Die Presseschau von Mittwoch, dem 13. Mai 2020

Die Leitartikel und Titelseiten kennen heute kaum ein anderes Thema als Brussels Airlines. Die Fluggesellschaft hatte ja gestern den Abbau eines Viertels aller Stellen angekündigt. Verhandlungen zwischen dem Mutterkonzern Lufthansa und dem belgischen Staat zur Rettung der Airline gestalten sich schwierig.

Geschäftsführer Dieter Vranckx nach der außerordentlichen Sitzung des Betriebsrates von Brussels Airlines (Bild: Thierry Roge/Belga)

Geschäftsführer Dieter Vranckx nach der außerordentlichen Sitzung des Betriebsrates von Brussels Airlines (Bild: Thierry Roge/Belga)

„Blutbad bei Brussels Airlines“, schreibt Gazet van Antwerpen auf Seite eins. „Besserung hat Verspätung – Tausend Jobs weg bei Brussels Airlines, neuer schwerer Schlag für Brussels Airport“, so die Schlagzeile bei De Morgen. „Lufthansa stellt Brussels Airlines und Belgien mit dem Rücken an die Wand“, liest man auf der Titelseite von L’Echo.

Brussels Airlines hat gestern angekündigt, tausend Jobs streichen zu müssen, knapp ein Viertel der Belegschaft. Die Fluggesellschaft hatte sich ja schon vor der Krise nicht im besten Zustand befunden. Und dann kam die Coronavirus-Epidemie. Die Muttergesellschaft Lufthansa hat denn auch bereits beim belgischen Staat zur Rettung der Airline um finanzielle Unterstützung gebeten.

L’Echo weist in seinem Leitartikel darauf hin, dass der Knall bei Brussels Airlines nicht wirklich überraschend kommt. Zwei Monate ist es her, dass Donald Trump ankündigte, wegen des Coronavirus quasi den Luftraum zwischen Europa und den USA dicht zu machen. Seitdem ist die Frage des Überlebens des Sektors akut. Und es war genauso klar, dass Brussels Airlines in diesem Überlebenskampf gegen andere Fluggesellschaften schlechte Karten hat. Seit zehn Jahren operiert die Airline schließlich unrentabel.

Und dennoch haben viele in der Politik die Zeit mit Sonntagsreden und dem Bauen von Luftschlössern verplempert: Man werde Lufthansa in die Knie zwingen, „unsere“ Airline retten und sich dabei Einfluss sichern, aus Brussels Airlines werde man jetzt ein Symbol der Post-Corona-Zeit machen… Was sich jetzt gezeigt hat, ist, dass unsere politisch Verantwortlichen unfähig waren, die Wucht des Zusammenstoßes mit Lufthansa vorherzusehen. Und jetzt sind sie von den Ereignissen überrollt worden. Brussels Airlines ist eine Warnung – und zwar eine teure, dass man die Corona-Krise nicht auf die leichte Schulter nehmen darf, kritisiert L’Echo.

Auch für De Standaard zeigt die Akte Brussels Airlines, dass es eine Illusion war zu glauben, ungeschoren aus der Krise herauskommen zu können. Die Fluggesellschaft ist der erste große, symbolische Test. Die Wahl, wen oder was wir retten sollen, wird bitter sein. Dabei werden rein ökonomische Betrachtungen nicht reichen. Vielmehr wird die Frage lauten, was wir als wichtig genug erachten. Und dann liegt es an uns, uns nicht in den sich stellenden Dilemmas zu verlieren, mahnt De Standaard.

Schlechte Karten

Für La Libre Belgique ist die Frage, die sich jetzt stellt, einmal mehr die, wie wichtig es Belgien ist, eine „nationale“ Fluggesellschaft auf dem eigenen Boden zu haben. Brüssel, die Hauptstadt Europas, mit einem so wichtigen Drehkreuz wie dem Brussels Airport ohne eine solche Airline ist schwer vorstellbar. Aber dazu bräuchte es auch eine glaubwürdige Langzeitstrategie. Dabei auf Deutschland zu zählen, scheint keine besonders gute Option zu sein. Die Belgier riskieren einmal mehr, am Ende das Nachsehen zu haben, weil sie von Anfang an kein starkes Blatt hatten, beklagt La Libre Belgique.

Auch Gazet van Antwerpen glaubt nicht, dass Brussels Airlines beziehungsweise Belgien in diesem Poker auf Leben und Tod gute Karten hat. Um die verbleibenden 3.000 Jobs zumindest vorläufig zu retten und der Airline noch eine Chance zu ermöglichen, wird Belgien keine Wahl haben. Und das weiß natürlich auch Lufthansa, stellt resigniert Gazet van Antwerpen fest.

Keine vorgefertigten Lösungen

Für De Tijd macht der Fall Brussels Airlines erstmals anschaulich und greifbar, was hinter den abstrakten makro-ökonomischen Zahlen der Nationalbank steht. Die hatte Montag davor gewarnt, dass bis zu einer Viertelmillion Belgier aufgrund der Corona-Krise ihre Jobs verlieren könnten. Und die Fluggesellschaft ist eben die erste große notwendige Restrukturierung eines Betriebs in Folge der Epidemie. Und sicher nicht die letzte.

Der Neustart ist da kein Wundermittel. Und eine hohe Arbeitslosigkeit würde es der Wirtschaft sehr schwer machen, wieder auf die Beine zu kommen. Denn sie belastet auch das Konsumentenvertrauen und führt dazu, dass die Menschen weniger Geld ausgeben. Ein Würgegriff, aus dem die Wirtschaft nur schwer entkommen kann. Deshalb ist das Bekämpfen der Arbeitslosigkeit jetzt eine der größten Herausforderungen und einer der wichtigsten wirtschaftlichen Aufgaben für die politisch Verantwortlichen. Und eine, für die es keine vorgefertigten Lösungen gibt, warnt De Tijd.

Nach der Angst vor dem Tod die vorm Verhungern?

L’Avenir hebt hervor, dass die Jobverluste bei Brussels Airlines im Vergleich zu den gesamtbelgischen Prognosen der Nationalbank nur ein Tropfen im Ozean sind. Und der Staat wird nur einen Teil der wirtschaftlichen Folgekosten der Corona-Epidemie tragen können, der Rest der Schulden wird auf den Schultern der Bürger landen. Und so wird eine Angst auf die andere folgen – und die zweite, wirtschaftliche Welle wird die erste, die Virus-Welle vergessen machen. Kommt nach der Angst vor dem Tod durch Covid-19 eine Angst vor dem Verhungern, fragt sich düster L’Avenir.

Het Belang van Limburg kommentiert ebenfalls die Warnung der Nationalbank vor dem drohenden massenhaften Verlust von Arbeitsplätzen in Belgien. Ein zweiter Lockdown würde uns in die wirtschaftliche Steinzeit zurück katapultieren. Umso wichtiger ist es, dass alles dafür getan wird, eine zweite Corona-Welle zu vermeiden. Und da kann man nur hoffen, dass die Menschen sich zu Hause im Privaten genauso besonnen verhalten, wie es die Geschäfte und Firmen auf der professionellen Ebene bisher getan haben, so Het Belang van Limburg.

Boris Schmidt

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