Die Presseschau von Donnerstag, dem 25. Juni 2020

Nach dem gestrigen Nationalen Sicherheitsrat liegt der Fokus ganz auf der bald beginnenden Phase 4 der Lockerungen und der Mundmasken-Diskussion. Die Zeitungen kritisieren den mangelnden Mut der Politik, verweisen aber auch auf den Bürgersinn jedes Einzelnen.

Maske (Bild: Eric Lalmand/Belga)

Bild: Eric Lalmand/Belga

„Es ist wieder ein bisschen mehr erlaubt“, titelt Het Belang van Limburg. „Es geht wieder einen Schritt voran“, so die Schlagzeile von Gazet van Antwerpen. Das GrenzEcho ist ganz konkret: „Ab dem 1. Juli tritt Phase 4 in Kraft“.

„Es wird wieder etwas lockerer“, bemerkt auch Het Nieuwsblad und listet auf: Wir dürfen wieder: ins Kino, ins Theater, zum Fußball, schwimmen gehen, zu 15 Leuten zusammenkommen.

„So ein Hauch von Sommer“, freut sich Le Soir. Es werden ja auch wieder Veranstaltungen möglich sein, wenn auch in begrenztem Maße. Bei Events unter freiem Himmel ist die Zahl der Teilnehmer zunächst auf 400 begrenzt. „Die Organisatoren können es nicht fassen“, so aber die fast anklagende Schlagzeile von Het Laatste Nieuws. Events mit höchstens 400 Zuschauern sind kaum rentabel. Und auch ansonsten bleiben viele Fragen offen.

Die Virologen haben sich derweil mit ihrer Forderung nicht durchsetzen können. Einflussreiche Wissenschaftler wie Marc Van Ranst oder Steven Van Gucht hatten im Vorfeld der Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats für die Einführung einer Maskenpflicht in Geschäften plädiert.

Die Politik hat diese Forderung aber zunächst nicht berücksichtigt. „Die Virologen müssen vor der Politik weichen“, konstatiert denn auch De Morgen auf seiner Titelseite. De Standaard versucht die Ereignisse zu rekonstruieren: „Wie die medizinischen Experten in der Mundmasken-Diskussion den Kürzeren gezogen haben“.

„Verpasste Chance“

„Das ist eine verpasste Chance“, kritisiert Het Nieuwsblad in seinem Leitartikel. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, um eine Maskenpflicht einzuführen. Gerade im Moment scheinen nämlich viel zu viele die Bedrohung zu vergessen, sie verhalten sich immer nachlässiger. Eine Maskenpflicht etwa in Geschäften würde die Menschen quasi täglich mit der Realität konfrontieren.

Stattdessen ist es jetzt umgekehrt: Derjenige, der eine Maske trägt, geht fast schon als Spinner durch. Sozialer Druck sorgt also für Ausgrenzung. Bei einer Maskenpflicht wäre es umgekehrt gewesen: Da wären die Maskenmuffel schief angeschaut worden.

Genau hier hakt auch Gazet van Antwerpen ein: Das Argument der Politik war, dass man keine Regel einführen sollte, die man nicht durchsetzen kann. Man könne ja schließlich nicht in jedem Geschäft einen Polizisten postieren. Mit Verlaub, aber das ist Unsinn. Es steht auch nicht an jeder Straßenecke ein Beamter mit einer Radarfalle, dafür wird ja auch nicht die zulässige Höchstgeschwindigkeit einfach abgeschafft. Im Falle einer Maskenpflicht gäbe es soziale Kontrolle. Zugleich wäre eine solche Maßnahme vorausschauend. Wenn man damit wartet, bis die zweite Welle einmal da ist, dann ist es zu spät.

