Die Presseschau von Montag, dem 3. Mai 2021

Das große Thema ist die am Samstag wiederholte Veranstaltung im Brüsseler Bois de la Cambre "La Boum 2". Wie schon bei der ersten Auflage kam es zu schweren Ausschreitungen. Während für einige Zeitungen die Schuld eindeutig bei den Sicherheitskräften liegt, weisen andere auf den unmöglich erscheinenden Dialog zwischen beiden Seiten oder sehen gar eine Lektion in Sachen Reife.

Ausschreitungen bei der illegalen Veranstaltung "La Boum2" (Bild: Nicolas Maeterlinck/Belga)

„Warum auch bei ‚La Boum 2‘ alles schiefging“, titelt De Morgen. Und einen Teil der Erklärung liefert die Zeitung gleich mit: „Hier ging es nicht um Protest, hier sollte nur Chaos produziert werden“. „Die Menschen sind nicht mehr zu halten“, kann seinerseits Het Belang van Limburg feststellen. Das Blatt zeigt Fotos aus dem Brüsseler Bois de la Cambre, aber auch aus Manchester, Middelkerke und Amsterdam. „Die Menschen haben die Nase voll von der Pandemie“, so die Schlagzeile von Le Soir. „Wir sind genauso frustriert wie Gefangene“, titelt Het Nieuwsblad und verweist auf eine neue Motivationsstudie.

Am vergangenen Wochenende wehte so ein Hauch von Rebellion. Viele Menschen brachten auf verschiedenste Art zum Ausdruck, dass sie genug von den Corona-Maßnahmen haben. Am sichtbarsten war „La Boum 2“, eine Veranstaltung, die als eine Art „Lockdown-Party“ im Brüsseler Bois de la Cambre angekündigt worden war. Wie beim ersten Mal kam es auch am Samstag wieder zu schweren Zusammenstößen zwischen Teilnehmern und der Polizei.

Fehler bei Polizei?

„Krawalle in Brüssel – Eupener mischen mit“, so derweil die Aufmachergeschichte des GrenzEchos. Anscheinend war auch eine Gruppe von Eupener Fußball-„Hooligans“ am Samstag in Brüssel an den Ausschreitungen beteiligt… Die Leitartikler scheinen angesichts der Ereignisse vom Wochenende hin- und hergerissen zu sein.

L’Avenir etwa sieht den Fehler offensichtlich in erster Linie bei der Polizei. Lange hat man nicht ein solches Polizeiaufgebot gesehen. Warum all die Hundertschaften, die Wasserwerfer, die Polizeipferde, die Hunde, das Tränengas? Wenn all das nicht aufgefahren worden wäre, dann wäre nichts passiert. Dann hätte nur eine Handvoll ungehorsamer Bürger ihrem Ärger über die anhaltenden Einschränkungen ihrer persönlichen Freiheiten Luft gemacht.

Es waren jedenfalls nicht genug, um das Infektionsgeschehen nennenswert zu befeuern. Klar waren unter den Teilnehmern auch Unruhestifter. Die hätte man aber vorher herausfiltern können. Am Ende konnte es jedenfalls so aussehen, als suche die Polizei nur nach einem Vorwand, um endlich die Schlagstöcke schwingen zu können. Und die belgischen Ordnungshüter stehen offensichtlich denen in Hongkong in nichts nach.

„Die Schlacht der Missverstandenen“

Es war eher die „Schlacht der Missverstandenen“, glaubt ihrerseits La Dernière Heure. Auf der einen Seite: Die große Mehrheit der La Boum 2-Teilnehmer, die sich für Opfer des Systems halten, die davon auszugehen scheinen, dass ihre Freiheiten ungerechtfertigterweise eingeschränkt wurden. Und auf der anderen Seite die Polizistinnen und Polizisten, die auch nach wie vor falsch wahrgenommen werden. Diese Menschen machen auch nur ihren Job. Und sie verdienen es nicht, alle Nase lang mit allem bombardiert zu werden, was die jeweilige Umgebung gerade hergibt. Die Frustration und die Lust, wieder ins normale Leben zurückzukehren, das ist nicht das Monopol einer einzigen Bevölkerungsschicht. Wir alle wünschen uns das, auch die Polizeibediensteten. Unter „Missverstandenen“ scheint der Dialog in diesen Tagen aber ziemlich unmöglich zu sein.

