Die Presseschau von Freitag, dem 14. September 2018

Der Skandal um den Künstler Jan Fabre steht am Freitag weiter im Fokus. Einige Leitartikler können nur feststellen, dass insbesondere in der Welt der Bühnenkunst, die Grenzen verschwimmen können. Einige Blätter erinnern zudem an die Finanzkrise, die vor genau zehn Jahren ausbrach. Und in einem Monat wird gewählt.

Hauptsitz von Fabres Compagnie Troubleyn in Antwerpen (Bild: Dirk Waem/Belga)

Hauptsitz von Fabres Compagnie Troubleyn in Antwerpen (Bild: Dirk Waem/Belga)

„Die Justiz untersucht den Fall Fabre“, titelt Het Nieuwsblad. Jan Fabre, einer der bekanntesten Vertreter der zeitgenössischen Kunst, steht weiter im Zwielicht. Auch am Freitag bringen viele Zeitungen auf ihren Titelseiten die Aussagen ehemaliger Mitarbeiter, die Fabre schwer belasten. „In seinem Hotelzimmer versuchte er, mich zu küssen und mein T-Shirt auszuziehen“, zitiert Het Laatste Nieuws eine der drei Tänzerinnen, die gegen den flämischen Künstler ausgesagt haben.

„Du weißt, was es bedeutet, wenn du nicht mit mir ins Bett gehst“, dieses Zitat steht am Freitag auf Seite eins von Het Nieuwsblad. „Und plötzlich war ich gefangen in einer Situation, worüber ich bis heute tief beschämt bin“, sagt eine Tänzerin in De Standaard. „Zu arbeiten mit Jan Fabre, das war eine sehr traumatische Erfahrung“, so das Fazit von einer der Klägerinnen in De Standaard. Zwar gilt auch hier bis auf weiteres die Unschuldvermutung. Für De Tijd ist Jan Fabre aber „vom Sockel gestürzt“.

Offensichtlich hat Jan Fabre die Klagen gegen ihn selbst heraufbeschworen. Im Juni hatte er auf die #Me Too-Bewegung und die Vorwürfe gegen den amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein mit ebenso scharfen wie klaren Worten reagiert: „So etwas gibt es nicht in meinem Unternehmen“. Daraufhin haben dann zwanzig Tänzerinnen beschlossen, mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit zu gehen. „Fabre hat sich selbst in den Fuß geschossen“, glauben denn auch Het Belang van Limburg und Gazet van Antwerpen.

Von Macht und Missbrauch

„Manchmal muss man auch auf den Pianisten schießen“, meint L’Écho in seinem Leitartikel. Hier geht es nicht darum, Jan Fabre den Prozess zu machen. Die Vorwürfe, die gegen ihn im Raum stehen, scheinen aber ein Bild zu ergeben. Natürlich ist die Welt des Theaters, der Oper, des Tanzes oder des Films eine besondere. In gewisser Weise gibt der Interpret seinen Körper in die Hände eines Regisseurs, der über eben diesen Körper seiner künstlerischen Kreativität Ausdruck verleiht. Durch Gesten, durch die Stimme, durch die Persönlichkeit, die Körpersprache. Aber nicht durch Sex! Eigentlich sollten die Grenzen hier klar abgesteckt sein.

Le Soir scheint seinerseits zu versuchen, sich in diese Kunstwelt hineinzudenken. „Dieser Künstler ist unausstehlich, aber doch so genial!“, diesen Satz hat man schon häufig gehört. Man mag sich also fragen, ob ein großer Künstler vielleicht gleichzeitig auch ein Diktator sein muss. Viele große Kunstwerke sind unter großem Leiden entstanden. Letztlich erforschen Künstler ja die Tiefen der menschlichen Emotionen und Triebe. Eben deswegen berühren die Werke ja auch das Publikum.

Hier geht es aber um den Missbrauch der Macht, findet De Morgen. Natürlich gehört Körperlichkeit zum Wesen der Bühnenkunst. Und da können die Grenzen verschwimmen. Der Künstler betrachtet den Körper seiner Schauspieler und Tänzer als eine Art Leinwand, auf die er seine Inspiration projiziert. Genau in dem Moment muss er sich aber seiner Macht bewusst sein; genau hier muss er die Grenzen vor Auge haben. Und hier sprechen wir nicht nur über den mutmaßlichen „Fall Fabre“. Das Zeitalter der allmächtigen Patriarchen in der Kunstwelt scheint aber auszuklingen. Und das ist gut so.

Zehn Jahre danach – Gefahr einer neuen Finanzkrise?

„Vor zehn Jahren löste Lehman Brothers die Finanzkrise aus“, notiert derweil Le Soir auf seiner Titelseite. Auf die Pleite der amerikanischen Geschäftsbank folgte ja ein enormer Tsunami, der unter anderem auch die belgischen Geldhäuser Fortis und später auch Dexia hinwegfegte. „Aber auch Trump ist eine indirekte Folge der Finanzkrise von 2008“, sagt der Wirtschaftsprofessor Herman Daems in De Morgen. Daems war im Zuge der Finanzkrise von der damaligen Leterme-Regierung als Sonderbeauftragter eingesetzt worden.

Seit einiger Zeit warnen Experten ja vor einer neuen Finanzkrise. Dazu passt die Aufmachergeschichte von De Tijd: „Die Europäische Zentralbank will ‚Schattenbanken‘ an die Leine nehmen“. Gemeint sind Anlagegesellschaften, die außerhalb des regulären Bankensystems agieren. In letzter Zeit ist viel Geld in diese Unternehmen geflossen. „Im Schatten des Bankensektors ist ein Monster entstanden“, warnt De Tijd in seinem Kommentar. Niemand weiß, wie groß und wie gefährlich es ist. Es wird höchste Zeit, dass die EZB hier ein Auge drauf wirft. Offensichtlich ist man sich in Frankfurt aber inzwischen der Gefahr bewusst.

Die Bürger haben die Wahl

Am heutigen Tag kann man aber auch in die Zukunft blicken: In genau einem Monat wird gewählt, stehen die Gemeinde- und Provinzialwahlen an. „Und wir haben die Wahl“, meint mahnend La Libre Belgique. Klar: Gerade auf kommunaler Ebene haben wir in den letzten Jahren diverse Fehlentwicklungen gesehen. Stichwort Publifin, Stichwort Samusocial. Man darf aber nicht alle Politiker in einen Sack stecken. Die übergroße Mehrheit von ihnen engagiert sich mit Hingabe für das Allgemeinwohl. Im Übrigen sind auch die Bürger für den Zustand unserer Demokratie mitverantwortlich: Sie haben die Pflicht, sich zu informieren, die Wahlprogramme zu studieren, um aktiv denjenigen ihre Stimme zu geben, die ihre Hoffnungen und Wünsche am besten repräsentieren.

Het Nieuwsblad und De Standaard wünschen sich mutige Gemeindeverantwortliche. Das gilt vor allem für die Mobilitätspolitik. Die Städte sind inzwischen so verstopft, dass radikale Maßnahmen nötig sind, die auch polarisieren können, bemerkt etwa De Standaard. Ein Bürgermeister und seine Schöffen sind viel näher an den Bürger als etwa Minister. Das ist eine Chance, mag aber auch als Nachteil empfunden werden, meint Het Nieuwsblad. Im Zweifel bekommt man nämlich auch die Kritik der Bürger viel unmittelbarer zu spüren. Nichtsdestotrotz müssen Politiker gegebenenfalls den Mut haben, Zukunftsvisionen umzusetzen, die den Menschen vielleicht auf den ersten Blick nicht gefallen.

Roger Pint

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