Die Presseschau von Dienstag, dem 23. Februar 2021

Der Premierminister hat gestern mathematische Modelle über mögliche Verläufe der Coronavirus-Epidemie in Belgien vorstellen lassen. Und die legen nahe, dass breite Lockerungen für die nahe Zukunft nicht empfehlenswert sind. Das ist heute ein wichtiges Thema auf allen Titelseiten und auch in den meisten Leitartikeln.

Lockdown (© Bildagentur PantherMedia/Michael Bihlmayer)

© Bildagentur PantherMedia/Michael Bihlmayer

„Kalte Dusche: Null Chancen für eine Aufhebung des Lockdowns im März“, schreibt La Dernière Heure auf Seite eins. „De Croo lässt Experten neues statistisches Modell entwickeln: Lockern erst ab Mai sicher“, so die Überschrift bei Gazet van Antwerpen. „Dämpfer für Konzertierungsausschuss am Freitag: Vorsichtigkeit statt große Lockerungen“, liest man beim GrenzEcho.

Premierminister Alexander De Croo hat die Flucht nach vorne angetreten, analysiert De Standaard. Anstatt vor dem Konzertierungsausschuss am Freitag die ganze Woche lang den Druck für Lockerungen der Coronavirus-Einschränkungen anschwellen zu lassen, bis er ein unerträgliches Niveau erreicht hätte. Und seine Botschaft verkündete der Premier auf der Pressekonferenz nicht etwa gemeinsam mit den Ministerpräsidenten der Teilstaaten, sondern mit Wissenschaftlern.

Die Botschaft ist eine eiskalte Dusche nach dem Frühlingswochenende: Wir sind nicht Tage oder Wochen von der Freiheit entfernt, sondern mehrere Monate. Die Experten ließen bei aller Fachsimpelei keinen Zweifel daran: Solange die höhere Ansteckungsfähigkeit der britischen Virus-Variante nicht besser einschätzbar ist, bedeutet jede Lockerung ein größeres Risiko auf eine dritte Welle. Die Entscheidung, diese Wahrheit so geradeheraus, um nicht zu sagen brutal zu verkünden, zeigt Führungsqualität. Ist aber auch nicht ohne Risiko.

Neben der zunehmenden Corona-Müdigkeit muss man auch sehen, was die Justiz zu den Corona-Maßregeln zu sagen hat. Und der Druck auf De Croo aus der eigenen Koalition und auch aus den Teilstaaten nimmt immer weiter zu. Die nächsten Tage werden zeigen, ob der Premier die Lage politisch richtig eingeschätzt hat, so De Standaard.

Die Nadel im Ballon

Für De Morgen war die Pressekonferenz des Premiers wie eine Nadel, die in einen Luftballon gesteckt wird. Die Hoffnung auf schnelle Lockerungen war nämlich dabei, sich wie ein Ballon immer weiter mit Enthusiasmus zu füllen. Bis eben gestern. Nicht zum 1. März, auch nicht zum 1. April, aber vielleicht frühestens zum 1. Mai könnten größere Lockerungen kommen. Schön ist diese Botschaft des Premiers nicht. Aber mutig ist sie auf jeden Fall.

De Croo vermeidet explizit, in die Falle zu tappen, in die seine Vorgängerin Sophie Wilmès gegangen ist, die sich im September so verrückt hatte machen lassen, dass sie im falschen Augenblick Lockerungen zuließ. Und De Croo war auch schlau genug, diese schwere Kommunikationsaufgabe selbst zu übernehmen, denn dadurch zeigt er, dass er bestimmt, wo es in der Regierung langgeht und nicht lärmende und meckernde Parteivorsitzende am Spielfeldrand, kommentiert De Morgen.

Keine Meinungen, sondern Wissenschaft

Schlau und klar. Punkt. So bewertet auch Het Laatste Nieuws das Auftreten des Premierministers. Und ein wichtiger Blick in das Innere des Maschinenraums, in dem unsere Freiheiten eingeschränkt werden. De Croo machte auch Hoffnung und hat uns Licht am Ende des Tunnels sehen lassen. Zum ersten Mal seit Langem in dieser Krise, und zwar nicht auf der Basis von Meinungen und Losungen von Politikern, die sich nach eigenem Gutdünken ein Datum für Lockerungen aussuchen, sondern auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse. Natürlich ist auch die Wissenschaft fehlbar. Aber sie bietet ein verlässlicheres Fundament als Meinungen, urteilt Het Laatste Nieuws.

Unfundierte Meinungen und Ansichten gewinnen immer mehr an Einfluss gegenüber Fakten und der Wissenschaft, warnt auch Het Belang van Limburg. Und deswegen werden die unausgesprochenen Schlussfolgerungen aus der Pressekonferenz auch wieder zu einem neuen Proteststurm führen. Aussprechen musste der Premier diese Schlussfolgerungen übrigens auch gar nicht. Denn die Zahlen und Modelle sprachen für sich: Wir müssen eben noch Geduld haben, stellt Het Belang van Limburg fest.

Das war keine grundlose Motivationsansprache, hebt auch De Tijd hervor. Denn es ist das erste Mal, dass die Regierung einigermaßen überzeugend zeigen konnte, dass das Ende des Tunnels in Sicht ist. De Croo brachte dieses Mal kein inhaltsloses Geschwätz über das Reich der Freiheit mit, das uns winkt, sondern harte Zahlen, unterstreicht De Tijd.

Neue Superhelden als letzte Zuflucht?

De Croo hat angesichts des zunehmenden Drucks, schnell zu lockern, neue Superhelden zu Hilfe gerufen, frotzelt Le Soir. Nämlich Mathematiker, die anhand von Modellen versuchen, vorherzusagen, wie sich die Epidemie entwickeln könnte. Die Versuchung ist natürlich groß, das als letzte Zuflucht des Premiers zu bezeichnen, wenn Rhetorik nicht mehr funktioniert und die Verbündeten beginnen, das Schiff zu verlassen. Man könnte sich aber auch über die Transparenz freuen, die hier geboten wurde. Sicher, das war schon alles sehr fachspezifisch. Aber intellektuell betrachtet zumindest ehrlich, findet Le Soir.

In gewisser Weise war die Pressekonferenz lobenswert, erkennt auch L’Avenir an. Denn zweifelsohne erlaubte sie einen besseren Einblick in die Datenlage, die die politisch Verantwortlichen als Entscheidungsgrundlage nutzen werden. Der Mangel an Transparenz und an objektiven Daten, die der Bevölkerung zugänglich sind, ist ja oft genug bemängelt worden.

Man sollte sich aber trotzdem auch fragen, welche Auswirkungen diese Kommunikation auf die Menschen haben könnte. Denn mathematische Modelle vorzustellen, wird den psychosozialen Problemen und Bedürfnissen nicht gerecht. Zahlen sind neutral, kalt, unpersönlich und machen Angst. Und ist Angst wirklich das, was die Bevölkerung gerade braucht?, fragt L’Avenir.

Boris Schmidt

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