"Die neun Leben von Etienne Davignon", titelt L'Echo; La Libre Belgique spricht sogar von den "tausend Leben". "Ein Leben hinter den Kulissen", so die Schlagzeile von De Morgen. "Niemand hatte hinter den Kulissen mehr Macht als er", schreibt Het Laatste Nieuws auf Seite eins.
Ausnahmslos alle Zeitungen erinnern heute an Etienne Davignon. Der ehemalige Diplomat, EU-Kommissar und Wirtschaftskapitän ist gestern im Alter von 93 Jahren gestorben. Davignon galt als "Dealmaker", als einer, der aus dem Hintergrund die Strippen zog. "Jeder kannte ihn und er kannte jeden", schreibt Het Nieuwsblad auf Seite eins. Das GrenzEcho nennt ihn den "Herrn der Netzwerke".
Etienne Davignon war aber auch gewissermaßen ein Mann des letzten Jahrhunderts. "Der letzte Vertreter der 'Belgique à papa'", so nennt ihn etwa De Standaard. Le Soir spricht vom "Ende einer Ära".
Stellvertretend für den Abgesang der Alten Welt
"Der Tod von Etienne Davignon steht tatsächlich stellvertretend für den Abgesang auf die alte Welt", meint Le Soir in seinem Leitartikel. Auf eine Welt, in der Belgien noch eine geopolitische Rolle spielte, in der der Traum einer Europäischen Union Wirklichkeit wurde, eine Welt, die auf den Trümmern des Zweiten Weltkrieges das Völkerrecht und eine neue Weltordnung erschuf. In dieser Welt hatte sich Etienne Davignon einen festen Platz erobert. Dies freilich ohne Naivität, ohne billigen Flaggennationalismus und ohne belgizistische Nostalgie, sondern vielmehr mit einem einzigartigen Sinn für Realpolitik. So war er davon überzeugt, dass Belgien beziehungsweise Europa die volle Kontrolle über seine Energie, sein Finanzwesen, seine Medien und andere strategische Bereiche behalten müsse. Sein Credo sollte für uns eine Mahnung sein. Etienne Davignon hat tiefe, bleibende Spuren hinterlassen, ist auch L'Echo überzeugt. Sein Name ist verbunden mit den großen Episoden der Nachkriegszeit: Unabhängigkeit des Kongos, europäischen Integration, Ölkrise, Untergang der Stahlindustrie: Davignon war immer dabei. Keine andere belgische Persönlichkeit ist so intim mit der jüngeren Geschichte des Landes verbunden. Das machte Davignon aber zugleich zum letzten Repräsentanten der "Belgique à papa", mit allem, was dazugehörte: ein Einheitsstaat mit mächtigen Industrieholdings und frankophon dominiert. Kritiker warfen ihm vor, dabei geholfen zu haben, eben diese Welt abzubrechen; dass er es war, der das belgische Tafelsilber und die wirtschaftlichen Kronjuwelen verscherbelt hat. Klar gab es in seinem Leben auch Schattenseiten. Die lachte er aber auf seine unnachahmliche Art einfach weg.
"Willkommen in Belgien!", bis man einmal da ist
Het Laatste Nieuws bezieht sich zwar nicht auf Etienne Davignon, beklagt aber auch den verschwundenen Glanz. "Dem ankommenden ausländischen Gast bietet sich ein trostloser Anblick", meint das Blatt. Am Brussels Airport regiert aktuell das Chaos. Reisende müssen mit fast endlos langen Warteschlangen leben. Das erinnert fast schon an den Brüsseler Südbahnhof, der ja mit Abstand der internationalste des Landes ist. Auch dort bekommt der aussteigende Fahrgast gleich eine beschämende Visitenkarte des Landes. In beiden Fällen teilen sich die jeweiligen Regionen mit dem Föderalstaat die Zuständigkeit; und in beiden Fällen schieben sich die Verantwortlichen gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Das ist nicht nachvollziehbar: Wir reisen mit dem Königshaus um die ganze Welt, um Investoren in unser Land zu locken. "Willkommen in Belgien!", bis man einmal da ist.
Die Starrköpfigkeit der Regierung
De Morgen beleuchtet einmal mehr die Politik der Arizona-Koalition und bescheinigt der Regierung Starrköpfigkeit. Man kennt das Phänomen von der Börse oder auch vom Spieltisch: Der Mensch neigt dazu, wider besseres Wissens weiter auf eine riskante Entscheidung zu setzen, um die erlittenen Verluste doch noch irgendwie wettzumachen. Die Regierung ist gerade auf einem ähnlichen Irrweg. Oder warum hält sie immer noch an ihren Plänen zur Deckelung der Indexierung fest? Jeder weiß, dass die Maßnahme in ihrer derzeitigen Form praxisuntauglich ist. Bester Beweis: Die Unternehmen, für die dieses "Geschenk" doch eigentlich gedacht ist, lehnen dankend ab. Das alles hat wohl vor allem damit zu tun, dass De Wever & Co. hier nicht schon wieder das Gesicht verlieren wollen, nach dem Mehrwertsteuerflopp und nach dem viel zu spät verabschiedeten Programmgesetz. Jetzt agiert man also nach dem Motto: "Beschlossen ist beschlossen; und damit basta!" Das ist umso tragischer, als die Regierung damit auch noch die ausgestreckte Hand der Sozialpartner ausschlägt.
Zukunft des Gesundheitssystems – Es darf keine Tabus geben
De Tijd beschäftigt sich ihrerseits mit der Zukunft des Gesundheitssystems. Das Landesinstitut für Kranken- und Invalidenversicherung LIKIV verfügt über ein Budget von knapp 47 Milliarden Euro pro Jahr. Wenn die Regierung im Rahmen ihrer Haushaltsberatungen stolze sieben Milliarden finden muss, dann kann man sich an den fünf Fingern abzählen, dass auch im Gesundheitswesen der Hebel angesetzt werden dürfte. Hier sollte man sich vor allem einmal mit den Kosten von Arztbesuchen beschäftigen. Beim Hausarzt etwa beläuft sich die Selbstbeteiligung auf vier Euro. Patienten mit Anspruch auf höhere Erstattung zahlen lediglich einen Euro. Hier stellt sich die Frage, ob man nicht den Eigenanteil für die Patienten erhöht. Daraus folgt aber auch gleich die zweite Diskussion. In Belgien verfügen elf Prozent der Menschen über ein Einkommen, das unter der Armutsgrenze liegt. Demgegenüber haben aber 21 Prozent der Patienten ein Anrecht auf erhöhte Kostenübernahme. Dieser Sozialtarif scheint also für mehr Menschen zu gelten, als die Statistiken es nahelegen. Zwei Stoßrichtungen also: Man muss nach denjenigen suchen, die wirklich ein Fangnetz nötig haben; und auch nach denen, die es zu Unrecht nutzen. Und in dieser Debatte darf es keine Tabus geben.
Roger Pint