"Keine Grenzen mehr!", empört sich La Dernière Heure auf Seite eins. "Schießerei sorgt für Panik in Brüssel", titelt nüchtern Le Soir. "Keine Spur von den Tätern", schreibt resigniert Het Laatste Nieuws.
Zwei mit Sturmgewehren bewaffnete Männer haben gestern in der Metrostation Clemenceau in Brüssel das Feuer auf einen dritten eröffnet. Und das mitten in der morgendlichen Rush-Hour. Danach flüchteten sie durch die U-Bahn-Tunnel. Trotz einer regelrechten Hetzjagd blieben sie wie vom Erdboden verschluckt.
"Et alors?", denken sich wohl die Kriminellen in der Hauptstadt. "Was soll's?", zischt Het Laatste Nieuws in seinem Leitartikel. Man macht einfach. Die Verbrecher haben offensichtlich kein Problem damit, in einem Moment, in dem Tausende Pendler unterwegs sind, "mal eben" mit einer Kalaschnikow durch eine Metrostation zu laufen. Aber, "oh weh", wenn man jetzt die Zustände in der Hauptstadt kritisiert. "Brüssel-Bashing!", heißt es dann gleich. Also mit anderen Worten: unqualifizierte, böswillige Kritik von der provinziellen Seitenlinie. "Wissen Sie, was wirklich Brüssel-Bashing ist? Wenn man so tut, als wäre das alles völlig normal."
Politische Passivität
De Morgen schlägt in dieselbe Kerbe. Seit gestern müssen doch definitiv sämtliche Alarmglocken läuten. Früher oder später endet eine solche Geschichte in einem wirklichen Drama. Im schrillen Kontrast zu dieser Feststellung steht aber die Passivität des politischen Personals in der Hauptstadt. Nichts illustriert das besser als die immer noch festgefahrenen Regierungsverhandlungen in der Region Brüssel. Auch nach acht Monaten heißt es: "Kein Anschluss unter dieser Nummer". Und der geschäftsführende Ministerpräsident Rudi Vervoort? Den scheint das alles nicht zu interessieren; der verweist am liebsten auf die in seinen Augen alleinzuständige föderale Ebene. All denen, die nach wie vor die Regierungsbildung sabotieren, kann man nur viel Glück dabei wünschen, ihre Haltung den verängstigten Bürgern ihrer Stadt zu erklären. Sie machen einen schweren Fehler.
"Bruxelles-les-balles" meint zynisch La Dernière Heure. Sinngemäß übersetzt: "Brüssel-unter-Kugeln". Wie blind muss man sein, um das Problem nicht zu erkennen? 89 Schießereien im Jahr 2024 mit insgesamt neun Toten. Und die Brüsseler Politik? Fehlanzeige! So kann es doch nicht weitergehen!
Aufbruch statt Stillstand
Einige Blätter beschäftigen sich aber auch mit der Kammerdebatte über die Regierungserklärung des neuen Premierministers Bart De Wever. Das "Arizona-Feuer" überzeugt noch nicht, kann Het Belang van Limburg nur feststellen. Es gibt im wesentlichen zwei große Kritikpunkte. Da ist zunächst der übertriebene Optimismus: Die Regierung rechnet allzu sehr mit sogenannten Rückzahlungseffekten, die auch viele Experten für überschätzt halten. Sprich: Die erhofften Ergebnisse einzelner Maßnahmen werden schon im Haushalt verrechnet, ohne zu wissen, ob sie sich überhaupt einstellen. Und zweites Problem: Einige Maßnahmen sind schlicht und einfach unsozial. Welche konkreten Auswirkungen das haben wird und wie man damit umgehen will, dazu hat man bislang noch nicht viel gehört.
Eben diese beiden Punkte sind die eigentliche Bedrohung für die Arizona-Koalition, analysiert sinngemäß Het Nieuwsblad. Wie wir in der Kammer gesehen haben, muss die Regierung die Opposition nicht wirklich fürchten. Die eigentliche Gefahr lauert in den eigenen Reihen. Die Maßnahmen, die letztlich für historische Einsparungen in Höhe von mehr als 20 Milliarden Euro sorgen sollen, die wirken immer noch nicht wie in Beton gegossen. Sollten die erhofften Rückzahlungseffekte ausbleiben, dann droht bei jeder Haushaltskontrolle ein internes Zerwürfnis. "Show me the money", hatte Bart De Wever häufig von den jeweiligen Regierungen gefordert. "Zeigt mir das Geld" - dieser Satz könnte für ihn zum Bumerang werden.
"Mag ja alles sein", wirft aber De Standaard ein. Bei alledem gibt es jedoch eine Hoffnung, nämlich die, dass die Arizona-Koalition dieses eingerostete Land endlich aufbrechen kann. Allzu lang herrschte der Stillstand; die Fronten waren hoffnungslos verhärtet. In diesem Regierungsabkommen sieht man zumindest Ansätze dafür, dass sich die Dinge bewegen könnten.
Kampfpanzer mit haarsträubenden Ideen
Einmal mehr sorgt heute aber auch wieder Donald Trump für Diskussionsstoff. Der hat ja vorgeschlagen, aus dem Gazastreifen, so wörtlich, "die Riviera des Nahen Ostens" zu machen. Das ist nur die letzte Episode in der Chronik eines angekündigten Desasters, meint erschüttert Le Soir. Inzwischen wird deutlich, was der US-Präsident Israel versprochen hat als Gegenleistung für die Waffenruhe: bedingungslose Unterstützung bis hin zu einer ethnischen Säuberung. Den Wunsch der Palästinenser nach einem eigenen Staat wird er aber nicht per Dekret unterbinden können.
Grönland, Kanada, Panama und jetzt also auch der Gazastreifen: Dem US-Präsidenten könnten am Ende die Besatzungstruppen ausgehen, giftet auch das GrenzEcho. Die Vorstellung, ein seit langem umkämpftes Territorium gewaltsam zu entvölkern, um es nach eigenen Vorstellungen in eine luxuriöse Küstenidylle zu verwandeln, erscheint nicht nur radikal, sondern grenzt an grotesken Größenwahn. Aber, so schwer es auch fällt, solche bizarren Fantasien können nicht einfach ignoriert werden. Denn, so oder so richten sie Schaden an.
Was wir hier sehen, das ist die Strategie des Chaos', meint auch L'Avenir. Wie ein wildgewordener Kampfpanzer stiftet Trump ein weltweites Durcheinander. Denn, so sehr man auch die Augen verdrehen mag, seine Aussagen haben Konsequenzen. Er scheint wirklich bereit zu sein, die Stabilität der Welt auf dem Altar seines grenzenlosen Egos zu opfern.
Die neueste Trump-Idee ist in allen Belangen haarsträubend, schimpft auch sinngemäß La Libre Belgique. Letztlich imitiert der US-Präsident Putins Russland und gefährdet damit die Weltordnung. Man nimmt sich, was man will, entweder gegen Bezahlung oder mit Gewalt. Die betroffenen Bevölkerungen spielen dabei keine Rolle. Trump will Amerika seine Größe zurückgeben, er gibt es letztlich nur der Lächerlichkeit preis.
Roger Pint