Die Presseschau von Mittwoch, dem 27. Januar 2021

Die Zeitungen kommen auf ihren Titelseiten zurück auf die gestern beschlossenen Maßnahmen in Bezug auf außerschulische Aktivitäten. Besorgt blicken sie auf die neuesten Zahlen der Infektionen in Belgien. Und auf der europäischen Ebene wird die holprige Impfstrategie der EU heftig kritisiert.

Musikunterricht (Illustrationsbild: © Bildagentur PantherMedia / DGLimages)

Illustrationsbild: © Bildagentur PantherMedia / DGLimages

„Kinder müssen sich für ein Hobby entscheiden“, titeln Het Laatste Nieuws, Het Nieuwsblad, Gazet van Antwerpen und Het Belang van Limburg. „Die Regierungen lassen die Kinder entscheiden zwischen ihren Hobbys“, schreibt De Standaard auf Seite eins. Das GrenzEcho drückt es positiv aus: „Kinder und Jugendliche erhalten eine Perspektive“.

Die zuständigen Minister der drei Gemeinschaften haben sich auf eine gemeinsame Vorgehensweise in Bezug auf außerschulische Aktivitäten verständigt. Für Kinder unter 12 sollen die eingeschränkt werden. Het Laatste Nieuws bringt es sehr praktisch auf den Punkt: „Entweder, man entscheidet sich für Fußball oder für Musikunterricht oder für die Pfadfinder; aber alles zusammen geht erst mal nicht mehr“.

Die gute Neuigkeit ist aber, dass diese außerschulischen Aktivitäten nicht ganz verboten werden. Denn: Auch unter Kindern und Jugendlichen nimmt die Zahl der Neuinfektionen zu. Fast jede fünfte Neuinfektion betrifft inzwischen Menschen unter 18. „Die positiven Fälle bei Kindern und Jugendlichen schnellen in die Höhe, schreibt denn auch La Dernière Heure auf Seite eins. „Die Situation ist ernst“, sagt der flämische Jugendminister Benjamin Dalle in verschiedenen Zeitungen. Für Jugendliche zwischen 12 und 18 werden die Einschränkungen hingegen gelockert. Für sie werden außerschulische Aktivitäten nach doch längerer Zeit überhaupt erst wieder möglich.

Verschärfungen auf der einen Seite, Lockerungen auf der anderen

Verschärfungen auf der einen Seite, Lockerungen auf der anderen: Das ist auch das Resultat eines Kompromisses zwischen den doch gegensätzlichen Positionen der Flamen und der Frankophonen, kann Het Belang van Limburg nur feststellen. Pierre-Yves Jeholet, der Ministerpräsident der Französischen Gemeinschaft, hatte in den letzten Tagen klargemacht, dass er sich nicht von den Flamen die Richtung diktieren lassen wolle. Den föderalen Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke beschuldigte er gar der Panikmache.

Es stimmt, dass die britische Variante im südlichen Landesteil noch nicht wirklich um sich greift. „Noch“, muss man aber sagen. Die Vergangenheit lehrt, dass die Situation sehr schnell kippen kann. Davon abgesehen sind die Lockerungen für Teenager wohl tatsächlich mal eine gute und auch eine willkommene Neuigkeit. Einen sozialen Rückstand kann man nämlich nicht so schnell wieder aufholen.

