Die Presseschau von Freitag, dem 29. November 2019

Das Armutsrisiko in Belgien ist auf einem Höchststand. Ein Thema, das die beiden Wirtschaftszeitungen L'Echo und De Tijd in ihren Leitartikeln beleuchten. Außerdem: Magnettes Plan, das Arbeitslosengeld zu erhöhen und der omnipräsente Black Friday.

Bettler

Illustrationsbild: Herwig Vergult/Belga

„Jeder sechste Belgier von Armutsrisiko betroffen“, titelt die Wirtschaftszeitung L’Echo. „Die niedrigsten Einkommen gewinnen kaum an Kaufkraft“, präzisieren die flämischen Kollegen von De Tijd.

Laut Zahlen des Föderalen Dienstes für Soziale Sicherheit riskieren 16,4 Prozent der Belgier, unter die Armutsgrenze zu fallen. L’Echo meint dazu: Diese Zahl ist eines reichen Landes mit einer entwickelten Wirtschaft unwürdig. Wenn auch das Verhältnis sich auf lange Sicht nicht groß verändert hat, die Art der Armut hat sich hingegen entwickelt. Bis vor Kurzem waren vor allem Pensionierte von Armut betroffen. Heute sind es vor allen Dingen junge Haushalte, die manchmal – obwohl sie arbeiten – nur schwer mit ihrem Einkommen auskommen. Das wirft in Sachen Solidarität zwischen den Generationen Fragen auf, aber das ist eine andere Debatte.

Die Armutsfrage ist untrennbar mit dem Zugang zum Arbeitsmarkt der schwächsten Gruppen verbunden. Der Beschäftigungsgrad in Belgien derjenigen, die kein Abitur haben, ist der niedrigste in ganz Europa. Für viele von ihnen ist es sehr kompliziert, einen Vollzeitjob zu bekommen, da sie im Verhältnis zu ihrem Produktivitätsniveau zu teuer sind. Unter diesen Voraussetzungen tun PS und FGTB mit ihrer Forderung, den Mindestlohn auf 2.300 Euro anzuheben, ihnen keinen Gefallen, analysiert L’Echo.

Vorsicht mit den Zahlen

De Tijd schreibt: Bemerkenswert ist an diesen Zahlen, dass die Ungleichheit nicht zugenommen hat. Das kommt daher, dass das Einkommen der 20 Prozent Bestverdienenden nur mäßig gestiegen ist. Genauso wie das der 20 Prozent niedrigsten Einkommen. Der wahre Gewinner ist die breite Mittelschicht. Aber Ungleichheit ist nicht dasselbe wie Armut. Und da müssen bei diesen Zahlen die Alarmglocken läuten. Die fünf Prozent der Belgier mit dem niedrigsten Einkommen sahen ihre Kaufkraft seit 2004 gerade mal um drei Prozent steigen.

Mit diesen Zahlen ist allerdings Umsicht geboten. Die ärmsten Belgier 2004 können ganz andere Menschen sein, als die ärmsten 2017. Manche können sich aus dieser Gruppe herausgearbeitet haben, andere können dort gelandet sein. Darüber hinaus bleibt das Ganze auch relativ: Stelle alle Belgier auf eine Reihe von arm nach reich, nimm das Einkommen desjenigen in der Mitte der Reihe und nimm dann 60 Prozent davon. Das ist die Definition der Armutsgrenze. Und damit steigt die Armut, wenn dieser Mann in der Mitte reicher wird. Und auch noch: Die Ärmsten sind nicht ärmer geworden, ihr Einkommen ist nur langsamer gestiegen als das der anderen, notiert De Tijd.

Wirtschaft und Arbeitsmarkt keine Priorität der Linken

Gazet van Antwerpen nimmt den gestrigen Protestmarsch der Haushaltshilfen zum Anlass, um auf einige Widersprüchlichkeiten in der Note Paul Magnettes hinzuweisen. Rund 1.000 Haushaltshilfen haben gestern für eine 1,1-prozentige Lohnerhöhung protestiert. Das sind 12 Cent, die sie zu ihren 11,50 Euro hinzuverdienen würden. Pro Stunde, brutto. In seiner Note bringt Informator Paul Magnette die Idee, das Arbeitslosengeld über die Armutsgrenze von 1.139 Euro für Alleinstehende zu erhöhen. So eine Reform würde 1,7 Milliarden Euro kosten.

Doch darum geht es nicht. Haushaltshilfen müssen oft sehr hart arbeiten für einen bescheidenen Lohn. Als Teilzeit verdienen sie oft weniger als 1.000 Euro im Monat. Warum sollten sie das dann noch tun, wenn das Arbeitslosengeld höher ist? Es sind wohl diese Art von wunden Punkten, auf die die Linke in der Wallonie nicht so viel Priorität setzt. Eine sehr weit reichende Soziale Sicherheit ist ihre erste Sorge. Die Wirtschaft zu stärken oder den Arbeitsmarkt flexibler zu gestalten, so dass mehr Menschen eine Arbeit haben, damit beschäftigt man sich eher nicht, kritisiert Gazet van Antwerpen.

Einige Zeitungen kommentieren auch den heutigen Black Friday. Le Soir findet: Was vor einigen Jahren noch unbestritten als ein erfolgreiches kommerzielles Konzept wahrgenommen wurde, ruft heute bei Einigen ein eher diffuses Unwohlsein hervor. Wenn nicht sogar eine offene Feindseligkeit oder Protest. Beispielsweise die Bewegung „Green Friday“, die für einen nachhaltigen Konsum eintritt. Oder in Schweden, wo nach der „Flygskam“, der Flugscham, es jetzt auch die „Köpskam“ gibt, die Scham, etwas zu kaufen, stellt Le Soir fest.

Schwarzer Tag für den Planeten

L’Avenir findet das alles ein wenig schizophren. Was nützt es, auf jede Plastikverpackung zu verzichten, wenn wir nicht mal in der Lage sind, den Verführungen eines Black Fridays zu widerstehen. Die industrielle Herstellung von Smartphones und Flachbildfernsehern ist noch verheerender für die Umwelt als die einer Plastikflasche oder Tüte. Einerseits auf den CO2-Fußabdruck noch bis ins kleinste Salatblatt achten und auf der anderen Seite dem Kaufrausch am Black Friday erliegen.

Sind wir nicht mit dieser Inkohärenz Teil einer immer schizophreneren Gesellschaft? Bis man eine Wirtschaftsformel gefunden hat, die es erlaubt, für alle ausreichend zu produzieren, im Einklang mit Mensch und Umwelt, wird es noch einige Zeit dauern. Dafür müssen sich die Mentalitäten ändern. Aber bis dahin ist eines schon mal sicher: Der Black Friday ist vor allem ein schwarzer Tag für unseren Planeten, schreibt L’Avenir.

Volker Krings

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