Die Presseschau von Mittwoch, dem 14. April 2021

Die Titelseiten der Zeitungen und auch viele Leitartikel greifen den heutigen Konzertierungsausschuss auf. Dabei stehen besonders die Forderungen nach einer schnellen Wiederöffnung der Terrassen und die angedrohte diesbezügliche Rebellion unter anderem aus Lüttich im Mittelpunkt, ebenso wie eine allgemeine Strategie-Anpassung.

Terrasse im niederländischen Alkmaar (Bild: Koen van Weel/ANP/AFP)

Bild: Koen van Weel/ANP/AFP

„Konzertierungsausschuss tritt heute zusammen: Gaststätten erwarten eine klare Perspektive“, titelt das GrenzEcho. „Nach Frisöröffnungen zum Valentinstag offene Terrassen zum Muttertag?“, fragt Het Laatste Nieuws. „Der Konzertierungsausschuss wird über die Wiederöffnung der Schulen ab Montag entscheiden, die nächtliche Ausgangssperre und nicht-essenziellen Reisen liegen unter strengen Auflagen ebenfalls auf dem Tisch, die geschlossenen Sektoren sind zu allem bereit, um am 1. Mai wieder zu öffnen“, fasst L’Avenir auf Seite eins zusammen.

Vonseiten der Virologen ist es dieses Mal vor dem Konzertierungsausschuss auffällig ruhig geblieben, stellt De Standaard fest. Gleiches gilt für den Pflegesektor. Und doch wird der heutige Konzertierungsausschuss einer der schwierigsten werden, die Premierminister Alexander De Croo bisher leiten musste. Einerseits sind die Zahlen weiterhin nicht gut, insbesondere in den Krankenhäusern und auf den Intensivstationen bleibt der Druck sehr hoch.

Andererseits ist der Druck auf die Politik, Lockerungen zuzulassen, selten so groß gewesen. Und dieses Mal kommt der Druck nicht nur von den Psychologen, den Studenten, den jungen Menschen und dem Reise-, Horeca- und Event-Sektor. Es sind Politiker und Bürgermeister, die Lockerungen fordern und vor allem eine Wiederöffnung der Terrassen wollen. Sie erpressen den Konzertierungsausschuss geradezu, indem sie sagen, dass sie die Schutzmaßnahmen nicht mehr wie bisher durchsetzen werden. Die Bürgermeister merken, dass die lokale Polizei nicht mehr ankommt gegen den Drang der Menschen nach mehr Freiheiten. Der Konzertierungsausschuss hat sich selbst in eine Ecke gedrängt, als er vor den Osterferien den 1. Mai als Datum für den Horeca-Sektor in Aussicht gestellt hat, urteilt De Standaard.

Spiel mit dem Feuer in der Cité ardente

Het Nieuwsblad greift die rebellische Haltung des Gouverneurs und verschiedener Bürgermeister in der Provinz beziehungsweise Stadt Lüttich auf, die Terrassenöffnungen ab dem 1. Mai nicht verhindern wollen. Auch nicht, wenn der Konzertierungsausschuss anders entscheidet. Abgesehen von den parteipolitischen Spielchen, die die MR und die PS hier wieder spielen, muss man doch festhalten, dass diese Debatte geführt werden muss. Der Konzertierungsausschuss steht vor der sehr schwierigen Aufgabe, ein Gleichgewicht zwischen Vorsicht und Durchsetzbarkeit zu finden.

Und es ist sicher auch kein Zufall, dass unter anderem die großen Städte den zunehmenden Druck spüren. Sie müssen sich entscheiden zwischen hartem Durchgreifen und strategischer Nachsicht. In diesem Sinn kann man nur hoffen, dass das Signal aus Lüttich in Brüssel gehört worden ist. Allerdings wäre es sehr töricht, wenn die Verantwortlichen in Lüttich ihre Drohung tatsächlich wahr machen würden.

Nicht nur, weil sie damit eine fürchterliche Kakofonie entfesseln würden. Sondern auch, weil die Folgen vorhersehbar katastrophal wären. Wenn nur Lüttich wieder öffnet, wäre ein massenhafter Ansturm unvermeidbar. In der Cité ardente, der feurigen Stadt, wird gerne mit dem Feuer gespielt. Aber so kann man sich leicht die Finger verbrennen, warnt Het Nieuwsblad.

Ein merkwürdiges Symbol

Die Terrassen sind zu einem Symbol geworden für alle, die schnell mehr Freiheiten wollen, kommentiert De Morgen. Wenn auch ein merkwürdiges Symbol. Denn wer genau hinhört, stellt fest, dass die Horeca-Betreiber selbst oft gar nicht so scharf darauf sind, nur die Terrassen öffnen zu können. Wenn es nicht gerade bei Touristen sehr beliebte Orte sind, lohnt sich das nämlich oft einfach nicht.

Auch dass die Terrassenöffnung zu weniger illegalen Lockdown-Partys führen wird, ist wohl eher Wunschdenken. Die Öffnung der Terrassen ist viel mehr ein Loch im Deich der Coronavirus-Schutzmaßnahmen, durch dass sich alle freiheitsliebenden Menschen durchzwängen wollen. Und man muss kein Deichbauer sein, um zu wissen, was dann passiert. Länder wie Italien und Portugal haben die Folgen einer solchen Politik bereits vorgeführt.

Für die politisch Verantwortlichen wird es immer schwieriger, die Botschaft erfolgreich zu vermitteln, dass große Lockerungen bedeuten, epidemiologisch mit dem Feuer zu spielen. Aber diese Position nicht zu vertreten, würde bedeuten, die Ergebnisse der vorsichtigen Handhabung der letzten Monate jetzt noch aufs Spiel zu setzen. Jetzt, wo die Ziellinie in Sicht ist, so die eindringliche Warnung von De Morgen.

Druck vom Kessel nehmen

Auf Konzertierungsausschüsse wird immer sehr gewartet. Aber der heutige könnte noch wichtiger sein als die bisherigen, konstatiert auch La Libre Belgique. Und zwar in doppelter Hinsicht. Zum einen illustrieren die Corona-Zahlen, dass wir noch lange mit dem Virus leben werden müssen. Die Langsamkeit, mit der die Indikatoren sinken, zeigt, dass die sanitären Schutzvorkehrungen bei engeren Kontakten beibehalten werden müssen – trotz des Fortschreitens der Impfkampagne.

Zum anderen scheint aber auch die Zeit gekommen zu sein, die Strategie zur Bekämpfung des Virus zu überprüfen und an eine dauerhafte Anwendung anzupassen. Die belgische Bevölkerung braucht jetzt unbedingt spezifische, gezielte und chirurgische Maßnahmen, die mehr Freiheiten erlauben, meint La Libre Belgique.

Wenn der Druck zu groß wird, müssen die Ventile geöffnet werden, fordert rundheraus L’Avenir in ihrem Kommentar. Lindern, mehr Luft zum Atmen geben, Druck vom Kessel nehmen, Hoffnungen geben – die Menschen einfach leben lassen. Denn immer wieder beteuern, dass das Licht am Ende des Tunnels in Sicht ist, reicht nicht, um Druck abzubauen. Wir wollen aus diesem Zug aussteigen, der mit Volldampf auf den Schienen dahin donnert und bei dem keine Abweichung von der eingeschlagenen Route vorstellbar scheint, wettert L’Avenir.

Boris Schmidt