"Zehntausende protestieren in Brüssel gegen Maßnahmen der Regierung", titelt De Morgen. "Menschenmassen auf den Straßen von Brüssel fordern Regierung heraus", notiert La Libre Belgique auf Seite eins. "Die 'soziale Wut' nimmt nicht ab", schreibt Le Soir auf seiner Titelseite.
Die Großdemonstration mit rund 100.000 Teilnehmern gestern in Brüssel ist auch Thema in den Leitartikeln.
Le Soir bemerkt: Die Regierung hat mit Schulterzucken auf den Protest reagiert. Sie wäre allerdings gut beraten, den Unmut dieser vielen Menschen nicht einfach zu ignorieren. Sie sollte den Protest zum Anlass nehmen, wieder mehr mit der Gesellschaft über ihre Reformpläne zu reden. Denn die Gesellschaft muss mitgenommen werden bei den Reformen. Besonders in den aktuellen Zeiten, in denen wir eine technologische Revolution erleben, geopolitische, klimatische und gesellschaftliche Umbrüche stattfinden, ist das wichtiger denn je. Ansonsten drohen die Fronten sich zu verhärten, breitet sich Frust in der Gesellschaft aus und führt zur Radikalisierung, warnt Le Soir.
Ein Rucksack für die ganze Familie
Das GrenzEcho erinnert: Die Arizona-Koalition verfügt über eine klare demokratische Legitimation. Viele der Reformen wurden bereits im Wahlkampf angekündigt. Dass sie nun umgesetzt werden, mag Verdruss auslösen. Am breiten Mandat der Wähler ändert das nichts. Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb im Ausgleich. Reformen sind unvermeidlich. Gleichzeitig sind die Sorgen vieler Menschen real. Gerade deshalb braucht es Fingerspitzengefühl. Frauen gegen Männer, Beamte gegen Privatangestellte, Jung gegen Alt auszuspielen, ist Gift für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, betont das GrenzEcho.
Het Laatste Nieuws stellt fest: Besonders viele Frauen waren gestern verärgert über die Rentenreform der Regierung. Pensionsminister Jan Jambon hatte mit umstrittenen Äußerungen den Zorn der Frauen entfacht. Teilweise sicher zu Recht. Aber grundsätzlich sollte die Regierung überlegen, ob sie nicht noch viel mehr dafür tun müsste, um Frauen aus der traditionellen Rolle der Hausfrau herauszuholen. Zum Beispiel sollte nach der Geburt eines Kindes die ganze Familie zwei Jahre lang einen Maßnahmenrucksack bekommen, aus dem sich dann Mama, Papa, Oma oder Opa je nach Bedürfnis gleichberechtigt bedienen können – und nicht wie bisher vor allem die Frau. Dann würde die Anpassung an den Arbeitsmarkt auch für Frauen einfacher, behauptet Het Laatste Nieuws.
Öl als Waffe
Saudi-Arabien hat Belgien um militärische Unterstützung zur Abwehr iranischer Angriffe gebeten. Dazu meint De Standaard: Belgien hat in diesem Krieg, den die USA und Israel gegen den Iran begonnen haben, nichts zu suchen. Ganz davon abgesehen, dass die militärische Hilfe für Saudi-Arabien viele moralische Bedenken hervorrufen würde. Man erinnere sich an den Auftragsmord der saudischen Regierung an dem regierungskritischen Journalisten der Washington Post Jamal Kashoggi. Wenn Belgien überhaupt aktiv werden sollte in diesem Konflikt, sollte das nur zusammen mit Bündnispartnern geschehen, also im Rahmen der EU oder der Nato, rät De Standaard.
Zum Nahostkrieg stellt De Tijd fest: Der Iran hat erkannt, dass er militärisch den Krieg nicht gewinnen kann. Also setzt er auf die Wirtschaft. Der Iran versucht, die USA über das Öl in die Knie zu zwingen, blockiert die Straße von Hormus und greift scheinbar wahllos Ölanlagen in Nachbarländern an. Das Ziel des Irans könnte es sein, die USA über die sehr hohen Energiepreise, die dadurch entstehen, so stark zu treffen, dass die USA es sich in Zukunft zweimal überlegen werden, den Iran einfach so anzugreifen, überlegt De Tijd.
Kinder als Kanonenfutter
La Libre Belgique beobachtet: Angesichts der steigenden Energiepreise hat sich unsere Regierung entschieden, zunächst abzuwarten. Das kann man als Strategie so machen. Aber zu gutem Regieren gehört auch, die Zukunft zu planen. Da scheint es keine gemeinsame Linie bei den Koalitionspartnern zu geben. Daran sollte die Regierung jetzt arbeiten. Heute trifft sich das Kernkabinett und berät über mögliche Strategien, wie dauerhaft auf hohe Energiepreise reagiert werden kann. Klare Ergebnisse aus diesem Treffen wären wünschenswert, hofft La Libre Belgique.
L'Avenir berichtet: Auf dem Brüsseler Heysel-Gelände findet seit gestern die erste Rüstungsmesse in Belgien seit den 90er Jahren statt. Klar, die Rüstungsindustrie auch bei uns boomt und da kann man schon so eine Messe organisieren. Ethisch bleibt das bedenklich. Vor allem, dass am Samstag die Messe auch für das breite Publikum geöffnet ist und Kinder sogar mit vergünstigten Tickets gelockt werden. Kinder und Waffen? Man kann natürlich argumentieren, dass dadurch frühzeitig Berufungen geweckt werden, Kinder also Lust bekommen, später Soldat zu werden – mit dem Risiko in einigen Jahren eventuell als Kanonenfutter zu dienen, ätzt L'Avenir.
Kay Wagner