"Der Dieselpreis ist auf seinem höchsten Niveau seit 2023", titelt Het Laatste Nieuws. "Panik an der Zapfsäule", so die Schlagzeile der Zeitungen der Sudinfo-Gruppe. "Großer Ansturm auf die Zapfsäulen in der Region", schreibt das GrenzEcho auf Seite eins.
Die Auswirkungen des Krieges im Nahen Osten sind längst auch bei uns spürbar. Dies spätestens, seit der Iran die Straße von Hormus gesperrt hat. Durch diese Meerenge läuft rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggastransports. Die Preise für fossile Brennstoffe steigen in diesen Tagen sprunghaft an. Mit den bekannten Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und insbesondere auf Europa.
Energiewende vorantreiben
"All das fühlt sich an wie ein unheimliches Déjà-vu", meint Le Soir in seinem Leitartikel. Man fühlt sich um vier Jahre zurückversetzt in die Zeit des Beginns des Ukrainekriegs. Wie damals blicken wir auch jetzt wieder gebannt auf die Entwicklung der Energiepreise, hat jeder wieder Angst, dass seine Strom- oder Gasrechnung bald durch die Decke geht. Wie vor vier Jahren müssen wir auch jetzt wieder schmerzlich feststellen, wie sehr Europa eine Geisel der weltweiten geopolitischen Verwerfungen ist. Und der Ukraine-Schock hat offensichtlich nichts bewirkt: Wir sind nach wie vor viel zu abhängig von Energieimporten. Die russischen Gas- und Ölhähne zuzudrehen, das war sicherlich richtig und wichtig. Nur wenn man sein Schicksal dann in die Hände von Katar oder den immer weniger vertrauenswürdigen Amerikanern legt, dann löst man das Problem nicht wirklich. Das alles nur, um zu sagen: Wenn die EU wirklich langfristig ihre klimapolitische und wirtschaftliche Sicherheit garantieren will, dann muss sie unter Hochdruck die Energiewende vorantreiben und sich schnellstens von fossilen Brennstoffen verabschieden.
Auch das GrenzEcho warnt nachdrücklich vor den wirtschaftlichen Auswirkungen des neuerlichen Kriegs in Nahost. Der Mechanismus ist bekannt. Jeder Konflikt, der die Energieversorgung bedroht, sorgt sofort für eine heftige Reaktion an den Märkten und für sprunghaft ansteigende Energiepreise. Die Folgen reichen aber weiter als bis zur Zapfsäule. Energie verteuert Produktion, Transport und Dienstleistungen, und das wiederum treibt die Inflation. In Europa droht damit ein altbekanntes Szenario: schwächeres Wachstum, steigende Preise und ein erneuter Verlust an wirtschaftlicher Stabilität. Angesichts dieser heiklen Lage für Europa und damit auch für Belgien braucht es jetzt einen kühlen Kopf. Politische Wege müssen offen bleiben, auch wenn derzeit die Waffen sprechen. Die Europäer müssen auf Diplomatie setzen und sich außenpolitisch geschickt und konzertiert positionieren.
Der Staat ist kein Reisebüro
"Die Rückholung der Belgier aus dem Nahen Osten sorgt für Kopfzerbrechen", titelt derweil La Libre Belgique. La Dernière Heure formuliert es weniger diplomatisch und spricht von einem "Chaos bei der Rückholung". Viele Belgier stecken ja immer noch im Nahen Osten fest. Sie nach Belgien zurückzuholen, das ist aber eine komplexe logistische Herausforderung.
"Einige Landsleute scheinen da aber jeglichen Anstand verloren zu haben", giften die Zeitungen der Sudinfo-Gruppe. Da wird sich etwa darüber beschert, dass die Betroffenen laut den derzeitigen Plänen über den Landweg von Dubai nach Oman gebracht werden sollen. Fünf bis sechs Stunden in einem Bus: "Skandalös! ", wettern einige in sozialen Medien. Unannehmbar sei zudem, dass die Menschen dann von Ägypten aus einen kommerziellen Flug nach Belgien nehmen sollen, den sie – zu allem Überfluss – aus eigener Tasche bezahlen müssen. Angesichts solcher Aussagen bekommt man eigentlich den Mund nicht mehr zu. Diese Leute verkennen offensichtlich den Ernst der Lage und sie scheinen außerdem den belgischen Staat mit einem Reisebüro zu verwechseln. Der eine oder die andere scheint wohl zu erwarten, dass die Regierung für alle Betroffenen kostenlose Privatjets zur Verfügung stellt. Erst recht im Angesicht eines Krieges sollte jeder ein Minimum an Verantwortungsbewusstsein an den Tag legen. Mal auf dem Teppich bleiben!
La Libre Belgique sieht das ähnlich. Unsere motzenden Landsleute sollten sich vor Augen halten, dass die aktuellen Pläne nicht Ausdruck von Dilettantismus sind, sondern das Ergebnis eines sorgsamen Kalküls. Erstens: Der Luftraum ist gesperrt, was einen Transport über den Landweg nötig macht. Zweitens: Eine Luftbrücke zwischen dem Oman und Ägypten erlaubt es, viel mehr Menschen viel schneller aus dem Krisengebiet auszufliegen. Brüssel ist schlichtweg zu weit. Und eins dürfen diese Leute nicht vergessen: Jede Reise, erst recht in die Golfregion, birgt ein gewisses Risiko. Und wenn plötzlich Bomben fallen, dann geht es in erster Linie um Schnelligkeit. "A la guerre comme à la guerre".
Bei alledem hat im Übrigen das Image von Dubai einen fetten Kratzer abbekommen, kann La Dernière Heure nur feststellen. Bislang war die Wüstenmetropole so etwas wie eine fleischgewordene Fata Morgana. Dubai präsentierte sich mit Erfolg als eine schillernde, klimatisierte Traumwelt, die sich in geopolitischer Schwerelosigkeit bewegte. Jetzt hat die Instabilität erstmals diese Blase durchbrochen; der Persische Golf ist eben doch keine Insel. Es ist vielleicht nicht das Ende eines Mythos, wohl aber der Illusion der Unbeschwertheit.
Völkerrecht à la carte?
In der heimischen Rue de la Loi hat derweil Premierminister Bart De Wever einmal mehr seine liebe Not damit, seine Regierung zusammenzuhalten, analysiert Het Nieuwsblad. Vooruit und die CD&V etwa wollen die USA und Israel wegen der Missachtung des Völkerrechts an den Pranger stellen; die MR und die N-VA argumentieren hingegen eher nach dem Motto: "Der Zweck heiligt die Mittel". Zugegeben: Der Iran ist seit Jahrzehnten ein geopolitischer Störenfried erster Kategorie. Einen großangelegten Angriff auf das Land mit der damit verbundenen Eskalation stillschweigend gutzuheißen, das kann aber nachhaltige Folgen haben. Hier wird das Völkerrecht de facto in den Mülleimer der Geschichte geworfen. Genauer gesagt: Es ist abhängig geworden, von der Sympathie mit demjenigen, der es bricht, beziehungsweise mit der Abneigung gegen denjenigen, der angegriffen wird. Selektive Realpolitik also, die letztlich auf das Gesetz des Stärkeren hinausläuft. Man darf gespannt sein, wie dieselben Leute argumentieren, wenn Trump doch in Grönland einfällt oder China Taiwan attackiert. Will man dann doch plötzlich wieder das Völkerrecht bemühen?
Roger Pint