Die Presseschau von Mittwoch, dem 9. Januar 2019

Die Schlagzeilen und Kommentare drehen sich heute oft um Proximus – und zwar wegen des möglicherweise drohenden Verlustes von 2.000 Arbeitsplätzen. Auch die Neujahrsempfehlungen der Arbeitgeber sind Thema, ebenso wie die Flexibilität der Arbeitnehmer. Außerdem: ein kontroverses Gerichtsurteil.

Proximus Logo

Bild: Eric Lalmand/Belga

„Proximus brütet über einem Umstrukturierungsplan“, titelt De Tijd. Andere Blätter werden konkreter: „Proximus erwägt die Streichung von 2.000 Arbeitsplätzen“, heißt es etwa bei Le Soir auf Seite eins. „Angst um 2.000 Jobs bei Proximus“, schreibt auch Het Nieuwsblad.

Beim Telekomanbieter Proximus stehen die Zeichen auf Sturm: Auf dem Tisch liegt ein neuer Dreijahresplan, der das Unternehmen fit für die Zukunft machen soll. Nach Angaben der sozialistischen Gewerkschaft CGSP beinhaltet der bisherige Entwurf einen massiven Stellenabbau: Bis zu 2.000 Jobs stünden demnach auf der Kippe, das wäre einer von sechs. Proximus selbst wollte die Meldungen bislang weder bestätigen noch dementieren.

L’Echo scheint seinerseits schon zu wissen, warum bei Proximus so viele Arbeitsplätze in Gefahr sind: „Proximus will die Mitarbeiter auf dem Altar der Digitalisierung opfern“, notiert das Blatt auf seiner Titelseite. Für viele Zeitungen gibt es aber noch einen weiteren möglichen Grund: Vor einigen Monaten hat die Regierung beschlossen, den belgischen Telekommarkt für einen vierten Anbieter zu öffnen. Und Proximus wolle sich jetzt auf die womöglich härtere Konkurrenz einstellen.

Premierminister Charles Michel wurde jedenfalls offensichtlich durch die Meldungen aufgeschreckt: Für heute Vormittag hat er die Proximus-Geschäftsführerin Dominique Leroy einbestellt, um sie regelrecht zur Rede zu stellen. Er habe keine Lust, sich vor vollendete Tatsachen stellen zu lassen, hieß es sinngemäß aus dem Umfeld des Regierungschefs.

Das Ganze ist gelebte Schizophrenie, giftet L’Echo in seinem Leitartikel: Der Staat will von seinen Unternehmen die Butter und das Geld für die Butter. Konkret: Von Staatsbetrieben wie eben Proximus erwartet man fette Dividenden, zugleich aber niedrige Verbraucherpreise. Und obendrauf noch sozialen Frieden. Diese Gleichung ist im Begriff, nicht mehr aufzugehen. Spätestens nach der Entscheidung, einen vierten Anbieter zuzulassen, musste Proximus reagieren. Sollte ein Preisbrecher auf den belgischen Markt drängen, dann bleibt Proximus nichts anderes übrig, als seine Kosten zu senken. Zumal die Branche ohnehin in Bewegung ist. Stichwort „Whatsapp“, Stichwort „Netflix“. Der Staat kann einfach nicht alles haben.

Zumal die Regierung offensichtlich vergisst, dass sie nicht alleine ist, hakt De Tijd ein. Proximus ist schließlich an der Börse notiert. Und da muss man auch an die übrigen Anteilseigner denken. Die Aktionäre verlangen von einem Unternehmen, dass es seine Zukunft langfristig absichert. Die Interessen der Regierung sind da manchmal anders gelagert. Das hätte man sich früher überlegen sollen: Indem man Proximus an die Börse gebracht hat, hat man das Unternehmen den Gesetzen des Marktes unterworfen. Mit allem, was dazu gehört.

