Die Presseschau von Freitag, dem 8. März 2019

Auf den Titelseiten gibt es heute zwei große Themen. Zunächst steht der Schuldspruch im Prozess von Mehdi Nemmouche im Fokus. Aber auch der Weltfrauentag wird von den Zeitungen groß kommentiert. Schließlich bringt De Morgen auch eine überraschende Schlagzeile zum Thema Klimaschutzpolitik und Dieselfahrzeuge.

Der Prozess um den Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel - Die Urteilsverkündung

Der Prozess um den Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel - Die Urteilsverkündung (Zeichnung: Igor Preys/BELGA)

„Mehdi Nemmouche ist schuldig auf der ganzen Linie“, titeln La Libre Belgique und das GrenzEcho. „Es war kein Komplott, Nemmouche ist schuldig“, schreibt auch L’Avenir.

Im Prozess um den Anschlag auf das Jüdische Museum ist am Abend das Urteil gefallen. Vor dem Brüsseler Schwurgericht sah es die Jury als erwiesen an, dass es der Hauptangeklagte Mehdi Nemmouche war, der am 24. Mai 2014 im Jüdischen Museum in Brüssel vier Menschen getötet hat. Den zweiten Mitangeklagten Nacer Bendrer stuften die Geschworenen als Mittäter ein. Das Gericht fegte damit die Thesen der Verteidigung vom Tisch, die Nemmouche als das Opfer eines angeblichen Komplotts dargestellt hatten.

Nemmouche – Justiz ist standhaft geblieben

„Erste Emotionen in neun Wochen“, bemerkt dazu Het Nieuwsblad. Nemmouche, der seit Beginn des Prozesses sehr passiv geblieben war, zeigte gestern beim Schuldspruch erstmals Gefühle und schien in sich zusammenzusacken. Le Soir zieht auf seiner Titelseite Bilanz: „Nemmouche – die Lektionen eines historischen Prozesses“, schreibt das Blatt.

„Die belgische Justiz ist standhaft geblieben“, meint La Libre Belgique in ihrem Leitartikel. Die Geschworenen haben sich nicht von der Verteidigung einlullen oder beeindrucken lassen. Jetzt können die Ereignisse vom 24. Mai 2014 endlich als das betrachtet werden, was sie waren: ein antisemitisch motivierter Terroranschlag. Und die belgische Justiz hat bei der Gelegenheit den Beweis erbracht, dass sie die materiellen, juristischen und personellen Mittel hat, um den Terrorismus zu bekämpfen. Das ist ehrenwert, zumal es wohl nicht der letzte Prozess dieser Art sein wird.

Weltfrauentag – Braucht man das noch?

Viele Zeitungen beschäftigen sich heute aber auch mit dem Weltfrauentag. „Es gibt noch viel zu tun“, bemerkt etwa Gazet van Antwerpen auf ihrer Titelseite. Und die Blätter geben da eine Reihe von Beispielen. „Beim Lohn wird Frausein bestraft“, notiert etwa das GrenzEcho. Das Lohngefälle zwischen Mann und Frau ist nach wie vor eine Realität. Männer verdienen im Durchschnitt brutto rund 16 Prozent mehr pro Stunde. „Unter den 95 Spitzenkandidaten für die Wahl im Mai sind nur 29 Frauen“, titelt seinerseits L’Echo. Das ist nicht mal ein Drittel. „Die Armee tut sich schwer mit der Einstellung von Frauen“, stellt Het Belang van Limburg auf seiner Titelseite fest. Die Zahl der Frauen in den Streitkräften ist rückläufig. Ein Grund dafür ist aber auch, dass sich nicht genug Kandidatinnen melden.

