"Entscheidender Tag in Davos", titelt Het Belang van Limburg. "Davos unter Hochspannung – Trump Auge in Auge mit den Europäern in der Grönland-Frage", so die Schlagzeile von De Standaard. "Von einem wirtschaftlichen zu einem politischen Gipfeltreffen: Hochspannung in Davos", schreibt auch De Morgen auf Seite eins.
Das Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos könnte heute zur Bühne für eine folgenschwere Konfrontation zwischen den Europäern und US-Präsident Donald Trump werden. Er hat seine Grönland-Pläne ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt. Die Europäer reagieren allerdings zunehmend erbost. "Europa verschärft den Ton gegenüber Trump", notiert etwa L'Avenir. Premierminister Bart De Wever gehört zu denen, die sich am deutlichsten ausdrücken: "Eine rote Linie ist überschritten", zitiert Het Nieuwsblad den Premier; "Bis hier und nicht weiter", so sein Zitat auf Seite eins des GrenzEchos. "Weichen Sie zurück, oder wir gehen aufs Ganze", sagt der Premier auf der Titelseite von La Dernière Heure.
Europa muss die Zähne zeigen
"De Wever geht mit gutem Beispiel voran", lobt Gazet van Antwerpen in ihrem Kommentar. Niemand wurde in Davos so deutlich wie der belgische Premier. Wie schon in der Frage der russischen Vermögenswerte spielt De Wever hier wieder engagiert seine Rolle als europäischer Staatsmann. Seine Botschaft: Trump ist zu weit gegangen; Europa muss geschlossen reagieren; ein Handelskrieg wird freilich wehtun; aber was sein muss, muss sein. Das steht doch in schrillem Kontrast zur Reaktion einiger EU-Vertreter, die offensichtlich immer noch Kreide gefressen haben und ein bisschen zu brav daherkamen. Hoffentlich nimmt man sich De Wevers Worte zu Herzen. Europa muss jetzt geschlossen die Zähne zeigen.
Eine Nacht in Davos hat gereicht, um einige Europäer dazu zu bringen, ihre Hemmungen fallen zu lassen, kann Het Laatste Nieuws nur feststellen. Vor allem der belgische Premier hat ungewöhnlich deutlich Klartext geredet. Das war sehr mutig, zumal ja zu diesem Zeitpunkt noch ein Gespräch mit Donald Trump geplant war. Wobei: Ist es wirklich klug, wenn man sich auf einen solchen Boxkampf einlassen will? Im Eifer des Gefechts können wir den USA vielleicht den Mittelfinger zeigen. Aber ein Handelskrieg oder gar ein Auseinanderbrechen der Nato, das wäre letztlich wohl auch nicht in unserem Interesse. Klar: Es ist offensichtlich, dass Europa an einem kritischen Punkt in seiner Geschichte steht. Aber sind wir wirklich bereit für die möglichen Konsequenzen?
"Der König von Europa" muss gestoppt werden
Het Nieuwsblad gibt seinerseits dem Premier auf der ganzen Linie Recht. Denn es ist jetzt eine halbe Sekunde vor zwölf. Europa darf sich Trump nicht unterwerfen, denn genau darum geht's. Trump ist offensichtlich bereit, einen Teil Europas zu annektieren und bei der Gelegenheit die Nato zu sprengen. Die Vergangenheit hat gezeigt: Beschwichtigende Worte, um Trump bloß nicht vor den Kopf zu stoßen, die wirken nicht, damit erreicht man nur das Gegenteil. Trump nannte sich einst "der König von Europa". Wenn man ihn jetzt nicht stoppt, dann gibt man ihm auch noch Recht. Da kann man wirklich nur hoffen, dass De Wever seine EU-Kollegen überzeugen kann. Leider steht zu befürchten, dass die Antwort der EU mangels Geschlossenheit mal wieder etwas schlapp ausfallen wird. An De Wever hat's dann nicht gelegen. Er hat alle gewarnt, vor welch entscheidendem Moment Europa gerade steht.
La Libre Belgique sieht das ähnlich. Trump verstößt gegen alles, was in den letzten 80 Jahren heilig war: Er tritt das Souveränitätsprinzip mit Füßen, schwächt die Nato und macht das Faustrecht in den internationalen Beziehungen salonfähig. Wenn man jetzt klein beigibt, dann ermuntert man den US-Präsidenten noch zu einer neuen Eskalation. Europa muss jetzt klar und deutlich die Grenzen aufzeigen. Eine entschlossene, unzweideutige Reaktion ist keine bloße Option mehr, es ist eine Notwendigkeit.
Auge in Auge mit den Monstern
"Wenn Amerika und Europa zusammen zum Paartherapeuten gehen würden, dann würde der wohl das Wort 'toxisch' in den Mund nehmen", meint bildlich Het Belang van Limburg. 80 Jahre hat die Ehe gehalten. Sie war vielleicht nicht immer perfekt, aber unterm Strich war's OK. Innerhalb von nur einem Jahr hat Donald Trump die Beziehung vergällt. Die Europäer müssen sich jetzt dringend dessen bewusst werden, dass der Westen, so wie wir ihn kannten, der Vergangenheit angehört. Für uns, die wir aktuell allzu abhängig von den USA sind, wird die Entwöhnung schmerzhaft, ohne Zweifel. Die Amerikaner haben sich aber zu einem gewalttätigen Partner gewandelt, mit dem niemand mehr zusammen sein will.
"Wir befinden uns in einer Übergangsphase", analysiert auch De Standaard. Darauf hat auch Premier Bart De Wever hingewiesen, der – ganz der Historiker – auf den italienischen Philosophen Antonio Gramsci verwies. Dessen These: Wenn die alte Welt stirbt, und die neue noch nicht geboren ist, dann befinden wir uns in einer gefährlichen Übergangszeit. Und das ist die Zeit der Monster. Die imperialen und totalitären Monster, die im Zweiten Weltkrieg geschlagen wurden, die bekommen jetzt womöglich die Chance auf Wiederauferstehung. "Jetzt muss Trump für sich entscheiden, ob er ein Monster sein will", sagte Premier De Wever in Davos. In jedem Fall stellt sich Europa zwei wirklich zukunftsweisenden Fragen: Für welche neue und vorzugsweise bessere Welt wird Europa sich einsetzen? Und wie halten wir – Auge in Auge mit den Monstern – den Laden zusammen?
Roger Pint