"Unvorstellbar: Trump entführt venezolanischen Präsidenten Maduro", titelt Gazet Van Antwerpen. "Die illegale Machtdemonstration", schreibt L’Avenir auf Seite eins. "Der Diktator ist weg, aber Chaos droht", so die Schlagzeile bei Het Nieuwsblad.
Die Entführung des venezolanischen Präsidenten Maduro durch die USA ist nicht nur das Top-Thema auf den Titelseiten der Zeitungen, sondern auch in ihren Leitartikeln.
La Dernière Heure notiert verblüfft: Spektakulär! Donald Trump hat in Venezuela das gemacht, vor dem sogar Imperien zurückschrecken. Nämlich den Staatschef eines anderen Landes mit Gewalt festzunehmen, ihm Handschellen anzulegen und der Öffentlichkeit als Trophäe zu präsentieren. Die Herrschaft des präsidialen Diktators Maduro in Venezuela ist damit beendet. Soll man sich darüber freuen? Man braucht Maduro keine Träne nachweinen, aber rechtfertigt das Ergebnis die Mittel? Die USA haben internationales Recht gebrochen. Die Saloon-Mentalität, bei der allein das Recht des Stärkeren gilt, wird von den USA in der Weltpolitik hoffähig gemacht, warnt La Dernière Heure.
Wie im Selbstbedienungsladen
Ähnlich sieht das Le Soir und schreibt: Weil er die Mittel, sprich: die militärische Stärke dazu besitzt, glaubt der US-Präsident alles machen zu können, was er möchte. Wie in einem Selbstbedienungsladen nimmt er sich alles, bricht dabei internationales Recht auf eklatante Weise und versetzt der Diplomatie und dem Multilateralismus ganz nebenbei den Todesstoß. Damit liefert Trump ein gefährliches Beispiel für andere, er wird zum Flammenwerfer. Was sollte den chinesischen Machthaber Xi Jinping jetzt noch davon abhalten, Taiwan anzugreifen und zu annektieren? Und Netanyahu, um das Gleiche mit dem zu tun, was von Palästina noch übriggeblieben ist? Wie soll Putin noch in seiner Absicht gebremst werden, ganze Landstriche der Ukraine Russland einzuverleiben?, fragt sich Le Soir.
Auch La Libre Belgique bemerkt: Das, was sich in Venezuela ereignet, ist kein isolierter Fall. Russland überfällt die Ukraine unter dem Vorwand der historischen Einflusssphäre. Die USA zeichnen die Karten des amerikanischen Kontinents neu. China verstärkt den Druck auf Taiwan. Während Europa Juristen und Spezialisten des internationalen Rechts um Einschätzungen bittet, hat die Welt schon die Software gewechselt. Wir erleben die Rückkehr der großen Mächte, der weltweiten Imperien, wo letztlich nur militärische Stärke etwas zählt, beklagt La Libre Belgique.
USA auf gleicher Linie mit China und Russland
De Morgen meint: Mit dieser Operation sendet Trump an Xi und Putin das Signal, dass eine Großmacht in ihrem Einflussbereich alles machen kann, was sie will. Wer soll Xi jetzt noch davon abhalten, etwas gegen Taiwan zu unternehmen? Oder Putin, mit Gewalt gegen Selenskyj oder andere regionale Staatschefs vorzugehen? Die schlechte Nachricht für Europa ist genau diese unausgesprochene Entente zwischen diesen drei expansionistischen Atommächten, schlussfolgert De Morgen.
Gazet Van Antwerpen stellt fest: Trump hat jetzt genau das Gleiche getan, was er China und Russland bislang vorgeworfen hat. Er hat einen souveränen Staat angegriffen. Das gibt den beiden anderen Mächten mehr Spielraum, ihre Expansionsgelüste weiter zu verfolgen. Und außerdem macht das klar: Die Welt wird jetzt von drei großen Machtblöcken geführt, nämlich den USA, China und Russland. Der Rest der Welt muss zuschauen, bedauert Gazet Van Antwerpen.
Öl als Antrieb
Das GrenzEcho ist sich sicher: Was sich am Wochenende in Venezuela abgespielt hat, ist kein "gezielter Einsatz", kein "robuster Zugriff", kein juristischer Sonderfall. Es ist ein Staatsstreich. Ein militärisch durchgesetzter Coup, ausgeführt von den Vereinigten Staaten, legitimiert allein durch Macht, Inszenierung und Interessen. Donald Trump lässt keinen Zweifel daran, wer das Sagen hat – und warum. Bleibt die Frage, was als Nächstes folgt. Kuba? Iran? Grönland? Wer will ernsthaft ausschließen, dass diese US-Regierung auch bei Verbündeten Fakten schafft, wenn es ihr nützt? Niemand kann das mehr. Genau das ist die Gefahr, warnt das GrenzEcho.
De Standaard stellt fest: So sieht also eine feindliche Übernahme von einem Land aus. "We’re going to run it." Diese Sprache kennen wir aus der Wirtschaft. Trump will nun das Gleiche mit Venezuela machen. Kein Wort über Demokratie, Wahlen oder das Schicksal der leidgeplagten Bevölkerung. Von Oppositionsführerin Maria Machado hat Trump nicht gesprochen, dafür umso mehr über die Wiederherstellung der amerikanischen Öl-Industrie in Venezuela. Darum geht es Trump nämlich wirklich. Indem er Venezuela in ein amerikanisches Protektorat umwandelt, tauscht er ein undemokratisches Regime gegen ein neues aus, ärgert sich De Standaard.
Kay Wagner