Die Presseschau von Mittwoch, dem 24. Juni 2020

Die Titelseiten und Leitartikel stehen ganz im Zeichen des heute tagenden Nationalen Sicherheitsrats. Dabei geht es allerdings weniger um die Lockerung der Coronavirus-Beschränkungen für bestimmte Sektoren, als vielmehr um die Frage, ob die Tragepflicht für Mundschutzmasken ausgeweitet werden sollte.

Illustrationsbild: Alex Halada/AFP

Illustrationsbild: Alex Halada/AFP

„Nationaler Sicherheitsrat tagt – Viele Belgier hoffen auf weitere Lockerungen“, schreibt das GrenzEcho auf Seite eins. „Mundmasken-Pflicht? Heute fällt die Entscheidung“, titelt De Morgen. „Auf dem Menü des Nationalen Sicherheitsrats stehen eine Maskenpflicht in den Geschäften und der Schulbeginn“, fasst La Libre Belgique zusammen.

Heute tagt der Nationale Sicherheitsrat, um die Modalitäten für Phase vier festzuklopfen, die am 1. Juli beginnen soll. Es dürfte aber auch um die Open Air-Feiern gerade junger Menschen der letzten Tage und eine Forderung nach einer Ausweitung der Maskenpflicht gehen.

Für De Standaard scheint sich bei den Menschen eine Art magisches Denken breit zu machen: Wenn wir nicht mehr an das Coronavirus denken, wird es von selbst verschwinden. Wissenschaftler, die zur Vorsicht mahnen, werden immer mehr zu Predigern in der Wüste. Zehner-Kontaktblase? Eine individuelle Wahl. Abstandsregel? Kann, muss aber nicht. Eine Maske tragen? Nur etwas für Parias.

Das liegt aber nicht etwa am Volkscharakter der Belgier. Nein, es ist das grundsätzliche Misstrauen der Belgier gegenüber dem Staat, das seit der Corona-Krise noch offener zu Tage getreten ist. Allerdings befürchtet man hierzulande nicht etwa, dass sich der Staat wie andernorts zu viel Macht greifen könnte, dafür kränkelt und schwächelt er schon viel zu lange.

Nach all den Patzern und nicht eingehaltenen Versprechungen schlagen viele Bürger die deutlichen Empfehlungen der Behörden einfach in den Wind. Falls der Nationale Sicherheitsrat heute tatsächlich eine Maskenpflicht beschließt, ist das eigentlich eine Niederlage. Mindestens genauso schlimm ist aber, dass, wenn diese Entscheidung nicht kommt, das vor allem daran liegen wird, dass die Politiker befürchten, dass der Staat das eh nicht durchsetzen kann, analysiert pessimistisch De Standaard.

Soziale Kontrolle und Schocknachrichten

Die seit Beginn der Krise geführten Maskendiskussionen sind die schlimmste Farce der Epidemie, wettert Le Soir. Eigentlich hätte man von Beginn an Masken tragen müssen, wo Abstandhalten nicht möglich ist. Stattdessen gab es zuerst nicht genug Masken und deswegen keine solche Vorschrift. Und als es welche gab, wurde trotzdem weiter diskutiert.

Die Behörden bekommen heute eine neue Chance, eine sehr klare Verhaltensweise anzuordnen. Man wird die Menschen im Sommer nicht daran hindern können, am Strand zu spazieren, einkaufen zu gehen oder sich auf Terrassen zu amüsieren. Beschützen wir sie also zumindest vor sich selbst!

Masken sind eines der wenigen Instrumente, über die wir tatsächlich verfügen. Die Einhaltung der Regel wird durch eine soziale Kontrolle erzwungen werden und durch die warnenden Nachrichten über neue Infektionsherde bei den Nachbarn. Die sind mehr wert, als alle Strafzettel und Polizisten der Welt zusammen, meint Le Soir.

Soziale Kontrolle ist auch das Zauberwort für Het Belang van Limburg. Aber abgesehen davon sind Mundschutzmasken auch eine sichtbare Erinnerung für die Menschen, dass wir noch immer weder Impfstoffe noch echte Medikamente gegen das Virus haben. Das „neue“ Normal ist eben nicht das „alte“ Normal.

Wenn wir nicht aufpassen, kann es in Belgien genauso wie in Deutschland zu einem lokalen Wiederaufflackern und zu Lockdowns kommen. Und dann ist es schnell vorbei mit der Unbekümmertheit und dem Desinteresse an der Einhaltung der Regeln, dann ist plötzlich jeder schnell Polizist, glaubt Het Belang van Limburg.

Den Preis für die Freiheit zahlen wir doch gerne, oder?

Gazet van Antwerpen ist nicht so überzeugt, dass Schocknachrichten aus dem Ausland reichen werden. Offensichtlich brauchen wir erst hier wieder steigende Infektionszahlen, um die Menschen zu überzeugen, sich an die Regeln zu halten. Und das möglichst in der unmittelbaren Nachbarschaft.

Dass die Bürger hierzulande nämlich darauf reagieren, dass 300 Kilometer weit weg in einem anderen Land wieder Lockdowns verhängt werden müssen, ist fraglich. Seitdem wir nämlich unsere Freiheiten zurück haben, schauen wir nicht mehr besonders gerne über die Grenzen – und auch nicht in die Zukunft, kritisiert Gazet van Antwerpen.

Het Laatste Nieuws betont, dass Masken allein zwar keine zweite Welle, keinen zweiten Lockdown verhindern können, dass sie aber sehr wohl dabei helfen können, wenn man sie überall dort zur Pflicht macht, wo viele Menschen zusammenkommen. Wenn das der Preis ist, den wir für eine gewisse Zeit für unsere Freiheit zahlen müssen, dann zahlen wir den doch gerne, oder? Was kann unsere Regierung also dagegen haben?, fragt Het Laatste Nieuws.

Eine deutlich hörbare Botschaft aussenden

La Libre Belgique erinnert ebenfalls daran, dass wir zwar zum Teil wieder „befreit“ sein mögen, das aber noch lange nicht heißt, dass deswegen das Virus weg ist. Es wütet weiter und breitet sich vor allem da aus, wo Barrieregesten nicht eingehalten werden. Manche Mitbürger zetern schon wieder: „Tout ça pour ça“, all der Aufwand für Nichts, Corona sei ja doch nicht schlimmer als eine Grippe.

Dabei werden wir nie wirklich wissen, wie schlimm die Epidemie gewütet hätte, wenn wir keine Schutzmaßnahmen ergriffen hätten. Es ist vor allem der Vorsicht der Mehrheit der Bevölkerung zu verdanken, dass wir jetzt wieder gewisse Freiheiten genießen können. Und deswegen muss der Nationale Sicherheitsrat klare Regeln aufstellen und eine deutlich hörbare Botschaft zur Einhaltung der Hygieneregeln aussenden, fordert La Libre Belgique.

Boris Schmidt

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