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Die Presseschau von Freitag, dem 5. Juni 2026

05.06.202610:02
Demonstranten in Brüssel halten bunte Luftballons, außerdem hält ein Demonstrant ein Protestschild hoch
Demonstration in Brüssel gegen Kürzungen im Bildungsbereich der FG (Bild: Nicolas Maeterlinck/Belga)

In beiden Landesteilen machen die Zeitungen mit dem gestrigen Protesttag gegen die Sparmaßnahmen im frankophonen Bildungswesen auf. Der Dialog zwischen beiden Seiten scheint unmöglich zu sein. Die Mitschuld der Politik am Debakel wird in diesem Zusammenhang hervorgehoben.

"Das Chaos", schreibt La Dernière Heure in dicken Buchstaben auf Seite eins. "Die Unterrichtsproteste sind völlig entgleist", titeln Het Laatste Nieuws und Het Nieuwsblad. "Die Wut über die Sparmaßnahmen in der Französischen Gemeinschaft hält an", so die Schlagzeile von De Standaard. "Wird die Wut wieder abflauen?", fragt sich besorgt La Libre Belgique. L'Avenir formuliert es prägnanter: "Und jetzt?".

Auf vielen Titelseiten sieht man heute spektakuläre Fotos von der gestrigen Kundgebung in Brüssel. Schüler und Lehrer protestierten dabei gegen die Sparmaßnahmen im frankophonen Unterrichtswesen. Dabei kam es zu schweren Ausschreitungen.

"Schwarzer Donnerstag"

"Das war ein schwarzer Donnerstag", beklagt La Dernière Heure in ihrem Leitartikel. Die Demonstranten haben eine Schneise der Verwüstung hinterlassen: kämpferische Graffitis, brennende Fahrräder, Zerstörung von öffentlicher Infrastruktur. Auf der anderen Seite: Polizisten in Kampfmontur, Wasserwerfer, Festnahmen. Im Netz kursierte eine falsche Todesanzeige der zuständigen Unterrichtsministerin Valérie Glatigny; der Les Engagés-Vorsitzende Yvan Verougstraete wurde sogar physisch angegangen. Diese Bilder werfen doch einen dunklen Schatten auf die Proteste der Lehrer und Schüler, wenn die auch in den allermeisten Fällen friedlich abgelaufen sind. Was bleibt also vom gestrigen Tag? Die Schule und auch die Demokratie haben erheblichen Schaden genommen. Und diese Hämatome werden so schnell nicht verschwinden.

"Im frankophonen Bildungswesen ist gestern etwas kaputt gegangen", kann auch La Libre Belgique nur betrübt feststellen. Die Bilder von gestern sind wohl der letzte Beweis dafür, dass das Tischtuch zwischen den einzelnen Akteuren definitiv zerrissen ist. Nach den aufwendigen und langwierigen Reformen der letzten Jahre haben viele Lehrerinnen und Lehrer inzwischen nun endgültig den Eindruck, dass man ihnen weder zuhört noch sie respektiert. Und genau dieses Gefühl ist desaströs, erst recht in einer Berufsgruppe, die unter einem beispiellosen Nachwuchskräftemangel leidet. In dieser Geschichte gibt es nur Verlierer. Die Schule droht das zu verlieren, was sie zusammenhält: das Vertrauen.

Desaströses Bild

"Die Politik trägt eine erhebliche Mitschuld an dem Debakel", ist Le Soir überzeugt. Natürlich konnte die MR-Les Engagés-Regierung ein gewichtiges Argument ins Feld führen: Die Haushaltslage ist derartig dramatisch, dass an einer grundlegenden Reform und auch tiefgreifenden Sparmaßnahmen kein Weg vorbeiführt. Daran besteht kein Zweifel. Doch gibt es neben diesen objektiven Tatsachen auch noch die Art und Weise. Sprich: Die Regierung hat es versäumt, die Menschen mitzunehmen. Viele der Maßnahmen wirken brutal und unverhältnismäßig; begründet wurden sie mit oft kalten und unempathischen Argumenten. Und jetzt stehen wir vor einem Scherbenhaufen. Ein Dialog zwischen beiden Seiten scheint unmöglich geworden zu sein. Und man fragt sich wirklich, wie man den Kahn wieder flottkriegen kann.

"Der offensichtliche Mangel an politischem Taktgefühl wurde in den letzten Tagen noch einmal unnötig verstärkt", analysiert sinngemäß L'Avenir. Im Parlament der Französischen Gemeinschaft hat sich die Mehrheit nämlich zu allem Überfluss auch noch über die Geschäftsordnung hinweggesetzt. Kurz und knapp: Die Abstimmung im Plenum hätte in dieser Woche eigentlich gar nicht stattfinden dürfen, weil sie weniger als 84 Stunden nach der Verabschiedung im zuständigen Ausschuss erfolgte. "Demokratisch sauber" sähe wohl anders aus. Das Bild ist desaströs: Diejenigen, die die Gesetze machen, halten sich nicht einmal an ihre eigenen Regeln. Nicht nur, dass die Glaubwürdigkeit der Politik hier Schaden genommen hat, hier wurde die Debatte noch einmal zusätzlich vergiftet. Das alles wird Spuren hinterlassen. Und die wird man nicht mit hohlen Versprechen oder oberflächlichen Korrekturen aus der Welt schaffen können.

Der perfekte Zeitpunkt, um dem flämischen Beispiel zu folgen?

"Ministerpräsidentin Elisabeth Degryse will wohl die Krise aussitzen", glaubt La Capitale. Im Stillen hofft die Regierung wohl, dass der Proteststurm wohl irgendwann auch wieder abflauen wird. Und klar: Bald stehen die großen Ferien an, und bis dahin wird in vielen Schulen ohnehin nichts mehr passieren. De facto sieht man sich also frühestens wieder im September. Doch sollte die Regierung sich nicht darauf verlassen, dass die Kuh damit vom Eis wäre. Sollten die Proteste nach den Ferien wieder aufflammen, dann wäre das nicht der Epilog der aktuellen Krise, sondern das erste Kapitel eines viel langwierigeren Konflikts.

"Rauchbomben im Parlament, mit Farbe beschmierte Wände, brennende E-Roller: Ob nun legitim oder nicht, aber die Proteste sind in eine Orgie aus Vandalismus und Gewalt ausgeartet", konstatiert auch Het Laatste Nieuws. Bei alledem kann man nur hoffen, dass das das Werk von externen Krawallmachern war, und nicht von Lehrern und Schülern. Aber, mal abgesehen davon, auch in Flandern schaut man gerade sehr genau auf die Ereignisse im südlichen Landesteil. Denn für einmal geht die Französische Gemeinschaft mit einigen Maßnahmen weiter als die flämischen Kollegen. Klar: Der Kontext ist ein anderer. Die frankophonen Institutionen stehen finanziell mit dem Rücken zur Wand. Das wäre vielleicht auch der perfekte Zeitpunkt, um endlich mal dem flämischen Beispiel zu folgen und Region und Gemeinschaft zusammenzulegen. Zwei Regierungen im südlichen Landesteil, das ist ein Luxus, den sich die Frankophonen nicht mehr leisten können.

Roger Pint

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