"Prévot bestellt den amerikanischen Botschafter ein", titeln De Morgen, Het Laatste Nieuws und Het Nieuwsblad. "Belgien bestellt den US-Botschafter ein nach einem Streit über Beschneidungen", präzisiert Gazet Van Antwerpen.
Bill White, der amerikanische Botschafter in Belgien, hatte auf der Plattform X harsche Kritik an seinem Gastland geübt. Er forderte die belgische Regierung auf, die "lächerliche und antisemitische Verfolgung von drei jüdischen Beschneidern in Antwerpen" zu stoppen. Außerdem bezeichnete er den föderalen Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke als "äußerst unhöflich". Der müsse es jedenfalls gesetzlich möglich machen, dass die jüdischen Beschneider weiter ihre Arbeit ausüben können. Belgien sei schließlich ein zivilisiertes Land.
"Belgien ist ja schließlich ein zivilisiertes Land"
"So, so, Vandenbroucke ist also unhöflich?", zischt Gazet Van Antwerpen in einem wütenden Kommentar. Nun, wenn es um Anstandsregeln geht, dann sind die Vereinigten Staaten wohl das letzte Land, von dem man Ratschläge annehmen muss. Bis zum Beweis des Gegenteils sitzt der unhöflichste Bauer immer noch im Weißen Haus. Und auch die Wortwahl des amerikanischen Botschafters ist bedenklich. Zu behaupten, dass die Antwerpener Ermittlungen gegen die drei jüdischen Beschneider antisemitisch motiviert wären, das ist reiner Unsinn und zudem eine Beleidigung für unsere Polizeidienste. Kleines, nicht unwesentliches Detail: Die Klage, die die gerichtliche Untersuchung ausgelöst hat, kam eben aus der jüdischen Gemeinschaft. Im Übrigen ist es nicht die Aufgabe eines Botschafters, sich in die inneren Angelegenheiten des Landes einzumischen, in dem er akkreditiert ist. Das mag vielleicht die neue Arbeitsweise in den Vereinigten Autokratischen Staaten sein, aber glücklicherweise nicht in Europa.
"Belgien ist durchaus ein zivilisiertes Land", reagiert auch Het Laatste Nieuws auf die Kritik des US-Botschafters. Denn, eben weil Belgien ein zivilisiertes Land ist, gibt es hier die Gewaltenteilung, die die Bürger vor Willkür schützt und vor Einmischung in gerichtlichen Prozeduren. Religiöse Beschneidungen sind in Belgien auch nicht verboten. Es gibt eben nur die Grundbedingung, dass sie von einem qualifizierten Arzt und unter strengen Gesundheitsstandards durchgeführt werden. In diesem Zusammenhang den Antisemitismus-Vorwurf ins Feld zu führen, das sorgt allenfalls dafür, dass man den Begriff aushöhlt. In den USA hat man einen belgischen Militärattaché wegen Kritik an Donald Trump zeitweilig des Landes verwiesen. Der US-Botschafter muss, trotz seiner undiplomatischen Kritik, nicht mit derselben Strafmaßnahme rechnen. Belgien ist ja schließlich ein zivilisiertes Land.
Rubios elegantere Kritik an Europa
Auch La Libre Belgique beschäftigt sich mit den transatlantischen Beziehungen, zieht aber den Rahmen größer. Der US-Außenminister Marco Rubio bekam am Samstag bei der Münchener Sicherheitskonferenz warmen, fast schon überschwänglichen Applaus. Die Europäer haben da aber vielleicht nicht richtig zugehört, meint das Blatt. Zugegeben: Es war keine Standpauke wie im vergangenen Jahr als US-Vizepräsident J.D. Vance den Europäern von oben herab die Leviten gelesen hatte. Im Grunde hat Rubio aber – zumindest inhaltlich – nichts anderes erzählt. Nur der Ton war anders: eleganter, taktvoller.
Ansonsten hat Rubio die inzwischen bekannte Litanie heruntergebetet: Kritik am Wohlfahrtsstaat, Kritik an der europäischen Migrationspolitik, eine Breitseite gegen den angeblichen "Klimakult". Klar: In einigen Punkten hatte der Amerikaner recht, etwa wenn er die zu große Abhängigkeit der Europäer von den USA anprangerte. Zwischen den Zeilen lautete die Botschaft aber: "Ihr müsst lernen, ohne uns zu leben".
"Eine Schande in einer zweisprachigen Region"
Einige Zeitungen beschäftigen sich indes weiter mit den Niederländischkenntnissen des neuen Brüsseler Ministerpräsidenten Boris Dilliès. "Das ist eine Schande in einer zweisprachigen Region", wettert De Morgen in seinem Leitartikel. Boris Dilliès wird damit zu einem peinlichen Symbol für die anhaltende Missachtung der Rechte der niederländischsprachigen Brüsseler, denen in ihrer Hauptstadt nach wie vor in ihrer Muttersprache oft nicht geholfen werden kann. Das ist ein regelrechtes Problem. Und deswegen wirkt die Benennung von Boris Dilliès wie ein Affront.
Hier geht es nicht um gelb-schwarze Löwenflaggen oder andere Symbole, hier geht es um Menschen, die mehr denn je den Eindruck haben müssen, dass sie wie Bürger zweiter Klasse behandelt werden. Sogar die frankophonen Medien haben durchaus verstanden, dass man hier bei vielen Niederländischsprachigen einen wunden Punkt getroffen hat.
Eine Frage der Legitimität
La Dernière Heure bestätigt genau diesen Eindruck. Gleich bei seiner ersten Pressekonferenz hat Boris Dilliès den Beweis erbracht, dass er wirklich kein Wort Niederländisch spricht. Und mal ehrlich: Insbesondere für die N-VA ist das ein Geschenk. Leute wie Theo Francken müssen den Knüppel nur noch aufheben, mit dem sie die MR-geführte Brüsseler Regierung verhauen können. Eben diesem Theo Francken hatte man 2014 sein schlechtes Französisch vorgeworfen. Zwölf Jahre später muss er sich seiner Sprachkompetenz nicht mehr schämen. Vielleicht kann Francken da dem neuen Brüsseler Ministerpräsidenten als Vorbild dienen.
"Die dürftigen Niederländischkenntnisse sind aber nicht das einzige demokratische Problem von Boris Dilliès", ist Het Nieuwsblad überzeugt. Nicht nur, dass sich der neue Brüsseler Ministerpräsident nicht an eine ganze Bevölkerungsgruppe in ihrer Muttersprache wenden kann, er wurde zudem nicht gewählt. Der Mann stand 2024 nicht auf der MR-Liste für die Region Brüssel. Und, was für ihn vielleicht noch schlimmer ist: Er hat nicht mal das Koalitionsabkommen ausgehandelt. Zum Ministerpräsidenten wurde er erst eine Stunde vor der Eidesleistung nach einem Anruf von seinem Parteichef Georges-Louis Bouchez. Im Grunde ist das seine einzige Legitimität, und das macht ihn letztlich zum Lakaien seines Vorsitzenden. Boris Dilliès sollte aber als Ministerpräsident alle Brüsseler repräsentieren, auch die Niederländischsprachigen. Und nicht allein Georges-Louis Bouchez.
Roger Pint