Die Presseschau von Montag, dem 13. Mai 2019

Die Zeitungen kommen auf den gestrigen stillen Marsch zum Gedenken an die ermordete Julie Van Espen zurück. Politik und Justiz wurden da eindrucksvoll aufgerufen, zu reagieren. Vorwürfe gegen den neuen Unicef-Chef und eine EU-weite Umfrage zu den anstehenden Europawahlen sind weitere Themen.

Große Anteilnahme: Der Schweigemarsch für Julie Van Espen in Antwerpen (Foto: Nicolas Maeterlinck, Belga)

„In Stille vereint gegen Gewalt“, titelt Gazet van Antwerpen. „15.000 Menschen halten eine Mahnwache für Julie“, schreibt Het Belang van Limburg auf Seite eins. „Stille Stimme gegen sexuelle Gewalt“, so die Schlagzeile von De Morgen.

In Antwerpen sind gestern 15.000 Menschen auf die Straße gegangen. Zu allererst wollten sie der ermordeten Julie Van Espen gedenken. Die Leiche der 23-jährigen Studentin war genau eine Woche zuvor im Antwerpener Vorort Merksem entdeckt worden. Zugleich war es aber auch ein Protest gegen sexuelle Gewalt. „Enough“, „genug“, konnte man auf vielen Schildern und Spruchbändern lesen. Ansonsten aber: keine lauten Protestparolen, sondern beeindruckende Stille. „Noch nie waren 15.000 Menschen zusammen so still“, bemerkt denn auch Het Laatste Nieuws auf seiner Titelseite.

Doch die Botschaft hätte lauter nicht sein können, glaubt Gazet van Antwerpen in ihrem Leitartikel. Gestern war so ein Moment, in dem sich Politiker und auch Institutionen wie die Justiz zurücknehmen mussten, um den Bürgern den Vortritt zu lassen. Natürlich bringt das Julie nicht zurück, dieses Zeichen der Warmherzigkeit und der Solidarität tat aber einfach nur gut. Währenddessen haben sich Politik und Justiz wieder gegenseitig den Schwarzen Peter zugeschoben. Die Demonstranten machten keine Schuldzuweisung. Und doch war ihre Botschaft eindeutig.

Beeindruckender Appell an die Justiz

Der stille Marsch von Antwerpen ist ein Signal, das ernstgenommen werden muss, meint auch De Morgen. Nach einer Woche geprägt von unwürdigen Streitereien zwischen der Politik und der Justiz und auch unter den Parteien war es vielleicht keine schlechte Idee, den Wahlkampf mal für einen Nachmittag lang auszusetzen. Den hätten die politisch Verantwortlichen eigentlich nutzen können, um sich mit Opfern von sexueller Gewalt zu unterhalten und sich deren Geschichte anzuhören.

Und eigentlich hätte man sich auch einen parteiübergreifenden Pakt gewünscht, in dem alle feierlich versprechen, in der kommenden Legislaturperiode den Kampf gegen sexuelle Gewalt auf allen Ebenen zu verschärfen. Hier ist aber auch jeder Einzelne gefragt. Wir alle müssen dieses Thema ernst nehmen, zuhören, darüber reden. Und dafür muss man einen Moment lang innehalten. Genau das hatte der stille Marsch in Antwerpen gestern getan.

Es ist das große Verdienst der Organisatoren, ihre Botschaft in einem so heiklen Thema in so geregelten Bahnen gelenkt zu haben, analysiert De Standaard. Wir haben gestern keinen populistischen Aufschrei gehört. Keinen grimmigen Ruf nach Vergeltung. Es herrschte keine revolutionäre Stimmung. Was wir gesehen haben, das war einfach nur ein beeindruckender Appell an die Justiz, gemäß der MeToo-Bewegung, ihr Bewusstsein und ihre Prioritäten anzupassen.

Trotz Fortschritte bleibt noch viel zu tun

Der stille Marsch von Antwerpen ist nur der letzte in einer ganzen Reihe von Veranstaltungen dieser Art, die wir in diesem Land schon gesehen haben, konstatiert La Libre Belgique in einem nachdenklichen Kommentar. Der wohl bekannteste war der Weiße Marsch von 1996, bei dem rund 350.000 Menschen unter anderem für eine andere, eine humanere Justiz demonstriert hatten.

Wenn man sich die Fehler und Fehleinschätzungen anschaut, die im Zusammenhang mit dem mutmaßlichen Mörder von Julie gemacht wurden, dann zeigt sich aber, dass nach wir vor noch viel zu tun ist. Die Polizei- und Justizbehörden leiden zudem nach wie vor unter einem flagranten Mangel an personellen und materiellen Mittel. Wie viele „stille Märsche“ brauchen wir noch, bis der Staat endlich seine Verantwortung übernimmt?

Het Nieuwsblad ist nicht ganz so resigniert. Die Protestkundgebungen der letzten Wochen und Monate, auch die Klimamärsche, lassen einen frischen Wind wehen, meint das Blatt sinngemäß. Es ist gut, wenn die Bürger ihre Anliegen auf der Straße kundtun. Denn Regieren, das ist keine Einbahnstraße. Auch die Politik erwartet inzwischen von den Bürgern, dass diese die Richtung vorgeben. Und so tragisch die Fehler in der Akte Julie Van Espen auch sind, es sind im Vergleich zur Dutroux-Affäre auch sehr viele Fortschritte gemacht worden. Und das ist ohne Zweifel dem Weißen Marsch zu verdanken.

Verdacht des Kinderhandels

Spektakuläre Schlagzeilen derweil auf den Titelseiten einiger flämischer Zeitungen: „Der Chef von Unicef im Zwielicht“, titelt Het Laatste Nieuws. „Der neue Unicef-Direktor muss nach nur einer Woche abtreten“, schreibt Het Nieuwsblad auf Seite eins. De Morgen wird konkreter: „Der Unicef-Chef tritt zurück wegen Kinderhandels“, so die Schlagzeile. Um den neuen Chef von Unicef Belgien, Bernard Sintobin, war gleich nach seiner Amtseinführung eine Polemik entstanden.

Der 67-Jährige hat in der Vergangenheit für eine Vereinigung gearbeitet, die Adoptivkinder aus Guatemala vermittelt hat. Es steht aber der Verdacht im Raum, dass es sich dabei nicht immer um Waisen handelte, sondern dass die Kinder ihren Eltern gegen deren Willen entrissen wurden. Die föderale Staatsanwaltschaft hat entsprechende Ermittlungen bestätigt. Sintobin weist die Vorwürfe zurück.

„Immigration und Klima – die Prioritäten der Europäer“, so schließlich die Schlagzeile auf der Titelseite von Le Soir. Die Brüsseler Zeitung veröffentlicht heute eine große Umfrage zu den Europawahlen, die in Zusammenarbeit mit Partnermedien in acht EU-Ländern durchgeführt wurde. Dies aus der tiefsten Überzeugung heraus, dass kein Land, egal wie groß es ist, die Probleme der heutigen Zeit alleine lösen könnte, präzisiert das Blatt in seinem Leitartikel.

Die EU ist, trotz aller Fehler und Unzulänglichkeiten, mehr denn je eine Notwendigkeit. Und doch stehen wir vor einer großen Herausforderung, da eben diese EU gerade nicht in der besten Verfassung ist. Viele Europäer sind sich aber laut der Umfrage darüber bewusst, dass die aufstrebenden Populisten eine wachsende Gefahr darstellen. Allerdings muss man auch feststellen, dass sogar die europhilen Belgier der EU immer weniger vertrauen. Das müssen wir im Auge behalten.

Roger Pint

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