"Zehn Jahre nach den Anschlägen von Brüssel: Das dürfen wir nie vergessen", fordert La Dernière Heure auf Seite eins mit Fotos der von den Explosionen verwüsteten Abflughalle des Flughafens Zaventem und des zerfetzten U-Bahn-Zugs in der Nähe der Metrostation Maelbeek. "Zehn Jahre danach: ein unauslöschliches Leiden", titelt Le Soir. "Gedenken an die Anschläge vor zehn Jahren: Opfer bringen die Kammer zum Weinen", blickt Het Laatste Nieuws zurück auf eine erste Veranstaltung im föderalen Parlament. "Terrorismus: Die Gefahr ist noch immer da!", warnt La Capitale.
Ein Jahrzehnt ist vergangen seit dem mörderischen islamistischen Doppelanschlag vom 22. März 2016 in Brüssel, hält La Dernière Heure in ihrem Leitartikel fest. Aber für die 35 Toten und die 340 Verletzten, für ihre Angehörigen und Hinterbliebenen und für alle, die noch immer die unsichtbaren Narben tragen ist die Uhr damals stehengeblieben, an diesem Morgen um 07:58 Uhr und um 09:11 Uhr. Das Gedenken daran ist nicht einfach nur eine Pflichtveranstaltung im nationalen Kalender. Indem wir des Schreckens gedenken, kämpfen wir auch gegen die Erosion der Erinnerung, die solche furchtbaren Ereignisse nach und nach weichzeichnet. Gedenken bedeutet auch, diejenigen zu würdigen, die aufrecht geblieben sind, und diejenigen, die nicht wieder aufgestanden sind. Gedenken bedeutet, sich immer wieder vor Augen zu halten, dass die dschihadistische Gefahr immer noch da ist und jederzeit und überall wieder Unschuldige ermorden kann. Wir haben drei Verpflichtungen: zu erinnern, wachsam zu bleiben und weiter zusammenzustehen, appelliert La Dernière Heure.
Wir haben gewonnen
Ändert sich die Art und Weise schon, mit der wir auf die Anschläge zurückblicken?, fragt sich L'Avenir. Bereits das Ende des Gerichtsprozesses gegen die Täter und ihre Helfer im September 2023 fühlte sich für viele Menschen an wie das Ende eines langen Prozesses. Dass diese Ereignisse nun schon zehn Jahre zurückliegen, ist ein vergleichbarer Punkt, es ist, wie wenn man die letzte Seite eines Buchs umblättert. Wie wird sich das auf das kollektive Gedächtnis auswirken? Es ist wohl davon auszugehen, dass der 15. und 20. Jahrestag anders aussehen werden. Die Anschläge von Brüssel werden nach und nach zu einem weiteren Eintrag in der Liste der großen Katastrophen des Landes werden, neue Generationen werden nur noch in der Schule darüber lernen, sinniert L'Avenir.
Die Anschläge haben uns alle bis ins Mark getroffen, unterstreicht De Morgen. Und sie haben das Land, die Hauptstadt und die Politik gezwungen, sich unangenehme Fragen zu stellen. Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass die Terroristen Lücken und Probleme in unserem System ausnutzen konnten, von zu viel Bürokratie in puncto Sicherheitspolitik über Nonchalance gegenüber religiöser Radikalisierung bis hin zu nur mäßig erfolgreicher Integration. Diese Mankos dürfen und müssen benannt und thematisiert werden. Aber wir dürfen auch nicht glauben, dass das typisch belgische Probleme sind, die Geschichte des internationalen Terrors lehrt, dass das nicht stimmt. Zehn Jahre nach den Anschlägen dürfen wir auch sagen: Wir und unser liberales Gesellschaftsmodell haben gewonnen, auch wenn die Attentäter damals vielleicht einen Sieg in einer Schlacht für sich beanspruchen konnten, meint De Morgen.
Versagen bei der Begleitung der Opfer
Nach den Anschlägen hieß es vielerorts, dass Belgien ein "failed state" sei, ein gescheiterter Staat, erinnert Le Soir. Und ja, es hat Probleme gegeben, ernste sogar, gar keine Frage. Aber in welchem Staat wäre das denn nicht so gewesen? Fakt ist, dass Belgien sich gut geschlagen hat angesichts des Ausmaßes der Katastrophe, angefangen bei den Krankenhäusern vor Ort über Polizei und Justiz, die vor die Herkulesaufgabe der Ermittlungen gestellt wurden, bis hin zum mustergültigen Gerichtsprozess, der den Tätern und ihren Komplizen gemacht wurde. Und wir haben auch wichtige Lehren gezogen und unsere Systeme zur Prävention von Radikalisierung und zur Bekämpfung des Terrorismus verbessert. Es ist also wirklich nicht gerechtfertigt, von einem "Scheitern" des Staates zu sprechen. Mit einer großen Ausnahme: der Unterstützung und Begleitung der Opfer, prangert Le Soir an.
Nicht wenige Betroffene klagen bis heute über mangelnde Unterstützung durch die Behörden, schlägt das GrenzEcho in dieselbe Kerbe. Über zermürbende Verfahren und eine Bürokratie, die belastet, statt zu entlasten. Über einen Staat, der an Jahrestagen spricht, im Alltag aber zu oft schweigt. Das ist unwürdig und muss so benannt werden. Wer der Opfer gedenkt, darf sie nicht mit Formularen alleinlassen. Erinnerung ohne verlässliche Hilfe bleibt unvollständig. Mehr noch: Sie droht, hohl zu werden. Der 22. März 2016 bleibt ein Datum der Trauer. Aber er ist auch eine Mahnung, die nicht laut sein muss, um eindringlich zu sein: Sicherheit ist nie endgültig, Erinnerung ist nie erledigt. Und Würde ist kein Zusatz zum Gedenken, sondern sein Maßstab, betont das GrenzEcho.
Langweilig sein hat auch Vorteile
Ganz anderes Thema bei Het Laatste Nieuws: Unser Land schickt doch eine Waffe in den Krieg im Nahen Osten – den gefürchteten belgischen Kompromiss, frotzelt die Zeitung. Nach langen Diskussionen erwägt Belgien, eine Erkundungsmission in die Region zu entsenden, um herauszufinden, was dort militärisch benötigt wird. Das ist natürlich nicht mehr als ein Deckmäntelchen für politische Entschlusslosigkeit. Für eine echte Militärmission fehlt innerhalb der Föderalregierung aktuell einfach der Konsens. Gleichzeitig können wir uns aber auch nicht erlauben, forsch einfach "Nein" zu sagen, wenn uns Länder um Unterstützung bitten, auf die wir bei unserer Energieversorgung angewiesen sind. Aber auch wenn unsere politisch Verantwortlichen manchmal herumeiern, bis es wehtut – das ist immer noch tausend Mal besser als ein amerikanischer Präsident, der mit einer Unterschrift die ganze Weltwirtschaft in den Abgrund reißt. In so einer Welt, in der sich angebliche Tatkraft eines Präsidenten, der erst schießt und dann denkt, vor allem als dumm und leichtsinnig erweist, muss man sich plötzlich nicht mehr schämen für den urbelgischen Kompromiss und das "langweilige" Verhandlungsmodell, das ihn ermöglicht, findet Het Laatste Nieuws.
Boris Schmidt