"Macron war zu Gast im Weißen Haus", titelt De Tijd. "Macron zieht alle Register, um Trump zu umgarnen", so die Schlagzeile von Het Laatste Nieuws. "Die Mission: Das Schlimmste vermeiden", schreibt Le Soir auf Seite eins.
Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron hat gestern dem US-Präsidenten Donald Trump einen Blitzbesuch abgestattet. Macron wollte Trump "zur Vernunft bringen" und ihn davon überzeugen, dass Verhandlungen allein mit Russland über die Zukunft der Ukraine nicht der richtige Weg sind. Wie Fotos auf vielen Titelseiten zeigen, haben sich beide offensichtlich gut verstanden. Allerdings: "Sie sind dicke Freunde, bis es um Putin geht", notiert Het Nieuwsblad auf seiner Titelseite.
Macron hat gestern viel richtig gemacht, ist Gazet van Antwerpen überzeugt. Natürlich hätten die Europäer viele gute Gründe, sich von den Amerikanern zu distanzieren. US-Präsident Donald Trump hat in den ersten Wochen seiner Amtszeit schon sehr viel transatlantisches Porzellan zerdeppert. Seine Sympathien für Putins Russland, während seine Abgesandten zugleich den Europäern Standpauken halten: Die Versuchung ist groß, die historische Allianz mit dem großen Bruder aufzukündigen. Klingt nach einer guten Idee, ist es aber nicht, denn Europa kann sich das militärisch schlicht und einfach nicht erlauben. Wir sind eben allzu abhängig von den Amerikanern. Deswegen bleibt uns nichts anderes übrig, als nach Washington zu pilgern und ein bisschen mit Trump zu schäkern und zu juxen, in der Hoffnung, dass er sich in seinem Ego geschmeichelt fühlt und zur Besinnung kommt. Das ist im Moment die beste aller schlechten Optionen. Macron hat das sehr gut verstanden.
Peace through strength
Le Soir sieht das ähnlich. Das einzige Register, das die Europäer im Augenblick ziehen können, das ist das der Kniefälle und des Schleimens. Traurig, aber wahr. Denn die Bittsteller vom Alten Kontinent kommen im Wesentlichen mit leeren Händen ins Weiße Haus. Sie haben dem US-Präsidenten eigentlich nichts anzubieten. Angesichts eines derart geringen Verhandlungsspielraums fühlt man sich unweigerlich an das Münchener Abkommen von 1938 erinnert, als Franzosen und Briten davon überzeugt waren, den Frieden in Europa gesichert zu haben. Wir wissen, wie lange der Bestand hatte.
Aus der trauten transatlantischen Zweisamkeit ist inzwischen eine sogenannte "LAT-Beziehung" geworden, analysiert Het Laatste Nieuws. LAT steht bekanntlich für "Living Apart Together": Zusammen sein, aber nicht zusammenwohnen. Trump will sein eigenes Ding machen, und die Europäer müssen verdattert zuschauen. Auf dem Alten Kontinent hört man jetzt Slogans, die aus dem Register des früheren US-Präsidenten Ronald Reagan stammen: peace through strength, Frieden durch Stärke. Ergo: Wir verstehen die Amerikaner nicht mehr, aber immerhin ist die Botschaft inzwischen überall angekommen.
Ein schmaler Grat
Jetzt muss man das nur noch umsetzen, mahnt sinngemäß das GrenzEcho. "Solange wie nötig", dieses gebetsmühlenartig wiederholte Mantra der EU im Hinblick auf die Ukraine-Hilfe wird derzeit auf eine harte Probe gestellt. Die Frage ist schlicht und einfach, wie weit dieses Versprechen tatsächlich reicht. Denn die Gemengelage hat sich inzwischen radikal verändert: Eine schmerzhafte Verhandlungslösung kann inzwischen nicht mehr ausgeschlossen werden, US-Präsident Trump rollt Kreml-Chef Putin sogar schon den sprichwörtlichen roten Teppich aus. Letztlich lautet die Frage: Ist Europa bereit, für seine eigenen Sicherheitsinteressen substanzielle Opfer zu bringen? Die Antwort darauf fällt bislang eher ernüchternd aus. "Solange wie nötig": Die nächsten Wochen und Monate werden zeigen, wie viel von diesem Versprechen tatsächlich übrigbleibt.
Bei alledem sollte Europa aber jetzt Selbstbewusstsein zeigen, glaubt De Tijd. Man kann sich ja seiner eigenen Schwächen bewusst sein, ohne sich dafür gleich den Diktaten aus dem Weißen Haus zu unterwerfen. Das wird ein schmaler Grat: Europa muss sich von den USA loseisen, ohne dabei einen vollständigen Bruch zu riskieren. Vielleicht ist da der wohl künftige neue deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz der richtige Mann zur richtigen Zeit. Gleich nach seinem Wahlsieg erklärte der bekennende Transatlantiker, dass man jetzt an einer Stärkung der EU arbeiten muss, um schrittweise von den USA unabhängig zu werden. In jedem Fall wäre es höchst willkommen, wenn Merz – im Gegensatz zu Olaf Scholz – jetzt wieder mehr Akzente setzt auf der europäischen Bühne. Deutschland ist viel zu wichtig, um nur eine Statistenrolle zu spielen.
Kuscheln und Bauchpinseln
Auch Het Belang van Limburg hebt die Aussagen von Friedrich Merz im Bezug auf das Verhältnis zwischen Europa und den USA hervor. Die Sprache des CDU-Vorsitzenden ist erfreulich klar. Jedenfalls wesentlich deutlicher als die vieler anderer EU-Staats- und Regierungschefs, die immer noch glauben, sie könnten den disruptiven Trump mit ein bisschen Kuscheln und Bauchpinseln besänftigen. Auch die Einmischungsversuche von Elon Musk hat Merz offen und entschieden verurteilt. In jedem Fall muss Europa jetzt dringend mit einer Stimme sprechen. Und wenn jemand die Europäer zu mehr Geschlossenheit zwingen kann, dann ist das paradoxerweise Donald Trump.
Bilderstürmer Musk: Ein Vorbild?
Apropos Elon Musk: Es gibt auch in Belgien Politiker, die dem radikalen Vorgehen des Tech-Milliardärs etwas abgewinnen können, kann Het Nieuwsblad nur feststellen. Dieser Elon Musk geht ja gerade wie ein Bilderstürmer mit dem eisernen Besen durch die amerikanischen Bundesverwaltungen. Die neue OpenVLD-Vorsitzende Eva De Bleeker sieht darin ein nachahmenswertes Vorbild, wie sie selbst geschrieben hat. Und auch MR-Chef Georges-Louis Bouchez fühlt sich von Musk inspiriert. Und das ist besorgniserregend. Elon Musk ist nicht liberal, er ist libertär, in dem Sinne, dass er nur macht, was ihm in den Kram passt und was in seinem Interesse ist. Gegen einen effizienteren Staatsapparat kann man nichts haben. Aber ein Mann wie Elon Musk, der rücksichtslos Gesetze und Regeln ignoriert und sich wie ein Despot geriert, der kann schwerlich als Musterbeispiel dienen. Wer das trotzdem so sieht, der ist entweder von undemokratischen Tendenzen oder Populismus beseelt. Eine andere Möglichkeit ist: Dummheit.
Roger Pint