„Weltfrauentag, braucht man das eigentlich noch?“, fragen sich heute rhetorisch viele Blätter. Die Antwort lautet Ja. Natürlich bewegt sich was, meint etwa Het Belang van Limburg. Nehmen wir aber das Tempo der letzten 20 Jahre als Referenz, dann wird es noch 200 Jahre dauern, ehe wirklich alle Unterschiede aus der Welt geschafft worden sind. Zugegeben: Das sind internationale Zahlen. In Belgien sieht das glücklicherweise besser aus. Und noch! In Belgien wird nur ein Drittel der Spitzenposten von Frauen besetzt. Und wann bringt eine Partei endlich mal eine Frau als mögliche Premierministerin ins Spiel?

„Fast gleich“ reicht nicht

Der Global Gender Report von 2018, der also den Grad der Emanzipation untersucht, kommt noch zu anderen Schlussfolgerungen, notiert auch Gazet van Antwerpen. Belgien ist in den letzten fünf Jahren von Platz zehn auf Platz 23 abgerutscht. Das ist vor allem darauf zurückzuführen, dass Frauen in der Politik unterrepräsentiert sind. Auch die Lohnkluft ist nach wie vor eine Realität. Schlimmer noch: Für sechs von zehn männlichen Arbeitgebern hat das Thema Lohngefälle keine Priorität. Ein erster Schritt wäre, wenn man die Betriebe dazu zwingen würde, diese Ungleichbehandlung öffentlich zu machen.

Der Leitartikel von Le Soir besteht zunächst aus einer Liste von 41 Frauen, die 2018 und in diesem Jahr in Belgien an den Folgen von häuslicher Gewalt gestorben sind. Die Frauen in Belgien werden heute streiken im Gedenken an sie. Belgien mag ein progressistisches Land sein, dennoch müssen auch hierzulande die Frauen kämpfen, um zu existieren, zu überleben, um Spitzenposten zu besetzen und den gleichen Lohn zu bekommen wie Männer. Warum streiken die Frauen? Um all jene zu sensibilisieren, die glauben, dass dieser Kampf schon gewonnen ist.

Hier geht es auch um die Köpfe, die Mentalitäten, meint L’Echo. Natürlich ist schon viel passiert. Natürlich gibt es Frauenquoten, zum Beispiel für Aufsichtsräte. Die Klischees und Rollenmodellen entwickeln sich aber zu langsam. Das Bild des männlichen, weißen Chefs zwischen 40 und 50 in Anzug und Krawatte ist immer noch zu präsent in den Köpfen. Die Unternehmen beginnen erst zu verstehen, dass sie auch personell das Spiegelbild der Gesellschaft sein sollten, in die sie sich einbetten.

„Ist ein Weltfrauentag noch nötig? Ja! Mehr denn je!“, so denn auch das Fazit von Het Nieuwsblad. Eben der Irrglaube, dass es doch angeblich keine wirklichen Probleme mehr gibt, hemmt im Moment weitere Fortschritte. Wer all diese Probleme nicht sehen will, der kann sie auch nicht lösen. Deswegen der Aufruf an alle Männer und Frauen, denen „fast gleich“ nicht reicht: Macht aus dem heutigen Tag einen schönen Weltfrauentag.

Belgien unterstützt Diesel für ausländische LKW

Überraschende Schlagzeile schließlich auf Seite eins von De Morgen: „Belgien sponsert massiv Dieselfahrzeuge aus dem Ausland“. Es ist so: Transportunternehmen, die in Belgien Diesel tanken, bekommen einen Teil der Akzisen zurückerstattet. Von dieser Regelung machen inzwischen auch ausländische Firmen Gebrauch. Damit verringert sich der Reinerlös aus der LKW-Maut. Das ist ein Musterbeispiel dafür, wie schwierig es ist, eine wirklich effiziente Klimaschutzpolitik zu führen, meint das Blatt in seinem Leitartikel. Bei jeder Maßnahme stehen gleich Interessenverbände bereit, um finanzielle Kompensationen zu fordern. Hier entsteht ein falsches Bild. Es ist eine Illusion zu glauben, dass eine effiziente Klimaschutzpolitik schnell, einfach und geräuschlos umgesetzt werden kann.

Roger Pint

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