Die Presseschau von Samstag, dem 25. Juli 2020

Auch heute sind die Berichte und Kommentare in der Tagespresse geprägt von Besorgnis. Denn die Corona-Zahlen steigen weiter. Ab heute gelten zwar neue Sicherheitsmaßnahmen, doch sind sich Politiker und Wissenschaftler weiterhin uneins. Der Konflikt ist jetzt sogar offen ausgebrochen, was viele Leitartikler scharf kritisieren. Der Appell: "Wir brauchen eine klare Botschaft!"

Die Virologen Herman Goossens, Erika Vlieghe und Marc Van Ranst sind besorgt (Bild: Eric Lalmand/Belga)

Die Virologen Herman Goossens, Erika Vlieghe und Marc Van Ranst (Bild: Eric Lalmand/Belga)

„Ab heute tragen wir fast überall Masken“, titelt Het Laatste Nieuws. „Masken plötzlich überall“, schreibt Het Nieuwsblad im Innenteil. Ab heute gilt ja eine Maskenpflicht auch im öffentlichen Raum, also auf Märkten aller Art und in belebten Geschäftsstraßen. Sogar im Horeca-Sektor – mit Abstrichen allerdings: Wenn man an einem Tisch sitzt, dann kann man die Maske ablegen.

Und einige Zeitungen mahnen wirklich dazu, sich auch daran zu halten: „Lasst uns jetzt nicht alles kaputtmachen wegen einer Maske“, so der Appell auf der Titelseite von La Dernière Heure. Eine Wahl hat man ohnehin nicht: „Die Polizei wird bei Verstößen gegen die Maskenpflicht entschlossen auftreten“, warnt Het Belang van Limburg.

Die Lage ist in der Tat besorgniserregend. „Flandern ist auf der europäischen Karte eine orange Zone“, bemerkt Het Belang van Limburg. In Flandern überschreiten immer mehr Gemeinden die Alarmschwelle. In Antwerpen gehen die Zahlen ja schon durch die Decke.

„Bleiben Sie so viel wie möglich zu Hause“, fordert die Antwerpener Provinzgouverneurin Cathy Berx auf Seite eins von Gazet van Antwerpen. Die Scheldestadt ist wohl nicht mehr weit von einem Lockdown entfernt.

„Viele zuständig, niemand verantwortlich“

„Sind wir bereit für die zweite Welle?“, fragt sich besorgt De Tijd in ihrem Leitartikel. In Antwerpen steckt im Moment jeder Corona-Infizierte zwei andere Menschen an. Und damit schlägt jetzt die Stunde der Wahrheit. Also: Sind wir bereit? In einigen Bereichen sind wir das. So steht etwa jetzt ausreichend Schutzmaterial zur Verfügung. In anderen Bereichen ist das Bild aber nicht ganz so rosig. Man denke nur an die anhaltenden Probleme bei der Kontaktpersonennachverfolgung. Auch die Testergebnisse lassen nach wie vor zu lange auf sich warten.

Und ausgerechnet jetzt leisten wir uns auch noch eine Führungskrise. Die übergeordneten Ebenen haben die Verantwortung auf die Schultern der Bürgermeister gelegt. Zugegeben: Die sind näher am Bürger und haben auch eine bessere Sicht auf die lokale Situation. Das läuft aber darauf hinaus, dass am Ende viele zuständig sind, aber niemand verantwortlich.

Erstmal sorgt das Ganze für eine enorme Kakophonie, beklagt La Dernière Heure. Wir haben 581 Gemeinden in diesem Land; und jetzt gibt es 581 verschiedene Regelwerke. Der Nationale Sicherheitsrat hat es sich zu einfach gemacht, er hat entschieden, nicht zu entscheiden. Inzwischen festigt sich der Eindruck, dass wir nichts aus der Krise gelernt haben. Der Wolf ist schon im Schafstall und niemand kann noch behaupten, er habe das nicht gewusst.

Offener Konflikt zwischen Politikern und Wissenschaftlern

„Trefft Entscheidungen!“, wettert Het Belang van Limburg in Richtung insbesondere des Nationalen Sicherheitsrats. Die Wissenschaftler hatten geschlossen für eine Verkleinerung der Kontaktblase plädiert. Statt 15 Personen pro Woche sollte jeder nur noch 10 sehen dürfen. Der Nationale Sicherheitsrat hat sich über diese Forderungen hinweggesetzt. Man hatte wohl Angst.

Angst etwa dem Horeca-Sektor oder der Tourismusbranche wieder einen Schlag zu versetzen. Angst ist aber keine Entschuldigung! Wenn die Politik jetzt nicht hart durchgreift, dann ist es zu spät. Jetzt den Bürgermeistern das Feld zu überlassen, das ist – bei allem Respekt vor deren Engagement – unverantwortlich. Das wird nur für einen Wildwuchs an Regeln sorgen und damit das Chaos noch vergrößern.

