Die Presseschau von Dienstag, dem 10. November 2020

Am Montag vermeldete der US-Pharmakonzern Pfizer, dass sein gemeinsam mit dem Mainzer Unternehmen Biontech entwickelter Corona-Impfstoff zu 90 Prozent wirksam ist. Die Leitartikler stimmen daher meist hoffnungsvolle Töne an, analysieren aber auch die Hürden, die der Impfstoff und wir bis zur Zulassung nehmen müssen.

Das Mainzer Unternehmen Biontech

Das Mainzer Pharma-Unternehmen Biontech (Bild: Arne Dedert/DPA)

„Endlich Hoffnung“, titelt Het Belang van Limburg. „Endlich Hoffnung, dank eines deutsch-türkischen Ehepaares“, schreibt Het Nieuwsblad auf Seite eins. „Hoffnung darauf, dass im nächsten Frühjahr mit dem Impfen begonnen werden kann“, so die Schlagzeile von De Morgen.

Am Montag hat eine Ankündigung des US-Pharmakonzerns Pfizer fast schon für weltweite Euphorie gesorgt. Pfizer gab bekannt, dass der von ihm und dem deutschen Unternehmen Biontech entwickelte Corona-Impfstoff in klinischen Tests sehr gut abgeschnitten hat. „Pfizer-Impfstoff ist zu 90 Prozent wirksam“, präzisiert Gazet van Antwerpen auf Seite eins. „Impfstoff aus Puurs erzielt eine 9 auf 10“, schreibt Het Laatste Nieuws. Das ist allerdings eine leichte Übertreibung: In Puurs bei Antwerpen verfügt Pfizer lediglich über eine Produktionslinie.

Corona: Licht am Ende des Tunnels?

„Ein effektiver Impfstoff ist in greifbarer Nähe“, schreibt jedenfalls das GrenzEcho. „Und diese Perspektive gibt den Märkten Hoffnung“, bemerken La Libre Belgique und auch L’Echo. Tatsächlich haben die Börsen ja gestern gleich nach der Ankündigung zu einem Höhenflug angesetzt. Die Schlagzeile von De Tijd liest sich wie ein Fazit: Es weht „ein Hauch von Erleichterung nach dem Impfstoff-Durchbruch“.

„Land in Sicht!“, meint auch De Standaard in seinem Kommentar. Zum einen gibt es jetzt endlich die Perspektive auf einen wirksamen Impfstoff. Zum anderen sind ja auch die belgischen Corona-Zahlen wieder in den Sinkflug gegangen. Der Rückgang der Zahl der Neuinfektionen ist sogar spektakulär. Aber, Vorsicht vor zu großer Euphorie! Ja, die rettende Küste ist zu erkennen. Nur liegen auf dem Weg dorthin noch zahlreiche Minen. Dieser Albtraum ist noch nicht vorbei, er dauert schlimmstenfalls noch bis 2022.

„Endlich eine Perspektive“, jubelt auch De Tijd. Nicht nur, dass der Lockdown-Light Wirkung zu zeigen scheint, es gibt jetzt auch die Aussicht auf einen wirksamen Impfstoff. Das alles gibt Anlass zur Hoffnung auf ein normales soziales und wirtschaftliches Leben. Nicht sofort, aber in doch absehbarer Zeit. Und doch gibt es da ein Problem: Es wird nach dem derzeitigen Stand nicht genügend Impfstoff für alle geben. Da wird sich die Frage stellen, wer denn als erster an die Reihe kommen soll. Die politischen Entscheidungsträger stehen vor der Herausforderung, hier die richtigen Weichenstellungen vorzunehmen.

„Was für ein Fortschritt!“, lobt La Libre Belgique. Die großen Pharmakonzerne haben in Rekordzeit Erfolge erzielen können. Unter anderem, weil sie entschieden haben, freien Zugang zu den Forschungsdaten zu geben. Es gibt jetzt begründete Hoffnung, dass die Menschheit dieses Virus besiegen wird.

Wir dürfen uns nicht blenden lassen!

„Ein Hoch auf Big-Pharma“, stimmt sogar Het Laatste Nieuws an. Die Pharmakonzerne hatten bislang einen eher schlechten Ruf. Sie standen im Verdacht, zu aller erst ans große Geld zu denken. Machen wir uns nichts weiß: Die Pharma-Riesen sind nicht kapitalistischer als andere Unternehmen. Allein die Natur der Produkte, die sie herstellen, sorgt immer wieder für moralistische Diskussionen.