„Wärmstens empfohlene“ Masken

Das Ganze hat jedenfalls nichts mit Empathie zu tun, glaubt Het Belang van Limburg. Premierministerin Sophie Wilmès hatte ja erklärt, dass man den Bürgern jetzt nicht eine neue Vorschrift aufs Auge drücken wolle, wenn doch die Zahlen gerade so günstig seien. Das ist ja fast schon zu viel des Mitgefühls.

Die Wahrheit ist wohl viel pragmatischer. Die Politiker wollten wohl ihr ohnehin schon angekratztes Image nicht noch weiter ramponieren. Hinzu kommt: Viel zu lange ist der Nutzen von Masken kleingeredet worden – schlicht und einfach, weil man keine hatte. Würde man jetzt eine Maskenpflicht einführen, dann wäre es ein kleines Mea culpa.

Stattdessen bleiben Masken also weiterhin „wärmstens empfohlen“, beklagt auch Het Laatste Nieuws. „Wärmstens empfohlen?“ Das heißt doch nichts! Was wäre wohl, wenn das Zahlen der Steuern künftig auch nur „wärmstens empfohlen“ wäre? Die Staatskasse bliebe leer.

Entsprechend kann auch die Zahl der Neuinfektionen nur zunehmen. Nur die Politik will das nicht einsehen. Eine Maskenpflicht soll erst kommen, wenn die Situation außer Kontrolle gerät. Sollte man nicht genau das verhindern? Indem sie die Virologen geknebelt haben, spielen die Regierungen dieses Landes ein gefährliches Spiel.

La Dernière Heure sieht das etwas nuancierter. Winston Churchill sagte im November 1942 nach der Landung der Alliierten in Nordafrika: „Dies ist nicht das Ende. Es ist nicht einmal der Anfang vom Ende. Aber es ist, vielleicht, das Ende des Anfangs“. Auf das Hier und Jetzt übertragen: Diese Phase 4 der Lockerungen ist ein Lichtblick. Natürlich müssen wir wachsam bleiben, das ist nicht das Ende der Epidemie. Aber es gibt doch ein durchaus helles Licht am Ende des Tunnels.

Von Normalität und Bürgersinn

Für De Morgen ist dieser Eindruck trügerisch. Das Blatt bemüht einen Radsport-Vergleich. Den ersten Corona-Anstieg haben die Fahrer gerade gemeistert. Erst kam die erholsame Abfahrt, jetzt befindet man sich im Tal. Die belgischen Regierungen verhalten sich aber wie ein Fahrer, der glaubt, dass das Schlimmste vorbei ist.

Wobei jeder weiß, dass da noch ein Berg kommt. Anders gesagt: Gerade jetzt muss man besonders vorsichtig sein. Das Argument, wonach die Zahlen im Moment doch so niedrig seien, das greift zu kurz. Im Moment muss man dafür sorgen, dass das eben so bleibt. Die Masken-Saga ist zum Symbol geworden für einen Staat, der es einfach nicht schafft, seine Bevölkerung angemessen zu schützen.

Wobei, das liegt auch in unsere Hand, ruft De Tijd noch einmal in Erinnerung. Ab dem kommenden Mittwoch werden wir einer gewissen Normalität wieder einen Schritt näherkommen. Das ist aber nicht die große Befreiung und darf es auch nicht sein. Vielmehr ist das ein kollektiver Test. Wir alle haben es in der Hand. Hier geht es um das Verantwortungsbewusstsein eines Jeden.

Und wenn zu viele Menschen das Wort „Bürgersinn“ interpretieren nach dem Motto: „Mir steht der Sinn nach einem Bierchen auf einer brechend vollen Terrasse“, dann wird das nicht funktionieren. Jeder von uns muss so handeln, dass er die anderen bestmöglich schützt. Um Menschenleben zu retten, aber auch um einen zweiten Lockdown zu verhindern. Den können wir uns nämlich nicht leisten.

Roger Pint

Kommentar hinterlassen
Keine Kommentare
Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht!
Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien zu Kommentaren.

Restl. Anzahl Wörter: 150