Die Presseschau von Dienstag, dem 19. Januar 2021

Nachdem eine Skiurlauberin aus Antwerpen sich nicht an die Corona-Regeln hielt, müssen nun insgesamt 5.000 Personen dafür büßen. Die Leitartikler sehen darin auch ein klares Versäumnis der Politik und fordern mehr Konsequenz. Weiter beschäftigen sich die Zeitungen mit der Verhaftung Nawalnys und der Reaktion der EU.

Die Olfa-Elsdonk-Primarschule in Edegem

Die Olfa-Elsdonk-Primarschule in Edegem (Bild: Dirk Waem/Belga)

„5.000 Menschen in Quarantäne“, titelt fast schon fassungslos Gazet van Antwerpen. Het Laatste Nieuws ist ein bisschen präziser: „Eine Skireise sorgt für 5.000 Quarantänen“, schreibt das Blatt auf Seite eins. Die Schlagzeile von Het Nieuwsblad klingt wie die Moral von der Geschicht‘: „In Skiurlaub zu fahren kann schwerwiegende Folgen haben“.

Im Raum Antwerpen mussten zwei Schulen geschlossen werden, eine in Kontich und eine in Edegem. In beiden Fällen hatte man bei einigen wenigen Schülern die britische Variante des Coronavirus festgestellt. Daraufhin mussten alle, die mit den Schulen in Verbindung stehen, in Quarantäne, also alle Schüler, alle Lehrer und dann auch deren Familien. Insgesamt sind das 5.000 Menschen.

Nachlässigkeit einer Person löst Kettenreaktion aus

Man weiß inzwischen auch, wer die Infektion sozusagen eingeschleppt hat. Anscheinend handelt es sich um eine Mutter, die über Weihnachten in Skiurlaub war und sich danach nicht vollständig an die Quarantäne-Regeln gehalten hat. Genau gesagt hat sie das Ergebnis des zweiten Tests nicht abgewartet. Der erwies sich später als positiv. Ihre Tochter war aber schon wieder in der Schule…

Das sorgt für zum Teil wütende Kommentare. „Nach mir die Sintflut“, so lautet offensichtlich die Parole, meint etwa Le Soir. 5.000 Menschen mussten in Quarantäne, weil eine Familie sich nicht an die Regeln gehalten hat. Das ist regelrecht skandalös! Hier wird die Rechnung für individuelle Entscheidungen an die Allgemeinheit weitergereicht. Diese Episode ist ein Musterbeispiel. Sie zeigt, worum es hier tatsächlich geht: Wir müssen hier alle gemeinsam durch, jeder, wirklich jeder muss seinen Beitrag leisten!

Nachlässigkeit und Nonchalance können eine wahre Kettenreaktion auslösen, kann auch Het Nieuwsblad nur feststellen. Eine Frau, die unbedingt in Skiurlaub fahren musste und die Regeln nicht hundertprozentig eingehalten hat, diese eine Frau hat 5.000 Menschen in Quarantäne verfrachtet. Hier zeigt sich einmal mehr, dass sich dieses Virus wie ein klassischer Torjäger verhält: Jedes Zögern in der Verteidigung wird gleich gnadenlos bestraft. Allerdings: Besagte Frau trägt nur einen Teil der Schuld. Wären touristische Reisen ins Ausland verboten gewesen, dann wäre das alles nicht passiert. Dass es immer noch keine deutlicheren Reisebeschränkungen gibt, das ist auch eine Nachlässigkeit. Und, wie schon gesagt: So etwas rächt sich…

Kein Zeitpunkt für eine Kakophonie à la belge!

De Morgen sieht das genauso. Besagte Mutter bekam binnen kürzester Zeit alle Sünden Israels aufgebürdet, als wäre sie der leibhaftige Teufel. Aber die Regierung trägt mindestens eine Mitschuld. Nach wie vor wird von touristischen Reisen lediglich „dringend abgeraten“. Das ist völlig unbegreiflich. Viele Sektoren sind im Moment immer noch zur Untätigkeit verurteilt, viele Menschen können nach wie vor nicht ihre Kollegen oder ihre Enkelkinder sehen. Und diese Anstrengungen werden nun zunichte gemacht, weil es die Regierung nicht schafft, Vergnügungsreisen zu verbieten. Und da muss man nicht unbedingt auf die EU warten. Man muss nicht die Grenzen vollständig schließen, um Urlaubstrips zu unterbinden.

