"Die Welt versucht, die Energiepreise zu drücken", titelt De Morgen. "Eine Rekordmenge strategischer Ölreserven wird freigegeben gegen den Höhenflug der Energiepreise", so die Schlagzeile von L'Echo. "Die Ölreserven können allenfalls Zeit kaufen, aber bringen keine Lösung", schreibt De Standaard auf Seite eins.
Die 32 Mitgliedsländer der Internationalen Energieagentur haben gestern beschlossen, insgesamt 400 Millionen Barrel Rohöl aus ihren Reserven freizugeben, um die Märkte zu beruhigen. Trotz dieser Entscheidung sind die Ölpreise zuletzt weiter gestiegen.
Die dümmste Entscheidung eines geborenen Narzissten
Zu verdanken haben wir diese Misere dem desaströsen Egozentrismus von Donald Trump, wettert sinngemäß Het Nieuwsblad in seinem Leitartikel. Natürlich gönnt jeder es dem iranischen Volk, von seiner blutrünstigen Diktatur erlöst zu werden. Aber die Art und Weise, wie die USA – oder besser gesagt Donald Trump – das bewerkstelligen wollten, war sträflich kurzsichtig. Wegen seines angeborenen Narzissmus hat der US-Präsident sämtliche Warnungen in den Wind geschlagen. Dabei wusste jeder, dass das Mullah-Regime in Teheran nicht mit einer Blitzoperation entmachtet werden konnte. Resultat: Trump machte dieselben Fehler wie seine Vorgänger im Irak oder in Libyen. Mit dem einen Unterschied, dass sein Angriff auf den Iran viel größere Konsequenzen hat als die vorherigen amerikanischen Abenteuer. Dass der US-Präsident und seine gefügigen Republikaner dafür bei den Zwischenwahlen im November abgestraft werden könnten, das ist inzwischen nur noch ein schwacher Trost. Der wirtschaftliche und finanzielle Schaden für die Welt, der ist schon angerichtet. Und wir alle werden für diese wohl dümmste Entscheidung des amerikanischen Präsidenten die Zeche zahlen müssen.
"Die dschihadistische Spur", titelt derweil La Meuse in riesigen Buchstaben. "Es gibt ein Bekennervideo zum Anschlag auf die Lütticher Synagoge", präzisiert La Dernière Heure. In besagtem Video soll sich eine dschihadistische Gruppe zu dem Attentat auf das jüdische Gebetshaus in Lüttich von Anfang der Woche bekannt haben. Das Material wird aber noch ausgewertet.
Getrennte Schlafzimmer
Viele Blätter beschäftigen sich aber auch weiter mit den Spar- und Reformplänen der Arizona-Koalition. Heute organisieren ja die drei großen Gewerkschaften eine neue nationale Kundgebung in Brüssel.
"Die Gewerkschaften und die Regierung haben nach wie vor getrennte Schlafzimmer", kann Le Soir nur bildlich feststellen. Beide Seiten reden nicht miteinander, weil sie sich gegenseitig für weltfremd halten. Die Föderalregierung will ihre kopernikanische Reformagenda weiter konsequent durchziehen und wirft den Gewerkschaften vor, den Handlungsbedarf schlicht und einfach zu negieren. Die Arbeitnehmerorganisationen unterstellen ihrerseits der Koalition, in einem Elfenbeinturm zu sitzen und die Alltagsrealität eines Großteils der Bevölkerung zu verkennen. In einem Punkt kann man den Gewerkschaften Recht geben: Viel zu oft muss die Regierung eiligst Korrekturen an ihren Reformen vornehmen, weil ihre Auswirkungen nicht richtig eingeschätzt wurden. In einigen Punkten wurden der Premier und seine Minister sogar von externen Kontrollorganen wie dem Staatsrat oder dem Verfassungsgerichtshof ausgebremst. All das hätte womöglich verhindert werden können, wenn man den Dialog mit den Gewerkschaften gesucht hätte. Ob die heutige Kundgebung das richtige Mittel ist, um sich Gehör zu verschaffen, das sei allerdings dahingestellt.
"Es braucht eine wirkliche Debatte über diese Reformen", ist seinerseits L'Avenir überzeugt. Denn hier geht es doch um tiefgreifende Umwälzungen, die wirklich jeden betreffen werden. Muss man wirklich einen Großteil der arbeitenden Bevölkerung dazu zwingen, bis 67 zu arbeiten? Ist es – auf der anderen Seite – nicht unbedingt nötig, einige Privilegien endlich abzuschaffen, die erwiesenermaßen ein Erbe aus dem letzten Jahrhundert sind? Diese Fragen sind berechtigt. Das gilt erst recht für die Feststellung, dass im Bereich Pensionen die Regeln während des Spiels einseitig verändert werden. Wie, bitteschön sollen die Menschen ihre Zukunft planen, wenn ebendiese Zukunft auf Treibsand gebaut ist? Es steht zu hoffen, dass über all diese Frage noch einmal vernünftig diskutiert wird und dass dabei konsensfähige Antworten formuliert werden. Ansonsten droht der Kessel irgendwann überzukochen.
"Weltfremde" Rollenbilder
"Insbesondere Finanz- und Pensionsminister Jan Jambon hat jedenfalls nicht dazu beigetragen, dass sich die Gemüter beruhigen", schimpft Het Belang van Limburg in seinem Kommentar. Auf den ersten Blick wirkt die Pensionsreform logisch. Doch bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass Frauen durch die Maßnahmen härter getroffen werden. Nicht, weil sie Frauen sind, sondern weil das Leben sie in eine nachteilige Situation gebracht hat, für die sie jetzt de facto bestraft werden. Die Gründe sind vielschichtig, von traditionellen Rollenbildern bis zu fehlenden Kita-Plätzen. "Nun, Frauen werden sich eben anpassen müssen", erklärte dazu sinngemäß Jan Jambon. "Weltfremd", schallte es gleich zurück. Denn, in der Tat: Insbesondere Frauen haben oftmals nicht wirklich die Wahl. Hinzu kommt, dass einige Maßnahmen retroaktiv gelten: Selbst wenn man sich "anpassen" könnte, wäre es dafür zu spät.
"Die brotnötige Debatte über die Rentenreform wird durch Jambons Aussagen nur noch zusätzlich vergiftet", beklagt De Tijd. In der Tat: Der Ausgangspunkt ist der Richtige: Um den Wohlfahrtsstaat zukunftsfähig zu machen angesichts der alternden Bevölkerung ist es unerlässlich, die Renten an die tatsächlich geleisteten Arbeitsjahre zu koppeln. Nur darf man hier nicht blind vorgehen, sondern muss Augenmaß beweisen. Und außerdem muss die Regierung die Debatte suchen, muss Überzeugungsarbeit leisten, um die Menschen möglichst mitzunehmen. Diese Chance wurde vertan. Die Arizona-Koalition muss begreifen, dass Kommunikation, gerade in diesem sensiblen Bereich, von tragender Bedeutung ist.
Roger Pint