Die Presseschau von Freitag, dem 20. November 2020

Weihnachten steht vor der Tür. Aber wie können wir Weihnachten mit der Familie feiern, ohne eine dritte Corona-Welle zu riskieren? Die Zeitungen beschäftigen sich heute mit dieser Frage. Weitere Themen sind der Umgang mit Impfgegnern und der Tod einer selbstständigen Frisörin in Lüttich.

Weihnachten

Illustrationsbild: Pixabay

„In der kommenden Woche gibt es eine Perspektive für Weihnachten“, titelt Het Laatste Nieuws. Einige wollen aber anscheinend nicht darauf warten, was ihnen die Regierungen des Landes dazu sagen werden. „Zu Weihnachten wird jeder Dritte die Regeln nicht einhalten“, so die Schlagzeile von Het Nieuwsblad. „Ein Drittel der Bürger will Weihnachten im erweiterten Kreis feiern“, schreibt Gazet van Antwerpen. „Jeder Dritte feiert Weihnachten mit der ganzen Familie“, notiert Het Belang van Limburg.

Wie wird Weihnachten?

Auf welche Weise werden wir die Endjahresfesttage begehen können? Viele ahnen schon, dass es eher stille Weihnachten werden. Und auch Vertreter der Regierung und des Instituts für Volksgesundheit, Sciensano, äußern sich in diese Richtung. Eine Vorentscheidung wird wohl am kommenden Freitag fallen, wenn die Regierungen des Landes im Rahmen eines Konzertierungsausschusses erneut über die Corona-Lage beraten werden. Laut einer Umfrage will aber jeder Dritte Weihnachten im erweiterten Kreis feiern; also die wahrscheinlich immer noch geltenden Regeln missachten. Das also, fügt Het Nieuwsblad hinzu, das also ungeachtet der Warnungen vor einer dritten Krankheitswelle.

Wohl noch nie haben wir eine so intensive Debatte über die Frage geführt, wie wir Weihnachten feiern, kann De Standaard nur feststellen. Es gibt da im Wesentlichen zwei Lager: Die einen empfinden die Anwendung des Vorsorgeprinzips als übertrieben; dadurch werde das Zusammengehörigkeitsgefühl gestört, das ja im Wesen von Weihnachten liege. Die anderen sind der Überzeugung, dass man die Anstrengungen, die man zur Eindämmung der Zweiten Welle unternommen hat, nicht untergraben dürfe.

Schade ist, dass die Diskussion in den Sozialen Netzwerken in einer so vergifteten Atmosphäre geführt wird. Das mag ein Zeichen der Zeit sein, mit dem eigentlichen Weihnachtsgedanken hat das aber nicht viel zu tun. Apropos: Ist es wirklich so schwer, in der Vorweihnachtszeit einmal nicht den Konsum in den Vordergrund zu stellen, sondern die Aufmerksamkeit anderen gegenüber? Der Inhalt ist doch hoffentlich wichtiger als die Form.

In diesem Jahr sieht die Vorweihnachtszeit ein bisschen anders aus als sonst, meint auch Het Laatste Nieuws. Statt „Last Christmas“ von Wham! bei Kerzenschein sind diesmal auch bedrohliche Worte zu hören: Premier Alexander De Croo und auch Vertreter des Gesundheitswesens warnen vor einer dritten Welle, einer Weihnachtswelle. Die Angst ist vollkommen nachvollziehbar. Es gibt wahrscheinlich keinen größeren Weihnachtsfan als das Coronavirus. Zusammen im wohlbeheizten Wohnzimmer um eine Schale Kroketten sitzen, laut über beschwipste Witze lachen, alle Generationen zusammen… Traumbedingungen für ein Virus.

Trotz aller berechtigten Sorgen, es gibt da dennoch ein „Aber“: Man darf nicht vergessen, dass viele Menschen alleine sind. Sie sehnen sich nach Geselligkeit. So zu tun, als wäre Weihnachten ein Tag wie jeder andere, das wäre ebenfalls gefährlich. Dann läuft man nämlich Gefahr, dass die Menschen ihre eigenen Regeln aufstellen. Die Regierungen werden hier kreativ sein müssen…

Problemfall Impfgegner

Die Aussicht auf einen wirksamen Impfstoff nimmt ja inzwischen mehr und mehr Konturen an. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat ja gerade eine Zulassung noch in diesem Jahr in Aussicht gestellt. Einige Zeitungen sorgen sich aber über die wachsende Skepsis Impfstoffen gegenüber.