Für Het Nieuwsblad standen sich am Samstag aber nicht nur Missverstandene gegenüber, sondern auch Mistkerle. Und zwar auf beiden Seiten. Unter den Teilnehmern von La Boum 2 waren Hooligans und Mitglieder von Jugendbanden, die es einzig auf eine Konfrontation mit den Ordnungskräften angelegt hatten. Mistkerle, keine Frage. Doch tauchten später Bilder auf, die Gewaltexzesse der Polizei dokumentierten, Beamte, die eindeutig unverhältnismäßige Gewalt einsetzten. Und es gab so viele Beispiele, dass man nicht mehr von punktuellen Entgleisungen sprechen kann, von „einem Beamten, der mal eben kurzzeitig ausgerastet wäre“. Hier haben wir vielmehr Polizisten gesehen, die auch eine „Abschussliste“ führten. Wer Polizisten angreift, der ist ein Mistkerl. Aber wer als Polizist Bürger angreift, der ist das auch.

Selektive Empörung mit eindeutigem Gewinner

„And the winner is…: SARS-CoV-2“, meint aber sarkastisch De Morgen Wenn es bei La Boum 2 einen Gewinner gab, dann ist es das Virus. Was wir am Samstag gesehen haben, dass kann man als Superspreader-Event bezeichnen. Keine Masken, keine Abstandsregeln, erst tanzend, dann singend, dann brüllend: Optimale Bedingungen für die Verbreitung des Virus. Die Folgen dieses „Festivals“ für die Volksgesundheit sind potenziell dramatisch. Denn noch ist der Impfschutz nicht ausreichend. Wenn den „Veranstaltern“ von La Boum 2 doch noch ein Fitzelchen Verantwortungsbewusstsein bleibt, dann rufen sie die Teilnehmer dazu auf, sich testen zu lassen und bis dahin in Quarantäne zu bleiben. Nur so gefährden wir nicht die geplanten und lang ersehnten Lockerungen.

Het Laatste Nieuws ärgert sich seinerseits über solche Argumentationen. Immer wird quasi reflexartig mit der Moralkeule geschwungen, werden im vorliegenden Fall die La Boum-Teilnehmer bezichtigt, daran schuld zu sein, dass das Virus noch immer nicht besiegt ist. Dies oft von Menschen, die ihre eigene Jugend verklären und fest davon überzeugt sind, dass die jungen Menschen „damals noch verantwortungsbewusst waren“. Diese Empörung ist selektiv. Studien zeigen, dass 70 Prozent der Menschen sich auf die eine oder andere Art nicht mehr an die Regeln halten. Nur empfinden viele diese „ihre“ Übertretung nicht als Übertretung. Man sieht nur die Fehler der anderen.

Bemerkenswertes, unverhofftes Verantwortungsbewusstsein

„Das alles lässt im Grunde nur einen Schluss zu“, meint La Libre Belgique: Es ist zu viel Druck auf dem Kessel. Und schuld daran ist auch die Regierung, die viele ihrer Maßnahmen rechtlich gesehen auf Sand gebaut hat. Hinzu kommt: Der Staat ist offensichtlich nicht dazu imstande, den Menschen klarzumachen, dass nicht er die Einschränkungen auferlegt, sondern das Virus; ob man das nun will oder nicht. Warum hat man nicht doch ein Corona-Barometer eingeführt? Dann wären die Einschränkungen durch objektive Kriterien begründet worden.

Le Soir zieht seinerseits bei alledem am Ende doch ein positives Fazit. Im Vorfeld konnte man befürchten, dass an diesem Wochenende alle Dämme brechen. Nicht, dass nichts passiert wäre, aber es hätte schlimmer kommen können. Und es ist nicht die „Angst vor dem Polizisten“, die die Menschen von einer „Terrassenrevolution“ abgehalten hat. Letztlich war das letzte Wochenende eine Lektion in Sachen Reife. Bei allen Entgleisungen und Fehlentwicklungen: Nach über einem Jahr scheint unterm Strich doch noch das Verantwortungsbewusstsein zu überwiegen. Und das ist ebenso bemerkenswert wie unverhofft…

Roger Pint