Die Presseschau von Donnerstag, dem 21. Januar 2021

Heute dominiert in den Zeitungen ein Thema: die gestrige Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Joe Biden und seiner Vize-Präsidentin Kamala Harris. Donald Trumps nach Eigenlob stinkender und stinkiger Abgang bleibt dabei eher eine Randnotiz. Die Leitartikler beschreiben die Herausforderungen, die nun auf Joe Biden warten.

Einzug ins Weiße Haus: Der neue US-Präsident Joe Biden und First Lady Jill Biden (Bild: Alex Brandon/Pool/AFP)

Einzug ins Weiße Haus: Der neue US-Präsident Joe Biden und First Lady Jill Biden (Bild: Alex Brandon/Pool/AFP)

„Die Demokratie hat gewonnen“, titeln Le Soir, De Morgen und L’Echo. La Libre Belgique ist präziser und bringt das vollständige Zitat aus der ersten Rede von Joe Biden als neuer Präsident der Vereinigten Staaten: „Die Demokratie ist wertvoll und verletzlich; aber sie hat gewonnen“.

Heute gibt es definitiv nur ein Thema: Die Amtseinführung des neuen, des 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten, Joe Biden. „Die Demokratie hat gewonnen“, das ist natürlich ein Verweis auf das Verhalten seines Vorgängers Donald Trump, der ja buchstäblich mit allen Mitteln versucht hat, das Wahlergebnis noch zu seinen Gunsten zu verbiegen. Am Ende hat er sogar seine Anhänger auf das Kapitol gehetzt. Nur: Diese Anhänger, die gibt es ja immer noch. Mehr als 74 Millionen Amerikaner haben bei der Wahl für Donald Trump gestimmt.

Joe Biden will das gespaltene Land wieder einen

„Biden, der Vereiniger der Vereinigten Staaten“, schreibt denn auch L’Avenir auf Seite eins. Zumindest wird das die wohl wichtigste Aufgabe des neuen Präsidenten sein. Er selbst hat versprochen, in diese Richtung zu arbeiten. Gazet van Antwerpen nennt ihn den „verbindenden Präsidenten“. „Ein Präsident für alle Amerikaner“, zitiert ihn das GrenzEcho. „Einheit ist der Weg nach vorne“, schreibt De Tijd auf Seite eins. Het Nieuwsblad vervollständigt das Zitat: „Einheit ist der Weg nach vorne. Wir müssen uns verändern. Amerika muss besser werden“.

„De Standaard spricht seinerseits von der „Rückkehr eines Verbündeten“. In Europa dürften jedenfalls viele aufatmen. Man hofft jetzt auf einen höflicheren und respektvolleren Umgangston.

Gestern war ein „Tag der Hoffnung“, ist Gazet van Antwerpen überzeugt. Nach einer letzten Rede, in der er noch einmal erklärte, was er doch für ein fantastischer Präsident gewesen ist, hat Donald Trump endlich Platz gemacht für seinen Nachfolger. Natürlich steht Joe Biden vor einer gigantischen Aufgabe: Er muss das gespaltene Land wieder einen. Zum Glück ist er sich dessen bewusst; und zum Glück hat er nicht versucht, den Amerikanern etwas anderes weiszumachen. Es wird jedenfalls nicht reichen, das Erbe seines Vorgängers rückgängig zu machen. Viele der Gegensätze in den USA schwelen schon seit langem in der amerikanischen Gesellschaft. Trump war der erste, der sie gnadenlos instrumentalisiert hat, nach dem Motto von Machiavelli: Teile und herrsche. Wohin das führt, das haben wir beim Sturm auf das Kapitol gesehen. Joe Biden hat bei seiner ersten Rede als neuer US-Präsident weise und mutige Worte gefunden. Er bietet den Amerikanern einen anderen Weg an…

„Die Seite ist umgeblättert“, meint auch L’Avenir. Die Abschiedsrede von Donald Trump wird wohl nicht in die Geschichtsbücher eingehen. Es war eine Mischung aus unverfrorenem Eigenlob, Lügen und Schamlosigkeit. Im Gegensatz dazu hat sich Joe Biden als der Versöhner präsentiert, der die Amerikaner wieder vereinen will. Und er hat seinen politischen Gegnern die Hand gereicht.

