Die Presseschau von Mittwoch, dem 24. Februar 2021

Die Coronavirus-Impfkampagne läuft auch in Belgien nicht rund. Die Titelseiten und Leitartikel beschäftigen sich vor diesem Hintergrund vor allem mit den zahlreichen Problemen, die unter anderem bei der Logistik aufgetreten sind. Sie blicken aber auch schon in Richtung des Konzertierungsausschusses am Freitag.

Impfzentrum in Brüssel (Bild: Benoit Doppagne/Belga)

Illustrationsbild: Benoit Doppagne/Belga

„Warten auf den Pieks – Schon wieder weniger Lieferungen von AstraZeneca und Moderna“, titelt De Standaard. „Schon wieder Verspätung – Weniger Impfstoffe von AstraZeneca und Moderna, falsche Menschen zur Impfung eingeladen, hoffnungslos komplexes Registrierungssystem“, schreibt Het Nieuwsblad.  „Die Impfkampagne in Belgien wird nicht im vorgesehenen Rhythmus durchgeführt werden können“, so der Aufmacher bei La Libre Belgique.

Inzwischen ist klar: Die Herstellung und Verteilung der Impfstoffe ist eine noch größere Herausforderung als ihre Entwicklung, stellt De Standaard resigniert fest. Jeden Tag gibt es neue Hiobsbotschaften, die termingerechte Impfung wird zur Achillesferse der Impfkampagne. Daten aus anderen Ländern zeigen, wie wichtig es ist, möglichst schnell einen möglichst großen Teil der Bevölkerung zu immunisieren. Dass sich der Impffahrplan verschiebt, ist schon ärgerlich und lästig.

Es gibt aber auch noch eine Angst, über die wenig gesprochen wird: Die Verzögerungen könnten dem Coronavirus Zeit geben, weiter zu mutieren, bevor die Gruppenimmunität weit genug ausgebaut ist. Diese Gefahr bedeutet auch, dass wir sehr vorsichtig in puncto Lockerungen sein müssen – egal, wie groß der gesellschaftliche Druck wird.

Die Politik sollte die Zeit nutzen, um die Impfstrategie noch einmal zu überdenken. Jetzt, wo klar scheint, dass schon die erste Dosis stark schützt, sollte man zumindest darüber sprechen, wieviel Sinn es macht, an der Zwei-Dosen-Strategie festzuhalten. Oder ob es nicht besser wäre, möglichst viele Menschen erst mal mit einer Dosis zu impfen, meint De Standaard.

Flexibilität und Wendigkeit

Auch Het Nieuwsblad findet, dass das zumindest eine Debatte wert ist. Aber abgesehen davon muss man sich vor allem eine Frage stellen angesichts der ganzen Probleme: Haben wir eigentlich Nichts dazu gelernt? Seit Monaten wird an der Impfstrategie gefeilt und immer wieder ist uns versichert worden, dass das System bereit sein würde, sobald die Impfstoffe da sein würden. Die Realität in den Impfzentren zeigt aber vor allem, dass es sehr ärgerliche Kinderkrankheiten gibt.

Dabei wissen wir doch, dass jeder gewonnene Tag und jede gewonnene Woche wichtig sein können. Je komplizierter das Einladungssystem für die Impfungen ist, desto mehr Verzögerungen gibt es. Auch die Impfreihenfolge kann zu zusätzlichen Komplikationen führen. So gibt es in der Praxis etwa Probleme bei den Terminvereinbarungen für Risikopatienten mit chronischen Krankheiten. Solche Dinge sollten deshalb noch einmal überdacht werden. Man kann immer große und schöne Pläne machen. Aber in dieser Phase der Krise sind Flexibilität und Wendigkeit mindestens genauso wichtig, ist Het Nieuwsblad überzeugt.

„Fiasko“

Das Chaos bei der Impfung des Gesundheits- und Pflegepersonals ist also auf fehlerhafte Kontaktdatenbanken des Landesamts für Krankenversicherung zurückzuführen, seufzt Gazet van Antwerpen. Auf die Logistik der Impfkampagne hat Belgien zumindest Einfluss – im Gegensatz zur Lieferung der Impfstoffe. Da sollten die politisch Verantwortlichen also dann bitte auch aktiv werden, weitere Fehltritte können wir uns nämlich nicht mehr leisten.

Diese ärgerlichen Kinderkrankheiten der Logistik sind aber nur ein kleines Problem im Vergleich zur Versorgung mit Impfstoffdosen. Wir bekommen nämlich so wenige Dosen, dass die Verzögerungen durch die Pannen im System kaum ins Gewicht fallen. In Israel sind schon 70 Prozent der Erwachsenen mindestens einmal geimpft worden. In Großbritannien werden jeden Tag 400.000 Dosen verimpft. Das ist fast so viel wie in Belgien seit Beginn des Jahres!, giftet Gazet van Antwerpen.

Die europäische Impfpolitik ist ein Fiasko, wettert auch Het Laatste Nieuws und greift damit ein Zitat von Guy Verhofstadt auf, der bekanntermaßen sehr europhil ist. Als Bürger kann man angesichts der Langsamkeit der Fortschritte bei den Impfungen doch nur sauer sein. Sauer darauf, dass es Großbritannien so viel besser machen kann als Europa. Und natürlich auch sauer auf die belgischen Logistikprobleme, die beschönigend als „Kinderkrankheiten“ dargestellt werden. Da sind Impfstoffe schon Mangelware, und dann werden die verfügbaren Dosen noch nicht mal genutzt, weil es in der Verwaltung hakt oder die Software Zicken macht, ärgert sich Het Laatste Nieuws.

Stellschrauben und Grenzen

De Morgen nimmt die Impfprobleme zum Anlass, um auf den Konzertierungsausschuss am kommenden Freitag zu blicken. Solange die Impfkampagne keine Fahrt aufnimmt, sind wir auf Stoßgebete angewiesen, dass die Corona-Kurven wieder sinken und dass die britische oder südafrikanische Variante nicht zu schlimm wütet. Die Vorhersage-Modelle der Biostatistiker zeigen, dass es für echte Lockerungen der Corona-Einschränkungen noch viel zu früh ist. Deswegen werden die politisch Verantwortlichen am Freitag nur minimal an den Stellschrauben drehen können, glaubt De Morgen.

La Dernière Heure kritisiert in diesem Zusammenhang den Premierminister. De Croo hat mit seiner Wissenschaftler-Pressekonferenz jede Hoffnung auf Lockerungen im Keim erstickt. Aber die Geduld der Belgier hat ihre Grenzen, und die sind erreicht. Werden sie überschritten, droht die Motivation der Menschen, sich an die Regeln zu halten, endgültig den Bach runterzugehen. Der gesellschaftliche, wirtschaftliche und psychologische Preis, den wir zahlen, ist zu hoch geworden. Zu hoch jedenfalls, um darauf mit Grafiken mit ein paar Kurven zu reagieren.

Der Premierminister hat durchblicken lassen, dass es kleine Zugeständnisse geben könnte. Die brauchen die Belgier auch dringend. De Croo wäre also gut beraten, solche kleinen Fenster nach und nach zu öffnen. Und damit nicht bis April zu warten, fordert La Dernière Heure.

Boris Schmidt