"Erneuter schwerer Schlag für die Kreditwürdigkeit des Landes", titelt Het Nieuwsblad. "Neuer Weckruf für die belgischen Finanzen - auch Standard & Poor's setzt die Kreditwürdigkeit herab", schreibt Het Laatste Nieuws auf Seite eins.
Nach Fitch im vergangenen Jahr und Moody's vor einer Woche hat nun also auch die Ratingagentur S&P die Kreditnote des Landes gesenkt. Zwar war die Entscheidung erwartet worden, doch bleibt es eine schlechte Neuigkeit für die Regierung. Denn die Folge ist, dass die Kreditzinsen des betreffenden Landes steigen, also - grob gesagt - die Staatsschuld teurer wird.
"Geschäfte an sieben Tagen in der Woche bis 21 Uhr geöffnet - die Gewerkschaften sind wütend", so derweil die Aufmachergeschichte von L'Avenir. Die Föderalregierung hat gestern eine Lockerung des Ladenschlussgesetzes beschlossen. Demnach dürfen Geschäfte also künftig bis 21 Uhr geöffnet bleiben. Außerdem fällt der gesetzliche Ruhetag weg. Den Gewerkschaften geht das zu weit und wollen jetzt sogar dagegen klagen.
"Eine Reform, die niemand wollte"
Le Soir schließt sich gewissermaßen diesem Protest an. "Das ist eine Reform, auf die wir nicht gewartet haben und die auch - abgesehen vom Einzelhandelsverband Comeos - niemand wollte", wettert das Blatt in seinem Leitartikel. Und die zuständige MR-Ministerin Eleonore Simonet kann noch so oft argumentieren, dass man mit der Maßnahme doch nur auf die Wünsche und Erwartungen der Verbraucher eingeht; es gibt keine Studie, die das belegt. Außerdem führt Simonet an, dass man dem Einzelhandel die Möglichkeit geben will, sich gegen das Shopping im benachbarten Ausland oder gegen den Onlinehandel behaupten zu können. Aber auch das ist nicht bewiesen. Und wenn Simonet darauf verweist, dass das Ganze ja nur eine Möglichkeit und keine Pflicht ist, dann lügt sie sich in die Tasche. Jeder weiß, dass viele Supermärkte wohl keine andere Wahl haben werden, als mitzuziehen. "Es ist doch nur ein Tag beziehungsweise eine Stunde mehr", mögen da die Befürworter der Maßnahme einwenden. Eben nicht! Es ist viel mehr als das! Es ist eine grundlegende gesellschaftliche Umwälzung.
La Libre Belgique hakt genau da ein. Jetzt wird also der "heilige Sonntag" auf dem Altar der Flexibilität geopfert. "Heilig" war der nicht mehr nur aus religiösen Gründen, hier ging es fast schon um einen zivilisatorischen Kompromiss. Der Sonntag war der Tag, an dem wir gemeinsam Zeit verbringen konnten, eine kollektive Pause, mit der Familie, mit Freunden oder Nachbarn. Und genau das will man jetzt aufbrechen. Im Namen der Modernisierung. Das ist viel mehr als nur eine "technische" Korrektur, in der Praxis läuft das auf eine tiefgreifende Umwälzung hinaus. Natürlich gibt es Berufsgruppen, die auch heute schon an Sonntagen arbeiten müssen: In Krankenhäusern, im Hotel- und Gaststättengewerbe, in der Tourismusbranche, und nicht zuletzt auch in Redaktionen. Dennoch stellt sich hier die Frage, ob wir wirklich immer verfügbar sein müssen.
"Freiheit ist ein hohes Gut"
"Und die Wut des Aldi-Personals ist absolut nachvollziehbar", ist auch Het Laatste Nieuws überzeugt. In den letzten Tagen wurden ja zahlreiche Märkte des Discounters bestreikt. Die Beschäftigten protestieren gegen Pläne der Direktion, die Geschäfte auch sonntags zu öffnen. "Verständlich!", meint das Blatt. Wenn der Begriff "Ruhetag" aus den Wörterbüchern verschwindet, dann drohen wir als Gesellschaft etwas zu verlieren. Schon jetzt ist es schwer genug, ein gemeinsames Treffen mit Familie oder Freunden zu organisieren. "Das kann nur schlimmer werden", wäre man geneigt zu sagen. Da empfiehlt sich ein Blick nach Deutschland. Dort ist die "Sonntagsruhe" noch immer heilig. Ist deswegen die Wirtschaft kollabiert? Oder drohen die Deutschen zu verhungern? Im Gegenteil! Das zwingt der ganzen Gesellschaft nur einen anderen Rhythmus auf. Weil die Geschäfte geschlossen sind, muss sich auch niemand entscheiden zwischen einem Familienfest und einer Schicht an der Supermarktkasse. Nicht vergessen: Freiheit ist ein hohes Gut.
"Es ist zu spät"
Nicht alle Zeitungen würden diese Argumentation unterschreiben. "Die Zeiten ändern sich nun mal", meint etwa Het Nieuwsblad. Und die Sonntagsruhe gehört eben in den Augen vieler der Vergangenheit an. Das sonntagliche Hochamt in der Kirche ist in jedem Fall kein Argument mehr. Demgegenüber ist es vollkommen nachvollziehbar, dass die Supermärkte die Möglichkeit bekommen wollen, sich wirklich gegen den Onlinehandel zu behaupten. Man will für die Kunden möglichst immer verfügbar sein, denn Warten bedeutet verlieren. Klar: Der Sonntag hatte seinen Charme: Einen Tag pro Woche kamen wir kollektiv zur Ruhe und schauten alle gemeinsam dasselbe Fernsehprogramm. Aber muss man sich krampfhaft daran festklammern? Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten.
Gazet van Antwerpen sieht das genauso. Inzwischen machen die Supermärkte an Sonntagen fast den gleichen Umsatz wie unter der Woche. Man kann also nicht behaupten, dass es da keine Nachfrage gäbe. Ohnehin gilt inzwischen für viele von uns das Gesetz der Flexibilität. Das betrifft längst nicht mehr nur die Supermärkte. Dann ist es doch nachvollziehbar, dass sich die Gesellschaft insgesamt dieser Entwicklung anpasst. Natürlich hat das seine Schattenseiten. Bester Beweis ist die stetig steigende Zahl von Burnouts. Natürlich würden sich in unserem immer wilder werdenden Alltagsleben viele einen echten Ruhetag wünschen. Aber es ist zu spät. Die absolute Sonntagsruhe kommt nie wieder zurück.
Roger Pint