Die Presseschau von Freitag, dem 19. Juni 2020

Die Leitartikel befassen sich unter anderem mit den Protesten des Kranken- und Pflegepersonals. Weitere Themen sind die torpedierten Unterstützungsmaßnahmen für den Kultursektor und das Kontakt-Tracing. Auch das schlechte Abschneiden Belgiens im internationalen Corona-Vergleich wird kommentiert.

Proteste Pflegekräfte und andere soziale Berufe

Pflegekräfte und Beschäftigte in anderen sozialen Berufen demonstrieren für bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen (Foto: Nicolas Materlinck, Belga)

„Pflegesektor – Helden der Corona-Krise protestieren“, liest man bei Het Belang van Limburg auf Seite eins. „Nach dem Applaus jetzt die Kohle“, titelt Het Nieuwsblad. Hier geht es um den gestrigen Aktionstag der Menschen, die in Flandern im Kranken- beziehungsweise Pflegesektor arbeiten.

Den Applaus haben wir gehabt, die Lobgesänge auch. Und die weißen Laken an den Fenstern, konstatiert Het Nieuwsblad in seinem Leitartikel. Was jetzt kommt, sind weiße Forderungen, die, falls sie kein Gehör finden, schnell in eine weiße Wut umschlagen können.

Die Veteranen des Pflegesektors wissen ja nur allzu gut, dass sich Applaus nicht oft in greifbare Zeichen der Wertschätzung umwandeln lässt. Die Forderungen sind klar: mehr Gehalt und mehr Personal. Der Beruf muss an Attraktivität gewinnen.

Wir wussten ja alle schon vorher, dass diese Menschen einen schwierigen, oft unangenehm intimen Job haben. Meist kombiniert mit alles andere als leichten Arbeitszeiten und einer großen Verantwortung. Und die Corona-Krise hat uns daran erinnert, dass das Pflegepersonal häufig genug unter Einsatz seiner eigenen Gesundheit seine Aufgaben erfüllt.

Und trotzdem kennt man schon jetzt die Argumente, um sie ruhig zu stellen: Dass kein Geld da ist, dass es gerade an allen Ecken brennt, dass wir uns erst um die kümmern müssen, die die Wirtschaft am Laufen halten und so weiter. Als ob unsere Wirtschaft ohne eine funktionierende Gesundheitsversorgung laufen könnte!

In den letzten Monaten war das Pflegepersonal unser Stolz, wie lange wird es jetzt dauern, bis wir es wieder als Kostenfaktor sehen? Und will tatsächlich jemand testen, was passiert, wenn der ganze Sektor streikt?, warnt Het Nieuwsblad.

„Tja, dumm gelaufen…“

La Libre Belgique beschäftigt sich in ihrem Kommentar mit dem Kultursektor. Der war und ist ja sehr schwer von der Corona-Krise getroffen. Gestern sollte in der Kammer grünes Licht für Hilfs- beziehungsweise Unterstützungsmaßnahmen gegeben werden. Aber eine Allianz aus N-VA, Vlaams Belang, CD&V und OpenVLD hat das verhindert.

Jetzt muss erst der Staatsrat befragt werden, eine Entscheidung in Sachen Hilfe für die Künstler und anderen Beschäftigten kann sich so um viele Wochen verzögern. Sie hatten geglaubt, einen Lichtschimmer am Ende des Tunnels zu sehen, schreibt die Zeitung. Stattdessen gab es eine Ohrfeige. Seit geschlagenen drei Monaten wurde um Hilfe gebettelt. Und endlich gab es eine große Mehrheit in der Kammerkommission für Soziale Angelegenheiten für das Projekt.

Die Künstler müssen gestern denn auch ziemlich verdutzt geschaut haben, als die N-VA mit Unterstützung anderer flämischer Parteien zusätzliche Meinungen über die Kosten und mögliche Ungleichbehandlungen einforderte. Diese Punkte waren nämlich bereits ausführlich diskutiert worden und sind ohnehin nur provisorisch.

Hier ging es den Flamen – minus SP.A und Groen – auch nicht wirklich um eine gute Geschäftsführung wie vorgegeben. Nein, hier geht es darum, dass sich Flandern dagegen sträubt, dass der Föderalstaat sich in kulturelle Belange einmischt, eine heilige Kuh der Gemeinschaften. Tja, dumm gelaufen für die Künstler, giftet La Libre Belgique.

Ein gutes Gleichgewicht finden

Eine der essentiellen Säulen im Kampf gegen das Coronavirus, erinnert Le Soir, war das Kontakt-Tracing. Die Corona-Zahlen im Land entwickeln sich aber positiv. Und je weiter sie sinken, desto mehr stellt sich die Frage, ob die Regionen die kosten- und personalintensiven Zentren zur Kontaktnachverfolgung weiter betreiben sollen.

Belgien hat das Virus aber noch lange nicht hinter sich. Siehe die Cluster, die neuen Infektionsherde, in verschieden Schulen. Siehe auch China, wo die Epidemie gerade wieder aufflackert und manche bereits eine zweite Welle sehen. Nicht zu vergessen: Die Ferien stehen vor der Tür. Und damit Menschen, die sich massenhaft über Landesgrenzen hinweg bewegen.

Die Kontaktzentren sind in mancherlei Hinsicht wie die Feuerwehrkasernen: Man muss stets vor Augen haben, dass es nicht jeden Tag zu einer Katastrophe kommt, es aber jederzeit zu einer kommen könnte. Es gilt also, ein gutes Gleichgewicht zu finden zwischen einem vernünftigen Einsatz von Steuergeldern und der Vermeidung gesundheitlicher Risiken, fordert Le Soir.

Nicht blind sein für offensichtliche Dysfunktionen

Belgien macht im internationalen Vergleich keine gute Figur beim Corona-Krisenmanagement, kommt De Standaard auf die Ergebnisse einer neuen Studie zurück. Natürlich gibt es hier mildernde Umstände, wie die hohe Bevölkerungsdichte. Oder die zentrale Lage mitten in Europa. Aber die Sterblichkeitsraten lassen sich nicht leugnen – längst nicht alles ist ideal gelaufen. Und das ist noch ein Understatement.

Nach und nach ergibt sich ein klareres Bild, was wo und wie schiefgelaufen ist. Und man stellt fest, dass es vor allem der Kaltblütigkeit zahlloser Offiziere zu verdanken ist, dass das Schiff nicht vollgelaufen ist. Diverse Kapitäne hingegen scheinen ihren Aufgaben nicht gewachsen gewesen zu sein.

Die ultimative Verteidigung wird sein, dass die Pandemie ein ungekanntes Ausmaß hatte, dass man nichts sicher wusste und dass es jeden Tag neue Erkenntnisse gab. Diese Argumentation darf uns aber nicht blind machen für offensichtliche Dysfunktionen. Natürlich ist Belgien kein failed state, kein gescheiterter Staat. Aber außer Schuldeinsichten braucht dieses Land vor allem Reformen!, ist De Standaard überzeugt.

Boris Schmidt

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