"Die Zahl der Langzeitkranken klettert auf einen neuen Rekordstand", titelt L'Echo. "Neuer Rekord bei den Langzeitkranken", so auch die Schlagzeile von De Tijd. "Aber", so notiert De Morgen: "Es sind weniger Langzeitkranke als befürchtet".
Die Zahl der Langzeitkranken steigt also weiter. Ein Vergleich mit der Situation vor fünf Jahren zeigt das Ausmaß der Entwicklung: "Da sieht man einen Anstieg von über 100.000. Experten sind nicht überrascht. Wegen der Erhöhung des Renteneintrittsalters Anfang letzten Jahres hatten sie sogar mit einem stärkeren Anstieg gerechnet.
"Dennoch: Die Zahl der Langzeitkranken ist in Belgien viel zu hoch", ist De Tijd in ihrem Leitartikel überzeugt. Noch vor zwei Jahren hieß es, dass die Zahl der Menschen, die Invaliditätsleistungen beziehen, im Jahr 2035 die Schwelle von 600.000 erreichen würde. Wenn das so weitergeht, dann wird diese Grenze bereits in sechs Monaten überschritten. Das ist nicht mehr und nicht weniger als ein gesamtgesellschaftliches Scheitern. Erstmal für die Betroffenen selbst, die sich in ihrem Alltagsleben eingeschränkt sehen. Der Grund ist häufig, dass sie dem stetig wachsenden Arbeitsdruck nicht mehr standhalten können. Zugleich bedeutet das aber auch, dass die Maßnahmen der zuständigen Regierungen, um diese Entwicklung zu stoppen, nach wie vor weitgehend ins Leere laufen. Hier sind aber alle Akteure gefragt, von den Ärzten und Krankenkassen über die Gewerkschaften und Arbeitgeber, bis hin zu den Patienten selbst. Und angesichts leerer Kassen steigen der Druck und die Ungeduld: Sollte sich der Trend fortsetzen, dann führt wohl am Ende nichts mehr an einer schmerzhaften Rosskur vorbei.
"Die Straße darf nicht ignoriert werden"
"Dabei herrscht doch schon jetzt spürbare Unruhe an der Sozialfront", kann L'Avenir nur feststellen. Am kommenden Dienstag rufen die Gewerkschaften erneut zu einer nationalen Kundgebung auf. Bei den drei vorherigen Auflagen waren jeweils 100.000 Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die Spar- und Reformagenda der Arizona-Koalition zu protestieren. Anders gesagt: Die Föderalregierung wird das nicht ewig aussitzen können. Im Gegenteil: Die Equipe um Premier Bart De Wever wäre gut beraten, jetzt endlich ein offenes Ohr zu zeigen für die Sorgen und Nöte der Menschen. Denn, nicht vergessen: Der Wähler hat der Politik bei der Wahl 2024 kein Mandat für all diese Maßnahmen gegeben; das war damals schlichtweg kein Thema. Klar: Politik wird nicht auf der Straße gemacht. Wenn man die Straße aber weiter ignoriert, dann riskiert man eine Eskalation.
Eine Frage der Perspektive
De Morgen beschäftigt sich seinerseits mit den neuerlichen Antisemitismus-Vorwürfen des amerikanischen Botschafters in Belgien, Bill White. Der hatte sich ja empört gezeigt, nachdem bekannt geworden war, dass zwei jüdische Beschneider aus Antwerpen tatsächlich strafrechtlich verfolgt werden könnten. Es versteht sich von selbst, dass ein solcher Eingriff nur von einem Arzt durchgeführt werden kann unter angemessenen Bedingungen. Die Reaktion der Brüsseler Politik wirft dennoch Fragen auf, meint das Blatt in seinem Kommentar. So scheint niemand an den Beschneidungen selbst rütteln zu wollen. Religion hin oder her, aber ist ein solcher Eingriff wirklich zu rechtfertigen? Bei Kindern unter fünf Jahren kann man wohl schwerlich von einem Recht auf Selbstbestimmung sprechen. Bei Frauenbeschneidungen gibt es inzwischen einen allgemeinen Konsens; in Belgien sind solche Praktiken verboten und strafbar. Bei Jungs ist das hingegen weiterhin kein Problem. Beides mag nur bedingt vergleichbar sein, aber im vorliegenden Fall stehen Religion und Tradition dann offensichtlich doch wieder über der physischen Integrität eines Kindes. Da stellt sich die Frage, ob es genau so still bleiben würde, wenn es sich nicht um eine jüdische, sondern um eine islamische Tradition handeln würde.
Weltmeister im Wunschdenken
Het Laatste Nieuws greift die jüngsten Geheimdienstberichte über die Situation in Russland auf. Demnach soll Präsident Putin seinen Bunker in Krasnodar – weit weg von Moskau – nur noch ganz selten verlassen. Hat er Angst vor einem ukrainischen Angriff? Oder vor einem Staatsstreich? Wir wissen es nicht. Was wir allerdings wohl wissen: Wenn Geheimdienstberichte plötzlich durchsickern, dann ist das selten ein Zufall. Im vorliegenden Fall stellt sich die Frage, ob die ans Licht gekommenen Informationen nicht dazu dienen sollen, die öffentliche Meinung in Europa zu beeinflussen. 90 Milliarden Euro legt die EU auf den Tisch, um der Ukraine zu helfen. Da ist es bestimmt nicht schlecht, wenn plötzlich Berichte auftauchen, die darauf hinzudeuten scheinen, dass die Investition auch Wirkung zeigt. Außerdem nimmt man dadurch den Extremisten auf der linken wie auch auf der rechten Seite den Wind aus den Segeln, die ja behaupten, dass Russland den Krieg gewinnt, und dass man deswegen schnellstens mit Putin reden sollte. Wenn Geheimdienste jetzt andeuten, dass Putin wankt, dann erübrigt sich das. Nicht vergessen: Wir Europäer sind die Weltmeister im Wunschdenken.
Nichts währt "per se" ewig
De Standaard schließlich erinnert an das heutige Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges. Der 8. Mai symbolisiert wie kein anderer Tag den Sieg der Demokratie über den barbarischen Faschismus. Der Zweite Weltkrieg hat den europäischen Kontinent wie kein anderer Konflikt gezeichnet. Um zu verhindern, dass sich eine solche Tragödie wiederholt, hat man unter anderem die heutige Europäische Union gegründet. Auf den Trümmern hat man darüber hinaus den Wohlfahrtsstaat gebaut mit seiner sozialen Sicherheit. Beides steht heute wieder unter Druck. Sogar die Frage, ob man nicht aus dem 8. Mai einen gesetzlichen Feiertag machen sollte, polarisiert: Vor allem in Flandern stehen sich hier die rechten und die linken Parteien einmal mehr gegenüber. Das sollte uns aber nicht daran hindern, heute die Freiheit zu feiern, der Toten zu gedenken und uns an die Feststellung zu erinnern, dass nichts "per se" ewig währt.
Roger Pint