"Die Vereinigten Staaten entern jetzt auch russische Öltanker", titeln gleichlautend Het Nieuwsblad und Gazet van Antwerpen, Het Laatste Nieuws formuliert es ähnlich. "Ein russischer Tanker mitten im Atlantik von den Vereinigten Staaten gestoppt", so La Libre Belgique. "Tankerjagd wird zu geopolitischem Zwischenfall: Vereinigte Staaten gegen Russland auf dem Atlantischen Ozean", schreibt De Tijd. "Vereinigte Staaten-Russland: Die Spannungen auf dem Meer nehmen zu", resümiert Le Soir.
Am Samstag ließ US-Präsident Donald Trump den venezolanischen Präsidenten und seine Frau entführen und stellte das Land und seine Ölreserven unter amerikanische Vormundschaft, zählt De Tijd in ihrem Leitartikel auf. Sonntag und Montag bedrohte er Kolumbien, Mexiko und Grönland. Dienstag verkündete das Weiße Haus, vielleicht die Armee einsetzen zu wollen, um Grönland zu erobern. Gestern brachten die Amerikaner zwischen Island und Schottland einen russischen Tanker mit venezolanischem Öl auf. Wirklich überraschend ist das Verhalten Trumps natürlich nicht, aber das Ganze ist trotzdem wieder ein Schnellkurs für den Rest der Welt in Machtpolitik. Und so verurteilenswert das amerikanische Vorgehen auch ist, kann man auch davon lernen. Oder kann etwa jemand schlüssig erklären, warum die USA illegale Tanker auf dem Atlantik stoppen können und so Sanktionen durchsetzen und die Europäer nicht? Oder warum wir empört auf Trumps Drohungen gegen Grönland und Dänemark reagieren, aber keinerlei Sicherheitsmechanismen dagegen haben? Europa scheint einfach nicht willens, zu kämpfen. Ja, Trump lehrt uns das Fürchten. Aber er lehrt uns auch, dass wir kämpfen lernen müssen. Auch wenn es brutal ist, unterstreicht De Tijd.
Trumps Botschaft an die Welt ist unmissverständlich
19 Sanktionspakete hat Europa schon gegen Russland verhängt, erinnert Gazet van Antwerpen. Mit höchst mäßigem Erfolg, Putin führt seine Angriffskriege unbeeindruckt weiter. Und russisches Öl strömt weiter ungehindert nach Europa, auch über den Hafen von Antwerpen. Das zeigt, dass europäische Sanktionen vor allem Symbolwert haben. Europa hat die Entschlossenheit der Russen wieder und wieder unterschätzt. Abgesehen davon hat Moskau jahrzehntelange Erfahrung mit dem Umgehen von Sanktionen, Täuschung und Irreführung. Die EU muss sich in puncto russisches Öl also offensichtlich auf die Ukraine verlassen, die mit amerikanischer Hilfe die russische Ölinfrastruktur bombardiert. Und auf die Vereinigten Staaten, die nun begonnen haben, Tanker der russischen Schattenflotte zu beschlagnahmen. Sollte das weitergehen, wird Putin nervös werden. Weil wie schon der amerikanische Senator John McCain sagte: Russland ist eine Tankstelle, die sich als Land ausgibt, so Gazet van Antwerpen.
Die Botschaft von Donald Trump an die Welt ist unmissverständlich: "Ich kann machen, was ich will", fasst Le Soir zusammen. Seit dem Beginn seiner zweiten Amtszeit macht er sich nicht mal mehr die Mühe, seine expansionistische Agenda hinter irgendwelchen moralischen Vorwänden und Rechtfertigungen zu verstecken. Er lebt seinen Handelsimperialismus offen aus und setzt amerikanische Ansprüche auf exklusive Einflusssphären mit Gewalt durch. Dazu gehört auch, dass er mit Grönland eine strategische Region haben will, die einem europäischen Land gehört. Entweder gegen Dollar oder eben mit Gewalt. Es ist nun an uns, konsequent auf diese Bedrohung zu reagieren, fordert Le Soir.
"Atornaveersaarit"
Am Anfang haben wir noch höhnisch gelacht, als Trump in Monopoly-Manier Grönland kaufen wollte, schreibt La Dernière Heure. Nach dem amerikanischen Angriff auf Venezuela ist klar, dass die Drohungen des US-Präsidenten ernstgemeint sind. Trump erwägt dafür sogar, Waffengewalt einzusetzen gegen einen der ältesten Verbündeten der Vereinigten Staaten. Dänemark ist schließlich nicht irgendein korrupter Narco-Staat, es ist ein demokratisches Land, das der Europäischen Union und der NATO angehört. Die Herausforderungen Trumps dürfen nicht länger unbeantwortet bleiben, Europa muss sich wehren, egal, wie mächtig die Vereinigten Staaten auch sein mögen. Atornaveersaarit, Finger weg von Grönland!, giftet La Dernière Heure.
Undankbar – so hatten die Amerikaner den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj genannt, als er sich Trump gegenüber angeblich nicht unterwürfig genug zeigte, kommentiert Het Laatste Nieuws. Aber die Vereinigten Staaten zeigen gerade, wie höchst undankbar sie selbst sind. Donald Trump bedroht mit Dänemark offen einen NATO-Verbündeten. Er zieht sogar öffentlich in Zweifel, dass die NATO-Partner den USA im Bündnisfall zur Seite stehen würden. Dabei ist Artikel fünf des Bündnisses bisher nur einmal ausgerufen worden, von den Vereinigten Staaten nach den Terroranschlägen in New York. Die Dänen sind daraufhin mit den Amerikanern in Afghanistan in den Krieg gezogen. Bezogen auf die Einwohnerzahl haben sie dort nach den USA am meisten Soldaten verloren. Auch im Irak ist dänisches Blut für die Kriegsziele der USA geflossen. Aber all diese Opfer und Bündnistreue blenden die Amerikaner jetzt aus. Was ist Loyalität also noch wert?, empört sich Het Laatste Nieuws.
Gewalt hat keinen Platz in unserer Gesellschaft
Het Nieuwsblad befasst sich mit den erneuten Protesten der Landwirte gegen das Mercosur-Handelsabkommen: Ab heute werden Bauern im Norden und im Süden des Landes wieder mit ihren Traktoren Straßen blockieren. Grundsätzlich ist ihre Sorge vor unfairem Wettbewerb aus Südamerika legitim. Es ist nachvollziehbar, dass sie mit der Faust auf den Tisch schlagen und Druck auf die politisch Verantwortlichen aufbauen wollen. Aber in der Vergangenheit sind diese Demonstrationen wieder und wieder vollkommen aus dem Ruder gelaufen, gerade in Brüssel. Dadurch untergraben die Landwirte auch eventuell vorhandenes Verständnis in der Bevölkerung. Und es kann einfach nicht sein, dass Menschen demokratisch getroffene Entscheidungen aus Eigeninteresse blockieren, nur weil die dazu technisch in der Lage sind. Gewalt hat keinen Platz in unserer Gesellschaft, appelliert Het Nieuwsblad.
Boris Schmidt