„Weiter in Richtung Plan B“

Het Nieuwsblad geht seinerseits mit der Haltung von Pierre-Yves Jeholet hart ins Gericht. Er wolle sich nicht von den Flamen die Richtung aufzwingen lassen, sagt er? Mal ehrlich: Als ob die britische Variante ein rein flämisches Problem wäre. Der flämische Ministerpräsident Jan Jambon hat auch mal gesagt, dass er nicht löschen müsse, wenn sein Haus noch nicht brennt. In dem Moment sah er nur Flammen aus dem wallonischen Dach schlagen. Drei Tage später brannte auch das flämische. Könnten wir bitte mal aufhören mit diesem gemeinschaftspolitischen Pantomimenspiel? Das richtige Gleichgewicht zu finden, das ist ohne schon schwer genug, da muss man nicht auch noch ein „gemeinschaftspolitisches Problem“ herbeireden…

Viele Zeitungen blicken jedenfalls mit Sorgenfalten in die Zukunft. „Wir bewegen uns immer weiter in Richtung Plan B“, schreibt sinngemäß Het Laatste Nieuws. Konkret: Auch die belgischen Zahlen gehen in die falsche Richtung. Bald wird der Schwellenwert von 2.400 Neuinfektionen pro Tag erreicht. Und das würde neue Verschärfungen bedeuten.

De Standaard nennt das Kind beim Namen: „Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Lockerungen für Kontaktberufe tatsächlich kommen werden“, schreibt das Blatt im Innenteil. Eine neue Studie deutet darauf hin, dass Frisör- und Schönheitssalons im Oktober der Motor der zweiten Welle gewesen sind…

Irrungen und Wirrungen der Impfstrategie

Viele Leitartikler beschäftigen sich auch mit der stotternden Impfstrategie. Plötzlich wird der Impfstoff zum „Gold der Welt“, konstatiert Le Soir. Anfänglich herrschte ja noch Skepsis; „der Impfstoff sei zu schnell entwickelt worden“, so eine oft gehörte Sorge. Inzwischen reißt man sich um die Präparate, reagieren wir empört, wenn Pharmaunternehmen wieder mal verzögerte Lieferungen ankündigen müssen.

Natürlich wird man das hinterfragen müssen, die Irrungen und Wirrungen, aber auch die Lügen einiger Pharmakonzerne. Vor allem sollten wir aber einen kühlen Kopf bewahren, politisch, wirtschaftlich und auch individuell. Das ist die beste Garantie, um die Impfstrategie gut über die Bühne zu bringen.

Auch L’Echo mahnt zur Besonnenheit. Inzwischen scheint um den Impfstoff ein regelrechter Krieg entbrannt zu sein. Anlass sind wohl auch die flagranten Ungleichheiten, die in diesen Tagen zu beobachten sind. In Israel oder Großbritannien läuft die Impfkampagne weiterhin auf Hochtouren, während in Europa Sand im Getriebe ist. Die EU will deshalb jetzt schon die Ausfuhr von Impfstoffen unter die Lupe nehmen. Das kann aber auch eine Kommunikationsstrategie sein, um die eigene Ohnmacht angesichts der Macht der Konzerne zu kaschieren.

Versagen der Europäischen Union

Als Europäer darf man in diesen Tagen keine Vergleiche mit anderen Ländern anstellen, meint auch Gazet van Antwerpen. Schaut man etwa auf Israel oder Großbritannien, dann kann man fast in Depressionen verfallen. In Israel ist fast schon die Hälfte der Bevölkerung geimpft. „Wir haben uns über den Tisch ziehen lassen“, diesen Eindruck wird man nicht mehr los. Schmerzhaft ist vor allem, dass wir hier eigentlich dazu verdammt sind, hilflos zuzuschauen…

Het Laatste Nieuws wird deutlicher. Die EU hat beim Ankauf des Impfstoffes versagt. Europa war in dieser Akte viel zu oft einen Schritt zu spät. Das ist tragisch, denn eigentlich hätte die Europäische Union gerade hier ihren Mehrwert unter Beweis stellen können. Jetzt vermittelt sie das Bild eines trägen Öltankers, der sich von Schnellbooten überholen lassen muss. Noch tragischer: Damit gibt man den Brexit-Verfechtern letztlich auch noch Recht. Statt mit dem anklagenden Finger auf „Big Pharma“ zu zeigen, sollte sich die EU-Politik an die eigene Nase fassen…

Roger Pint