"UFF! Zerbrechliche Waffenruhe im Iran: Aber wie lang wird die Erleichterung anhalten?", fragt La Dernière Heure auf Seite eins. "Viele Fragen um Waffenruhe im Iran-Krieg", resümiert das GrenzEcho. "Israel nutzt die Iran-Pause, um ein tödliches Inferno in Beirut anzurichten", meldet De Standaard. "Waffenruhe schon geschändet", schreibt Het Nieuwsblad. "Eine Waffenruhe, die schon am Rand des Scheiterns steht", hält La Libre Belgique fest. "Eine schon bedrohte Waffenruhe", formuliert es Le Soir sinngemäß ähnlich.
Europa applaudiert jetzt (zu Recht) vorsichtig, schließlich rettet jede Feuerpause Leben, hebt das GrenzEcho in seinem Leitartikel hervor. Doch die Mahnung bleibt: Wer das Feuer legt, verdient keinen Beifall, weil er einen Eimer Wasser nachschüttet. Dieser Krieg war vermeidbar; er ist teuer erkauft worden – finanziell, wirtschaftlich und vorrangig humanitär. Vorbei ist er nicht, er ist lediglich vertagt. Und die eigentliche Frage steht weiterhin unbeantwortet im Raum: Wie soll dieses Fiasko in Nahost enden?, fasst das GrenzEcho zusammen.
Tout ça pour ça?
Sich gratulieren, weil man angeblich eine Krise gelöst hat, die man selbst verursacht hat – das ist offenbar die Strategie von Donald Trump, scheinen die Zeitungen der Sudinfo-Gruppe in die gleiche Kerbe zu schlagen. Aber was hat der US-Präsident nach 40 Tagen wüsten Drohungen, brutalen Angriffen, Bomben, sich ständig widersprechenden und apokalyptischen Aussagen eigentlich erreicht? Nicht viel anscheinend, die Lage scheint so prekär wie eh und je. Der amerikanische Milliardär hat es trotz erdrückender militärischer Übermacht nicht geschafft, auch nur ein einziges seiner Kriegsziele zu erreichen. Schlimmer noch, er hat eine globale Energiekrise ausgelöst, der Glaubwürdigkeit seines Landes nachhaltig geschadet und einen neuen illegalen US-Krieg im Nahen Osten vom Zaun gebrochen. Derweil haben die Herrscher des Iran den Amerikanern eine Lektion erteilt, die sie nicht so schnell vergessen werden, konstatiert Sudinfo.
Es sei ein totaler Sieg über den Iran, hat Trump posaunt, schreibt La Dernière Heure. Bullshit! Der Iran hat nicht nur die Kontrolle über die Straße von Hormus übernommen, sondern erhebt jetzt auch noch Zölle auf die Durchfahrt von Schiffen. Trump rühmt sich, eine Seestraße wieder geöffnet zu haben, die vor seinem Krieg schon offen war. Es gibt keinen amerikanischen Sieg, egal wie man es dreht und wendet. Positiv ist nur eines hervorzuheben: Das Allerschlimmste ist zumindest vorerst verhindert worden, so La Dernière Heure.
Man ist schon versucht zu sagen: Tout ça pour ça? All das für dieses Ergebnis?, kommentiert L'Avenir. Weil unter den gegebenen Bedingungen sehen wir wirklich nicht, wie von einem Sieg für die amerikanische Seite die Rede sein kann. Trump wurde aus allen Richtungen enorm unter Druck gesetzt und hat sich entschieden, den Ausweg aus dem Schlamassel zu nehmen, den ihm Pakistan angeboten hat. Das war kein Sieg. Das war ein Anhalten am Rand des Abgrunds, stellt L'Avenir klar.
Tout ça pour ça, was für ein Trümmerfeld, greift sich auch Le Soir an den Kopf. Überall nur Verlierer, ein Riesenchaos, Probleme, die nicht gelöst wurden, sondern nur schlimmer gemacht worden sind. Die Vereinigten Staaten sind in voller Flucht, der Iran und Israel sind völlig enthemmt. Wie lächerlich klingen da die Siegesreden aus dem Weißen Haus. Die Welt war noch nie so instabil wie heute. Und die Verantwortung dafür trägt Donald Trump, wettert Le Soir.
Comical Pete
"The president of peace", der Friedenspräsident, hat Pete Hegseth Trump bei einer Pressekonferenz genannt, kann es De Standaard kaum fassen. Ohne mit der Wimper zu zucken! Der US-Kriegsminister erinnert immer mehr an "Comical Ali", den irakischen Informations- beziehungsweise Propagandaminister zu Zeiten des Zweiten Golfkriegs. Aber egal wie dreist die Trump-Administration auch lügt: Die amerikanische Propagandamaschine hat keine Antworten auf die weltweite Fassungslosigkeit über diesen Krieg. Ein Krieg, der offenbar nicht mal strategische Ziele hat. Angezettelt von einem Mann, der sich wie ein kleines Kind verhält, wenn er nicht bekommt, was er will, unterstreicht De Standaard.
Die Amerikaner mögen sich noch so lautstark auf die Brust klopfen: Sie haben vor allem verloren, meint Gazet van Antwerpen. Das Regime in Teheran sitzt weiter fest im Sattel, wenn nicht noch fester, sein angereichertes Uran hat der Iran weiter, das Land ist nach wie vor in der Lage, mit seinen Raketen und Drohnen die ganze Region zu bedrohen. Und die Öffnung der Straße von Hormus verdient sicher keinen Preis, die war nämlich vorher schon offen. Besonders peinlich ist, dass das alles absolut absehbar war. Selbst für die Führung der US-Armee. Nur offenbar nicht für den Autokraten, Imperialisten und Narzissten im Weißen Haus, giftet Gazet van Antwerpen.
Zeit für ein Regimewechsel!
Nüchtern betrachtet kann man nur zu einem Schluss kommen, findet Het Nieuwsblad: Dieser ganze Krieg ist und bleibt ein katastrophaler Patzer. Was das Weiße Haus natürlich nicht davon abhält, den Sieg zu beanspruchen. Aber wie wir längst wissen, ist "Wahrheit" in Washington schon lange zu einem sehr dehnbaren Begriff geworden, frotzelt Het Nieuwsblad.
Es ist wirklich Zeit für einen Regimewechsel. In Washington, fordert De Morgen. Das Beste, was der Welt passieren könnte, ist, dass das amerikanische Volk seinen kriegssüchtigen, irren Präsidenten schnellstmöglich absetzt. Allein schon die Sorglosigkeit, mit der Trump mit im wörtlichen Sinn Massenvernichtung geflirtet hat, zeigt, dass er ungeeignet ist, die schwere Verantwortung eines Staatsführers zu tragen. Und wir in Europa müssen uns von den Vereinigten Staaten lösen. Ja, zu lernen, auf eigenen Beinen zu stehen wird hart und schmerzhaft werden. Aber wir sollten keine Angst davor haben. Unser Schicksal weiter an den gemeingefährlichen, unberechenbaren Verrückten in Washington zu hängen, ist viel gefährlicher als zu versuchen, unabhängig zu werden, ist De Morgen überzeugt.
Boris Schmidt