Aber eben der besagte Konflikt zwischen der Politik und den Wissenschaftlern, der spitzt sich immer weiter zu. „Erika Vlieghe verlässt den Nationalen Sicherheitsrat“, titelt Het Nieuwsblad. Vlieghe will nicht mehr bei den Sitzungen anwesend sein. Bis auf weiteres bleibt sie aber die Vorsitzende der Exit-Arbeitsgruppe, also des sogenannten GEES. Sie reagiert damit auf Aussagen des flämischen Ministerpräsidenten Jan Jambon, von dem sie sich falsch zitiert fühlte.

Außerdem beklagen die Wissenschaftler, dass man nicht auf sie hört: „Wenn die Politik unsere Empfehlungen nicht ernst nimmt, dann hat die Zusammenarbeit keinen Sinn“, sagt Erika Vlieghe auf Seite eins von De Morgen. Premierministerin Sophie Wilmès verteidigt sich indes unter anderem in Het Nieuwsblad: „Wir waren in einigen Bereichen strenger als die Wissenschaftler“, sagt Wilmès.

Reißt Euch zusammen!

Diese Schlammschlacht, das ist so ungefähr das Letzte, was wir jetzt noch brauchten, beklagt Het Nieuwsblad in seinem Kommentar. Die Schuld trägt in erster Linie die Politik. Die Ursünde wurde zu Beginn der Krise begangen. Da haben sich die Politiker hinter den Wissenschaftlern versteckt, um drastische Maßnahmen nicht auf die eigene Kappe nehmen zu müssen.

Und so haben sie die Gesundheitsexperten in eine Rolle gedrängt, die die gar nicht übernehmen wollten. Die Minister kamen erst wieder ins Bild, als es gute Neuigkeiten zu vermelden gab. Dass die Wissenschaftler jetzt weiter ihr Mitspracherecht einfordern, das kann man ihnen denn auch nicht vorwerfen. Anderseits muss man aber zugeben, dass sich einige Virologen schlichtweg überschätzen. In jedem Fall sollten sich alle Beteiligten hier mal schleunigst besinnen.

„Lasst Eure Egos mal außen vor“, empfiehlt auch La Libre Belgique. Der jetzt offen ausgebrochene Konflikt zwischen der Politik und den Wissenschaftlern ist einfach nur bedauerlich. Für das Krisenmanagement bedeutet das nichts Gutes. Die offen zur Schau gestellten Meinungsverschiedenheiten sorgen dafür, dass die Botschaft nicht mehr klar herüberkommt. Und hier besteht die Gefahr, dass sich einige Bürger am Ende an nichts mehr halten. Politik und Wissenschaftler sollten sich schnellstens zusammenraufen.

„Wer übertreibt?“, fragt sich Gazet van Antwerpen. Wollen die Politiker die Lage kleinreden? Oder malen die Wissenschaftler den Teufel an die Wand, wenn sie vor einer Katastrophe warnen? Entweder die einen sind zu gelassen, oder die anderen sind zu alarmistisch. Und der Bürger darin? Der will eigentlich nur eine klare Botschaft…

„Ein Vorbote für die anstehenden schweren Zeiten“

De Morgen ist da auf der Seite der Wissenschaftler. Erika Vlieghe, Marc Van Ranst oder Pierre Van Damme, das sind Koryphäen in ihrem Bereich. Und dass sich die Politik über deren Meinung hinwegsetzt, das ist ab-so-lut bedauerlich. Das werden wir womöglich schon bald bereuen.

Wenn jemand wie Erika Vlieghe, eine Frau ohne Staralluren, schon mit ihrem Rücktritt drohen muss, damit man sie anhört, dann spricht das Bände. Die letzten Tage haben gezeigt, dass zu viele politisch Verantwortliche die Grundregeln im Kampf gegen die Corona-Pandemie noch nicht akzeptieren. Das ist traurig. Und gefährlich.

Die zweite Welle rollt auf uns zu, ist De Standaard überzeugt. Und wie bei einem Tsunami ist die zweite Welle noch verheerender als die erste. Da darf man sich nicht mehr in die Tasche lügen: Das kann nicht ohne Folgen bleiben. Überbrückungsmaßnahmen wie Kurzarbeit kann man nicht ewig weiterführen. Die schreckliche Wahrheit ist, dass der Schaden teilweise unumkehrbar sein wird. Der Konflikt zwischen den Politikern und den Wissenschaftlern, das ist nur ein Vorbote für die anstehenden schweren Zeiten: Die größte Herausforderung wird es sein, die Gesellschaft zusammenzuhalten.

Roger Pint