La Dernière Heure fehlt jedes Verständnis dafür. Während der ganze Planet im Lockdown ist und die Wissenschaft fieberhaft nach einem Impfstoff sucht, tischen uns Impfgegner wieder ihre altbekannte und lediglich jetzt neu auf das Coronavirus zugeschnittene Propaganda auf. Erfundene Horrorgeschichten vermengt mit dem Mythos einer großen Verschwörung. Reine Fortschrittsverweigerung und Geschichtsvergessenheit noch dazu. Impfungen haben Millionen Leben gerettet, vor Krankheiten wie den Masern, den Pocken, Kinderlähmung oder Gelbfieber. Den Nutzen von Impfungen infrage zu stellen, ist ein schwerer Fehler. Okay: Es bleibt das gute Recht eines jeden, eine Impfung abzulehnen. Nur stellen solche Leute eine Gefahr für die anderen dar. Sie müsste man eigentlich zu einem lebenslangen Lockdown verdonnern.

Het Nieuwsblad ist nicht ganz so radikal. Wir müssen uns vielmehr die Frage stellen, warum immer mehr Menschen Impfungen skeptisch gegenüberstehen. Eben, um sie besser davon überzeugen zu können, sich selbst und die anderen zu schützen. Der Schlüssel, das ist Transparenz. Viele glauben an eine große Verschwörung der großen Pharmakonzerne. Nun, dann muss man alles dafür tun, damit kein Wasser auf diese Mühlen kommt. Das passiert aber leider gerade. Bei einigen Personalentscheidungen in Belgien kann man sich durchaus Fragen stellen. Wir haben in den letzten Monaten schon viel hinzugelernt. Doch hat immer noch nicht jeder verstanden, dass Transparenz und Offenheit bei der Entscheidungsfindung eine sehr starke Waffe sind.

Alyssons Tod ist eine Mahnung an alle

Zu alledem passt der heutige Kommentar des GrenzEchos. Die Zeitung übt ungewöhnlich scharfe Kritik an einer „ostbelgischen Online-Plattform“, die zwar nicht namentlich genannt wird, wobei aber jeder weiß, wer gemeint ist. Titel des Kommentars: „Ein Krebsgeschwür in der Medienlandschaft“. Unmittelbarer Anlass ist die Diskussion um den Doktortitel des Historikers Carlo Lejeune. Doch darum geht es nicht hier, sondern eigentlich um das systematische Vergiften des Zusammenlebens, meint das Blatt. Besagte Plattform bietet ihren Nutzern die Möglichkeit, ungehemmt und ohne Rücksicht auf Verluste zu verleumden, zu diffamieren und Unwahrheiten zu verbreiten. Mit Journalismus hat das nichts zu tun.

Le Soir schließlich gedenkt in seinem Leitartikel der jungen Lütticher Frisörin Alysson, die aus dem Leben geschieden ist, wahrscheinlich, weil sie ihren Lebenstraum durch die Corona-Krise zerstört sah. Alysson wird zum Gesicht dieser Krise, zum Symbol der Angst vor dem Absturz ins Bodenlose. Jeder von uns kennt diese Ängste, die Selbstständigen sind aber in dieser Krise besonders exponiert. Man kann nicht behaupten, dass der Staat alle Alyssons des Landes im Stich gelassen hätte. Es gibt ein ganzes Arsenal an Hilfs- und Überbrückungsmaßnahmen.

Der Tod von Alysson ist aber auch eine Mahnung an uns alle, mehr Menschlichkeit in die Gesellschaft zu bringen, um das Vakuum zu füllen, das diese Krise erzeugt. Oder – um es mit einem Zitat aus dem Film Rosetta der Gebrüder Dardenne zu sagen: „Ein Freund, um nicht in ein Loch zu fallen“…

Roger Pint

Kommentar hinterlassen
Keine Kommentare
Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht!
Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien zu Kommentaren.

Restl. Anzahl Wörter: 150