Die Presseschau von Mittwoch, dem 2. Juni 2021

Bei vielen Zeitungen geht es heute zunächst um eine Gruppenvergewaltigung; das Opfer war ein 14-jähriges Mädchen. Einige Zeitungen sehen hier auch ein gesellschaftliches Versagen. Zweites großes Thema ist immer noch die Kopftuchdebatte. Hier sind die Fronten verhärtet, was auf kein schnelles Ende der Diskussion hindeutet.

Kopftuch

Illustrationsbild: Pixabay

„Ein Verdächtiger der Gruppenvergewaltigung ist selbst gerade mal 14 Jahre alt“, titelt Het Nieuwsblad. „Jede Woche werden vier Gruppenvergewaltigungen registriert“, berichtet Het Laatste Nieuws auf Seite eins. Und „die Opfer von sexueller Ausbeutung im Internet werden immer jünger“, schreibt De Morgen.

Viele Zeitungen beschäftigen sich heute mit einer „tieftraurigen Geschichte“, wie es De Morgen formuliert: Ein 14-jähriges Mädchen wollte sich in Gent mit einem Jungen treffen. Der kam aber nicht alleine, sondern es tauchten insgesamt fünf junge Männer auf. Das Mädchen wurde sexuell missbraucht, wahrscheinlich vergewaltigt. Die Täter stellten die Bilder von der Tat ins Netz. Vier Tage später nahm sich das Mädchen das Leben.

Diese Phänomene sind viel weiter verbreitet als man vielleicht denken könnte. 2019 wurden in Belgien 201 Gruppenvergewaltigungen angezeigt. Es gebe da aber wohl eine hohe Dunkelziffer, sagt eine Expertin in Het Laatste Nieuws. Im vergangenen Jahr hat die Organisation Child Focus darüber hinaus auch 465 Fälle von sexueller Ausbeutung Minderjähriger im Internet registriert.

Mit Repression und Sensibilisierung

„Ein Mädchen von 14 Jahren…“, schreibt Het Laatste Nieuws nachdenklich in seinem Leitartikel. Es könnte auch Ihr Kind gewesen sein. Ein Mädchen, 14 Jahre jung, wird vergewaltigt von einer Gruppe von fünf Jungs. Ein Mädchen, 14 Jahre jung, musste danach damit leben, dass die Bilder der Tat im Internet kursierten. Das hat ihre Welt zum Einsturz gebracht. Aber sie ist nicht alleine.

Jedes vierte minderjährige Mädchen und einer von zehn Jungen werden mit sexuellem Missbrauch konfrontiert. Man kann nicht alles über Gesetze regeln, hier bedarf es auch eines Mentalitätswechsels. Vor allem muss wohl noch stärker hervorgehoben werden, dass Sexualität mit Einvernehmen einhergehen muss. Und auch die Opfer brauchen mehr Zuwendung. Wenn ein junges Mädchen in einer solchen Situation keinen anderen Ausweg sieht, als sich das Leben zu nehmen, dann ist das gleichbedeutend mit einem gesellschaftlichen Versagen…

In dieser Geschichte kristallisieren sich alle Ängste, die alle Mütter und alle Väter hegen können, meint De Morgen. Die Eltern des 14-jährigen Mädchens bleiben jetzt zurück mit so vielen Fragen, auf die sie nie eine Antwort bekommen werden. Ein Teil, wenn nicht ihr ganzes Leben, liegt jetzt in Scherben. Unwiederbringlich. Im Kampf gegen sexualisierte Gewalt geht es nicht nur um Repression, sondern auch um Sensibilisierung. Und ein Kondom über eine Banane zu stülpen, das ist keine Sexualerziehung.

Die Kopftuchdebatte ist zurück

Ganz andere Geschichte auf Seite eins von La Libre Belgique. „Die Brüsseler Regionalregierung ist mit dem heiklen Kopftuchproblem konfrontiert“, schreibt das Blatt. Anlass ist eine Klage gegen die Brüsseler Nahverkehrsgesellschaft STIB. Eine Frau hatte Beschwerde eingelegt, wonach die STIB sie nicht eingestellt habe, weil sie ein muslimisches Kopftuch trägt. Das Gericht gab der Klägerin Recht. Die STIB wird gegen das Urteil nicht in Berufung gehen.