Auch Prioritäten setzen

Het Nieuwsblad kommt zurück auf die Studie über die Flexibilität von Arbeitnehmern. Daraus geht hervor, dass die Belgier im europaweiten Vergleich zu den am wenigsten flexiblen gehören. Vieles ist wohl eine Frage der Wahrnehmung, meint das Blatt in seinem Kommentar. Jeder für sich hat bestimmt den Eindruck, sehr flexibel zu sein. Die Studie beweist, dass das nicht stimmt. Bezeichnenderweise ist dafür die Zahl der Burnouts oder der Langzeitkranken in Belgien nicht niedriger als in den anderen Ländern. Heißt: Oft machen wir uns den Stress auch selbst. Indem man etwa das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben allzu eng sieht. Niemand muss sich schuldig fühlen, wenn er auch mal ein Fußballspiel des Söhnchens oder eine Ballettaufführung des Töchterchens verpasst. Das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Familie beinhaltet auch, Prioritäten zu setzen.

(Nicht) nachvollziehbare Forderungen

Einige Blätter beschäftigen sich mit den Neujahrsempfehlungen der Arbeitgeberverbände. Die flämische Voka etwa hatte nachdrücklich Maßnahmen im Kampf gegen den Fachkräftemangel angemahnt. Unter anderem solle die Flämische Region für Geringverdiener 100 Euro netto zuschießen, um zusätzliche Jobanreize zu schaffen.

Gazet van Antwerpen kann das nur bedingt nachvollziehen: Wenn Arbeitgeber Personal brauchen für schwer zu besetzende Stellen, dann müssen sie diese Menschen schlicht und einfach suchen. Engagierter als bisher jedenfalls. In wirtschaftlich nicht ganz so rosigen Zeiten ist es schließlich umgekehrt, dann müssen die Bewerber alle Register ziehen, um einen Job zu bekommen. Einfach nur im Büro auf Kandidaten zu warten und obendrauf vom Staat Hilfe zu verlangen, das ist ein bisschen wenig.

Eine andere Forderung der Arbeitgeber ist derweil legitim, meint Het Belang van Limburg: Die Voka ruft die geschäftsführende Regierung dazu auf, trotz der schwierigen politischen Lage weiter zu regieren. Regieren in dem Sinne, dass Entscheidungen getroffen werden. Die Unternehmen wollen Planungssicherheit, etwa im Zusammenhang mit den offenen Stellen und dem Atomausstieg. Und diese Forderung ist nachvollziehbar, meint Het Belang van Limburg.

La Libre Belgique sieht das ähnlich: Das Problem der offenen Stellen ist Gegenstand des Jobdeals, den die Regierung im vergangenen Sommer beschlossen hatte. Nur droht der jetzt, im Parlament zu versanden. Die Politik kann sich aber den Luxus nicht leisten, gerade in diesem Bereich Zeit zu verlieren. Alle – insbesondere die frühere Regierungspartei N-VA – müssen jetzt Verantwortung übernehmen. Im Sinne der Bürger.

Kein Wundermittel

„Aus vier Jahren werden null Tage Gefängnis“, so schließlich die anklagende Schlagzeile von Het Laatste Nieuws. Hier geht es um den 39-jährigen Mann, der sich nach 25 Bier und einer Linie Kokain hinters Steuer gesetzt und die 22-jährige Julie angefahren hatte. Die junge Frau starb noch am Unfallort, der Mann beging Fahrerflucht. Ursprünglich war er dafür zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Er ging in Berufung und das Berufungsgericht wandelte die Strafe um in eine Bewährungsstrafe, der Mann muss also bis auf Weiteres nicht hinter Gitter. Vor allem in Flandern ist die Empörung darüber groß.

Die Wut ist nachvollziehbar, meint De Standaard in seinem Leitartikel. Aber nur auf den ersten Blick. Gerade in Belgien produzieren die Gefängnisse keine besseren Menschen. Arbeitsstrafen hingegen haben durchaus eine erzieherische Wirkung. Betrunkene Unfallfahrer zur Einsicht zu bringen, dafür gibt es kein Wundermittel. Die Frage ist aber, ob die Gesellschaft besser wird, wenn man sie jahrelang wegsperrt.

Roger Pint

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