das gerade einen Krieg führt, die Einreise von Fans blockiert und alles andere als den amerikanischen Traum vorlebt. So hoch wie diesmal war der Preis wohl noch nie, den der Fußball für sein Weltfest zahlen muss, ärgert sich Le Soir.
Rote Linie überschritten
De Morgen erinnert: Korruption, halbillegaler Menschenhandel und politische Propaganda – an solche moralisch schwierigen Umstände haben sich Fußballfans im internationalen Geschäft zähneknirschend schon gewöhnt. Aber wenn ein Schiedsrichter nicht mehr in ein Land reisen darf, in dem er pfeifen soll, da hört es auf. Da ziehen wir die rote Linie. Dass die USA aber genau das getan haben, ist rundum beschämend für das Land. Zumal der Somalier Omar Artan einer der besten Schiedsrichter des afrikanischen Kontinents ist, schimpft De Morgen.
La Libre Belgique weiss: FIFA-Chef Gianni Infantino hat viel für diese WM versprochen. Seit Monaten wiederholt er immer wieder, dass die ganze Welt willkommen sei. Festzustellen bleibt: Das hat nicht geklappt. Infantino hat zwar viel versucht, sich US-Präsident Donald Trump an den Hals geschmissen, ihm einen Friedenspreis verliehen und sich auf zahlreichen politischen Veranstaltungen an die Seite von Trump gestellt. Kurz: Noch nie hat sich ein FIFA-Präsident so sehr zum Freund des politischen Führers eines WM-Ausrichterlandes gemacht. Alles umsonst. Unbeirrt bleiben die USA unter Trump die USA, die sie sein wollen. Dazu gehören auch die harten Einreisebestimmungen für Menschen aus ungeliebten Ländern, kritisiert La Libre Belgique.
Freude auf das Tor des Jahrhunderts
L'Avenir meint: Man muss schon wirklich den Fußball lieben. Wirklich, ganz stark, um nicht kritisch auf die heute beginnende Weltmeisterschaft zu schauen. Schon wieder wird diese Weltmeisterschaft nach der WM 2018 in Russland und 2022 in Katar eine WM, die nicht ohne schweren Bedenken stattfinden kann. So viel wird mittlerweile über die fragwürdigen Praktiken in den USA bezüglich der WM gesprochen, dass man fast vergisst, dass auch Kanada und Mexiko Ausrichter dieses Fußballfestets sind, bedauert L'Avenir.
Gazet van Antwerpen hält fest: Die Voraussetzungen sind gut, dass diese WM ein Schlag ins Wasser wird. Die ganze Kritik, die es jetzt an den USA und der FIFA gibt, vergällt einem fast schon die Lust auf Fußball. Aber lassen wir erstmal den Ball rollen. Dann werden wir uns mit Sicherheit wieder mitreißen lassen von dem Spektakel. Die Fans vor und in den Stadien werden außer Rand und Band sein, kleine Mannschaften überraschen, große begeistern, das Tor des Jahrhunderts wird geschossen werden… Fußball ist einfach magisch und lässt den Rest vergessen. Das war immer so und wird auch immer so bleiben, glaubt Gazet van Antwerpen.
Neu ist das zwar nicht, aber…
Das GrenzEcho beschäftigt sich mit der Einwanderungspolitik und schreibt: Der Asyl- und Migrationspakt der EU tritt am 12. Juni in Kraft. Nach Jahren erbitterter Debatten verkauft Brüssel ihn als großen Wurf. Aber auch Belgien wird die Grenzen das Pakts rasch zu spüren bekommen. Schnellere Verfahren helfen wenig, wenn Rückführungen an fehlender Kooperation der Herkunftsstaaten scheitern. Harmonisierte Regeln nützen wenig, wenn einzelne Mitgliedsstaaten sie halbherzig umsetzen. Der 12. Juni markiert deshalb keinen Schlusspunkt, sondern den Beginn eines neuen Praxistests. Europa wird nun zeigen müssen, ob es mehr kann als Regeln beschließen, findet das GrenzEcho.
Het Laatste Nieuws blickt auf die Parteienlandschaft und stellt fest: Die klassischen politischen Familien aus einer Partei in Flandern und der Schwesterpartei in der Wallonie, die gibt es nicht mehr. PS und Vooruit, Les Engagés und CD&V, MR und Anders, sie haben quasi nichts mehr miteinander zu tun. Die logische Schlussfolgerung ist, dass Flandern und die Wallonie zwei verschiedene Regionen sind. Politische Parteien finden nicht mehr aus historischen Gemeinsamkeiten zueinander, sondern nur noch, wenn Regierungen zu bilden sind. Das ist zwar nicht neu, war aber noch nie so deutlich wie heute, behauptet Het Laatste Nieuws.
Kay Wagner