Die Presseschau von Samstag, dem 23. Mai 2020

Bei den flämischen Zeitungen steht heute zunächst das Thema Schulunterricht im Fokus. Leitartikler im Norden und Süden des Landes blicken zudem zurück auf die Wahlen vor einem Jahr und das, was seitdem passiert ist. Auch das Ende der Ausgangssperre und das Tragen von Atemmasken werden thematisiert.

Wiederaufnahme des Schulunterrichts in Edegem (Bild: Dirk Waem/Belga)

Bild: Dirk Waem/Belga

„Ab dem 2. Juni wieder öfter in die Schule“, titelt heute Het Laatste Nieuws. „Alle zurück in die Schule, Sommerlager finden statt“, steht bei Het Nieuwsblad. Und „Alle Schüler wieder in die Schule vom 2. Juni an“, lautet die Schlagzeile bei Het Belang van Limburg. Der Ausweitung des Schulunterrichts sorgt heute in den flämischen Zeitungen für Schlagzeilen.

Der flämische Bildungsminister Ben Weyts war gestern mit der Ankündigung vorgeprescht: Ab dem 2. Juni dürfen theoretisch wieder alle zum Unterricht. In der Praxis liegt die Entscheidung allerdings bei den Schulen. Die sollen selbst abwägen, ob sie die Gesundheitsvorschriften einhalten können.

„Das ist alles erst der Anfang“, meint Het Nieuwsblad dazu in seinem Leitartikel. Jetzt gibt es eine Perspektive, die aber erst noch verwirklicht werden muss – und das wird ein harter Knochen. Es ist noch nicht lange her, dass in Dringlichkeitssitzungen über die Qualität des Schulunterrichts diskutiert wurde. Nach dieser schwierigen Phase wird die Qualität ganz sicher nicht zugenommen haben. Außerdem sieht es so aus, als wenn die Krise die soziale Ungleichheit weiter vergrößern würde.

Bildungsminister Weyts hatte Druck gemacht, die Lehrer bis in den Juli weiterarbeiten zu lassen. Auch wenn ein Teil der Lehrkräfte dahinter stand, wurde das doch von den Gewerkschaften abgeschossen. Vielleicht ist es besser so. Das alles war für Lehrer und Schüler nicht einfach, da sollten die Ferien nicht zu lange auf sich warten lassen. Eine bessere Idee ist es vielleicht, das Schuljahr früher wieder zu beginnen, schlägt Het Nieuwsblad vor.

Gesundheitspolitik als neues Kernthema

Daneben treibt ein trauriges Jubiläum manchen Leitartikler um: Vor einem Jahr wurde in Belgien gewählt. Eine richtige Föderalregierung gibt es aber immer noch nicht. „Ein Jahr ist es her, aber man sollte sagen ein Jahrhundert“, schreibt dazu L’Echo. Am 26. Mai 2019 haben die Belgier gewählt und bestehende Trennlinien noch sichtbarer gemacht: Der Süden tendierte nach links, der Norden nach rechts – und nichts hat seitdem die verschiedenen Standpunkte näher zusammenbringen können.

Die Krise hat endgültig gezeigt, dass das institutionelle Gefüge in Belgien nicht funktioniert. Alles ist kompliziert, langsam, ineffizient, weil jeder etwas zu sagen hat und sich quer stellen kann. Das muss von Grund auf reformiert werden. Diese Reformen sind für die Zukunft mindestens so wichtig, wie der Corona-Wiederaufbauplan – und beides hängt natürlich zusammen, analysiert L’Echo.

Die letzten Wahlen sind ein Jahr her. Inzwischen leben wir in einer anderen Zeit, kommentiert De Standaard. Der durchschlagende Sieg des Vlaams Belang ist nur noch eine vage Erinnerung, heikle Themen wie Migration und Identität sind scheinbar vom Erdboden verschwunden.

Inzwischen hat die wissenschaftliche Forschung die Gesundheitsfürsorge zu einem neuen politischen Thema erkoren. Allerdings ist das eine Momentaufnahme. Wer weiß, bald wird vielleicht ein wirksamer Impfstoff zur Verfügung stehen, und diese Krise wird bei den nächsten Wahlen nur noch als Alptraum in Erinnerung sein.

Kühlen Kopf bewahren

Zudem polarisiert das Thema kaum. Eigentlich sind sich alle einig, dass eine gute gesundheitliche Versorgung nötig ist. Dennoch braucht der Gesundheitssektor eingehende politische Aufmerksamkeit. Zum einen muss gründlich darüber nachgedacht werden, wie die Vergütung des Personals in Einklang mit der gesellschaftlichen Wertschätzung gebracht werden kann. Dabei stellt niemand die Bedeutung des öffentlichen Gesundheitswesens in Frage, aber dennoch sollte dies Effizienzgewinnen nicht im Wege stehen, fordert De Standaard.

La Libre Belgique warnt vor zu viel Ängstlichkeit bei der Rückkehr zur Normalität: Mit wenigen Ausnahmen haben die Verantwortlichen in den Ländern Europas und Nord- und Südamerikas zu spät auf die Pandemie reagiert. Vor diesem Hintergrund wollen einige um jeden Preis den Fehler verhindern, eine zu schnelle Rückkehr zur Normalität zu erlauben. Aber wir sollten einen kühlen Kopf bewahren. Die Angst hat die Durchsetzung der Ausgangssperre erst möglich gemacht. Und die Ausgangssperre hat die Katastrophe verhindert. Die Krankenhäuser haben standgehalten.

Die Behörden hatten Recht, die Gesundheit zur obersten Priorität zu erklären. Aber die Angst darf uns nun trotzdem nicht beherrschen und eine langsame, aber stetige Wiederaufnahme aller Aktivität unterbinden. Denn die Wirtschaftskrise wird Insolvenzen und Firmenschließungen verursachen, die auch massive Staatshilfen nicht verhindern können. Und die Gesundheit der Menschen hängt auch von der Gesundheit der Wirtschaft ab. Die Angst kann genauso unkontrollierbar werden wie das Virus, warnt La Libre Belgique.

Bei Hitze unangenehm

Der Nutzen von Atemmasken ist lange diskutiert worden, aber mittlerweile sind sie im Alltag angekommen, stellt La Dernière Heure fest. Gerade bei hohen Temperaturen sind die Masken allerdings höchst unangenehm, das haben wir die letzten Tage schon gemerkt. Dabei war das nur ein Vorgeschmack. Vergangenen Sommer sind die Temperaturen ja teils auf über 40 Grad gestiegen und derzeit deutet nichts darauf hin, dass es im Sommer nicht wieder sehr heiß werden wird.

Das Tragen einer Maske kann dann zum Beispiel für ältere Menschen oder solche mit Atemproblemen zum Problem werden. In Israel wurden jetzt schon wegen einer Hitzewelle Ausnahmen von den Bestimmungen erlassen. Setzen wir darauf, dass, wenn es so weit ist, sich bei uns Experten finden werden, die dann feststellen, dass die Masken doch gar nicht so wichtig sind, meint La Dernière Heure mit einem Augenzwinkern.

Peter Esser

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