Dass Trump der Amtseinführung fernblieb, war gut

„Unser Amerika ist zurück“, jubelt fast schon Le Soir. Und das kann man schon an kleinen Details festmachen: Auch der neue Präsident twittert; aber er tut das nicht in Großbuchstaben. Diese unsäglichen Großbuchstaben in den Tweets von Donald Trump, die erinnerten einen immer wieder aufs Neue daran, wie viel Aggression und wie viel Chaos im Weißen Haus geherrscht haben. Jetzt kehrt wieder Normalität in Amerika ein. Und das sorgt für tiefe und aufrichtige Erleichterung…

Joe Biden hat jedenfalls gehörig Eindruck gemacht, findet De Morgen. Wir haben einen vitalen Mann in den 70ern erlebt, der nicht nur die Verletzlichkeit der Demokratie hervorgehoben hat, sondern auch ihre Widerstandskraft. Und einen Mann, der den Herausforderungen nicht aus dem Weg geht. So sagte er etwa, dass der Rassismus und der inländische Terrorismus bekämpft und besiegt werden müssen. Er beschrieb die Geschichte der USA treffend als „Kampf zwischen den Idealen und der harten Realität“. Und er reichte auch den Verbündeten die Hand. Für uns Europäer ist der beste Weg, diesen Präsidenten zu unterstützen, wenn wir uns auf die eigenen Beine stellen, damit wir als gleichwertige Partner die Herausforderungen unserer Zeit angehen können.

Bidens Vorgänger blieb der Amtseinführung fern. Und das war wahrscheinlich das größte Geschenk, das Donald Trump seinem Land und der Welt machen konnte, frotzelt das GrenzEcho. Die Würde, die von der Feier ausging, die wäre besudelt worden, hätte Trump die Fratze des schlechten Verlierers in die Kameras gehalten. Auf Joe Biden warten freilich große Herausforderungen. Er wird die Pandemie in den Griff bekommen und vor allem die Kluft zwischen Arm und Reich verringern müssen. Gelingt ihm das nicht, dann wird der Trumpismus schnell wieder sein Gesicht aus dem Staub erheben.

Joe Biden steht vor großen Herausforderungen

Es gibt viel zu tun, aber wenig Zeit, warnt De Standaard. Joe Biden steht vor einer fast unlösbaren Aufgabe, einer Mission impossible. Mit 78 Jahren steht er vor der Herausforderung seines Lebens. Die Erwartungen sind riesig. Startet er zu furios, dann setzt er seine Rolle als Brückenbauer aufs Spiel. Startet er zu langsam, dann wird er den Erwartungen seiner Wähler nicht gerecht. Eben: eine schwierige Mission.

Im Grunde sind alle Bedingungen erfüllt für eine große Präsidentschaft, glaubt La Libre Belgique. Seit Roosevelt und der Großen Depression, vielleicht sogar seit dem Ende des Bürgerkriegs 1865 war ein US-Präsident nicht mehr mit einer solchen Aufgabe konfrontiert. Joe Biden steht vor einer dreifachen Herausforderung: vor einer sanitären, einer wirtschaftlichen und einer politischen Krise. Aber er verfügt über eine Reihe von Trümpfen: Er hat seine Erfahrung, und er hat seine Mannschaft. Vor allem hat er Kamala Harris, deren Eidesleistung als erste Frau und erste Schwarze im Amt der Vizepräsidentin der eigentlich historische Moment war. Auch das sorgt für Enthusiasmus.

„Die Demokratie hat gewonnen“, dieser Satz aus der Rede von Joe Biden ist einer für die Geschichtsbücher, glaubt Het Nieuwsblad. Vor vier Jahren stand am selben Kalendertag und an derselben Stelle Donald Trump, der in seiner ersten Rede ein rabenschwarzes Bild des Landes gezeichnet hatte. Die Liste der Probleme, mit denen das Land zu kämpfen hat, die hat Joe Biden wiederholt; auch, um zu zeigen, dass sie eben nicht gelöst wurden. Und noch einen Satz sollte man sich auch über die USA hinaus hinter die Ohren schreiben: „Politik muss kein rasendes Feuer sein, das alles zerstört, was in seinen Weg gerät“. Ruhe und Langeweile können die USA heilen. Und dafür ist Joe Biden der ideale Mann…

Roger Pint