Der Fall sorgte für eine handfeste politische Polemik. Zunächst innerhalb der Brüsseler Regierung. „Die Brüsseler Kopftuchdebatte droht aber auch die Föderalregierung anzustecken“, bemerken Le Soir und De Standaard auf Seite eins. Denn: Parallel dazu gibt es auch einen Streit über die Benennung der neuen Regierungskommissarin im Institut für die Gleichstellung von Frauen und Männern. Die Frau, die von der ECOLO-Staatssekretärin Sarah Schlitz benannt wurde, heißt Ihsane Haouach und trägt das muslimische Kopftuch. MR-Chef Georges-Louis Bouchez läuft Sturm gegen die Personalie und verweist auf die Neutralität des Staates.

„Da ist sie wieder: Die Kopftuchdebatte“, konstatiert Le Soir in seinem Leitartikel. Man könnte auch sagen: Der Elefant hat wieder den Porzellanladen betreten. Und, wie immer kochen gleich die Emotionen hoch und zeigen sich wieder die altbekannten Bruchlinien. Und was passiert dann? Nichts! Wie immer! Die Politik wird den gordischen Knoten am Ende wieder nicht anfassen.

Es wäre zu einfach, der Klägerin die Schuld zu geben; oder der STIB; oder dem Richter. Es ist die Politik, die es einfach nicht schafft, ein für alle Mal in dieser Frage zu entscheiden, was auf dem Terrain einen regelrechten Wildwuchs verschiedenster und zum Teil gegensätzlichster Praktiken zur Folge hat. Nur zur Erinnerung: In einer Demokratie sind es nicht die Richter, die die Gesetze machen.

L’Avenir sieht das ähnlich. Die Kopftuchdebatte war nie weg, weil die Frage nie ausdiskutiert wurde. Und jedes Mal, wenn die Diskussion wieder aufflammt, zeigt sich gleich wieder die Komplexität sowohl der Problematik als auch der Debatte. Alle Beteiligten wären aber gut beraten, hier mal ein bisschen Besonnenheit an den Tag zu legen.

Das „Kopftuchdilemma“

De Tijd spricht ihrerseits vom „Kopftuchdilemma“. Die Frage ist delikat. Auf der einen Seite genießt jeder Bürger Religionsfreiheit. Auf der anderen Seite will sich eben dieser Bürger aber auch durch die Neutralität des Staates geschützt sehen.

„Machen wir uns doch nichts weis: Niemand ist neutral“, glaubt aber Gazet van Antwerpen. Er würde wirklich langsam Zeit, dass wir als Gesellschaft einmal wie Erwachsene mit dem Thema Kopftuch umgehen. Es mag sein, dass einige muslimische Frauen das Kopftuch nur unter Zwang tragen. Und, klar: So etwas hat in unserer Gesellschaft nichts zu suchen. Viele muslimische Frauen tragen das Kopftuch aber aus freien Stücken. Und das ist ihr gutes Recht. Und das muss auch nicht gleich bedeuten, dass eine Regierungskommissarin mit Kopftuch nicht gleichzeitig neutral sein kann.

Het Belang van Limburg sieht das ähnlich. „Warum haben wir immer noch solche Probleme mit dem Kopftuch?“, fragt sich das Blatt. Und warum sind wir viel toleranter, wenn es um die jüdische Kippa oder den Turban der Sikhs geht? Mit einem Minimum an Respekt sollte es doch eigentlich möglich sein, auch dieses Problem zu lösen.

Die eine, objektive Wahrheit gibt es nicht

La Dernière Heure sieht das ganz anders. Staatsbedienstete, also Vertreter der öffentlichen Hand, dürfen in dieser Eigenschaft nicht ihre persönlichen Überzeugungen zur Schau stellen. Was sie nach der Arbeit machen, das ist freilich ihre Sache.

Der Kommentar von De Standaard liest sich wie ein Fazit. In dieser Geschichte gibt es nicht die eine, objektive Wahrheit. Auf der einen Seite gibt es die gebotene Neutralität des Staates. Auf der anderen Seite kann der Staat aber nicht neutral sein, wenn er nicht zugleich inklusiv ist, also möglichst viele Gesellschaftsströmungen in sich vereint. Für beide Visionen gibt es Pros und Contras. Und solange die Gesellschaft in dieser Frage gespalten bleibt, wird sich die Kopftuchdebatte nicht legen…

Roger Pint