Die Corona-Krise hat dem Sektor jetzt die Chance gegeben, der ganzen Welt zu zeigen, dass er tatsächlich seine Kunden heilen und nicht nur abzocken will. Und, offensichtlich haben Pharmakonzerne das Ziel erreicht; auch und vor allem durch eine beispielhafte Kooperation. Es ist vielleicht sogar ein historischer Moment in der Arzneimittelforschung. Die Branche sollte versuchen, auf dieser positiven Spur zu bleiben…

Pfizer ist ja nicht alleine auf der Zielgeraden, bemerkt L’Echo. Auch das britische Unternehmen AstraZeneca verfügt schon über sehr optimistisch stimmende Daten seines Impfstoffs. Für AIDS gibt es nach vier Jahrzehnten noch keine Aussicht auf einen Impfstoff. Die Angst, dass wir hier ein zweites HIV-Szenario erleben, die erscheint demgegenüber mehr und mehr als unbegründet.

„Es gibt Licht am Ende des Tunnels“, freut sich denn auch Het Nieuwsblad. Allerdings müssen wir aufpassen, dass uns dieses Licht nicht am Ende blendet. Er braucht noch Zeit, ehe wir wirklich den Ausgang erreichen. Und, wie der Weg dorthin aussehen wird, das liegt auch in unserer Hand. Wir wissen inzwischen, was uns blüht, wenn wir die Regeln nicht beachten und unsere Kontakte nicht einschränken. Dann droht uns eine Echternacher Springprozession, bei der sich Lockdowns und Lockerungen abwechseln. Die gute Neuigkeit, die Perspektive eines wirksamen Impfstoffs, das ist bestimmt eine positive Wendung. Das heißt aber nicht, dass wir in der Zwischenzeit Geschenke bekommen werden. Die muss man sich verdienen.

Wir brauchen jetzt eine handfeste Exit-Strategie

Apropos: Belgien befindet sich ja immer noch im verschärften Lockdown. „Und es wird wohl eine strengere Exitstrategie geben“, so die Aufmachergeschichte von Le Soir. Diesmal will man also anscheinend nicht den gleichen Fehler machen wie im Frühjahr bzw. Sommer. Diesmal werden die Schrauben wohl vorsichtiger wieder gelockert.

„Was kann uns denn jetzt Perspektiven geben?“, fragt sich Gazet van Antwerpen. Das Barometer hat man ja anscheinend beerdigt, bevor es überhaupt vorgestellt worden ist. Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke verspricht eine neue Strategie. Nun, hoffentlich wiederholt sich nicht die Geschichte des Barometers: Sie hat ewig gedauert, und am Ende ist das Barometer nicht mal gekommen.

Nennen wir es, wie wir wollen, aber ein gleich wie geartetes Barometer bleibt nötig, ist Le Soir überzeugt. Um mit dem Virus zu leben, bedarf es transparenter Regeln, basierend auf klar definierten Kriterien. Nach dem Motto: Wenn eine bestimmte Zahl einen gewissen Schwellenwert überschreitet, dann gelten automatisch vorher festgelegte Regeln. Hätten wir ein solches Instrument gehabt, dann wäre uns ein Schleuderkurs wie insbesondere in den Sommermonaten wohl erspart geblieben.

Hoffentlich machen wir nicht wieder dieselben Fehler, wünscht sich auch De Morgen. Wir sind das Opfer unserer Hoffnungen geworden. Wir sind in die Zweite Welle geschlittert, weil wir Hoffnung mit Naivität verwechselt haben, mit Selbstüberschätzung, mit Hochmut. Und schon jetzt ist das wieder zu beobachten: Kaum zeigen die ersten Kurven einen kleinen Knick, da will der eine oder andere schon wieder alle Nase lang Lockerungen vornehmen.

Man kann also nur hoffen, dass die Aussicht auf einen Impfstoff jetzt unsere politisch Verantwortlichen inspiriert; auf dass sie zwar Hoffnung wecken, aber eben keine falsche Hoffnung. Man will doch nicht, dass der Esel am Ende nicht zwei, sondern sogar drei Mal über denselben Stein stolpert…

Roger Pint