Genau daran arbeitet die Politik derzeit immer noch. „Noch strengere Regeln für touristische Reisen“, warnt jedenfalls schonmal das GrenzEcho auf Seite eins. „Geldbußen für diejenigen, die sich nicht testen lassen“, kündigt Het Nieuwsblad an. Wobei: das ist bislang noch ein Vorschlag von Justizminister Vincent Van Quickenborne. De Morgen ist nuancierter: „Die Regierung zweifelt noch über Reisebeschränkungen“, schreibt das Blatt. „Die belgische Politik hofft auf einen Europäischen Covid-Grenzen-Plan“, notiert Het Belang van Limburg. Das alles geht vielen Zeitungen viel zu langsam. „Die Ansteckungsgefahr wächst, die Politik wartet ab“, so etwa die giftige Schlagzeile im Innenteil De Morgen.

Seit vier Tagen raufen sich unsere Politiker die Haare, weil sie keinen Weg finden, touristische Reisen zu verbieten, kann Het Laatste Nieuws nur feststellen. Hier mangelt es bestimmt nicht an Einsatz; das Problem ist wohl in erster Linie, dass man nicht ungeduldig genug ist. Brav warten die Belgier auf eine europäische Lösung. Doch die verdammte britische Variante ist längst hier! Die neue Regierung war im Oktober mit vollem Tempo aus den Startlöchern gegangen. Doch inzwischen schwebt der Fuß nur noch über dem Gaspedal. Das sorgt für Nervosität. Und die wiederum fürÜberreaktionen von Verantwortlichen. Das ist jetzt nicht der Zeitpunkt für eine neue Kakophonie à la belge!

Gazet van Antwerpen appelliert in der Zwischenzeit an alle Beteiligten, einen kühlen Kopf zu bewahren. Auf der einen Seite darf jetzt keine Hexenjagd auf Skitouristen losgetreten werden, auf der anderen Seite sollten wir alle aber auch die Lehren aus der Vergangenheit ziehen: „Fahrt in den Karnevalsferien bitte nicht in Skiurlaub! Für einmal nicht! So ein Drama kann das doch nicht sein!“

Der Fall Nawalny und Europas Probleme im Umgang mit Russland

Einige Zeitungen beschäftigen sich derweil auch mit dem Schicksal des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny. Der ist ja gleich nach seiner Rückkehr nach Moskau von der Polizei verhaftet und am nächsten Tag per Eilverfahren für 30 Tage ins Gefängnis gesteckt worden, in Erwartung eines neuen Prozesses.

Alexej Nawalny ist ein politischer Gefangener, urteilt La Libre Belgique. Trotz allen Kleinredens von dessen Bedeutung scheint der Kreml diesen Mann durchaus als eine wirkliche Bedrohung zu betrachten. Es ist wichtig, dass die EU den Umgang mit Nawalny scharf verurteilt hat. Nur reicht das nicht. Ebenso wenig wie die automatische Verlängerung der EU-Sanktionen gegen Russland. Die EU muss vielmehr einen Gang höher schalten und sich zum Beispiel das Problem der russischen Geldwäsche in Europa vorknöpfen.

Het Belang van Limburg sieht das genauso. Über die wütenden Reaktionen des Westens scheint man in Moskau nur zu lachen. Der Umgang mit Alexej Nawalny ist Putins ausgestreckter Mittelfinger in Richtung aller, die sich aus seiner Sicht in die russischen Angelegenheiten einmischen wollen. Das Problem der EU ist, das längst nicht alle Mitgliedstaaten neue Sanktionen gegen Moskau unterstützen würden. Hinzu kommt die große Abhängigkeit von russischem Gas. Und zu allem Überfluss droht Europa im Kalten Krieg zwischen den USA und Russland wieder zwischen die Fronten zu geraten. Europa schippert in der Mitte, hin- und hergerissen zwischen Menschenrechten und wirtschaftlichen Interessen…

Roger Pint