Die Presseschau von Freitag, dem 19. Januar 2018

Die Schäden des gestrigen Sturms in Belgien prägen heute die Titelseiten. Die Leitartikler beschäftigen sich allerdings weiter intensiv mit der Antwerpener Kommunalwahl. Außerdem: Armut in Belgien, der Plastikmüll in den Ozeanen und die "Abschaffung" des Faches Geschichte in den frankophonen Schulen.

Sturm kippt Baum auf Schulbus - keine Verletzten

Baum auf Schulbus in Kontich gekippt - keine Verletzten (Bild: Dirk Waem/Belga)

„Sturm fordert einen Toten bei uns, acht im Ausland“, titelt Het Laatste Nieuws. „Getötet durch einen umgestürzten Baum“, so die Schlagzeile bei L’Avenir. „Vom Winde verweht“, schreibt das GrenzEcho auf Seite eins. Die Auswirkungen des Sturms, der gestern über Belgien hinweggefegt ist, beschäftigen die Zeitungen auf Titelseiten und in ausführlichen Berichten. Ihre Kommentare widmen sie aber anderen Themen.

Mehrere flämische Zeitungen kommen auf das Auseinanderbrechen des Wahlbündnisses „Samen“ von Groen, SP.A und Unabhängigen in Antwerpen zurück. Die unabhängige Kandidatin Jinnih Beels hat gestern Abend bekanntgegeben, auf der SP.A-Liste an den Wahlen teilnehmen zu wollen.

Dazu kommentiert Het Laatste Nieuws: Beels war die Galionsfigur von „Samen“. Die 40-jährige Frau indischer Herkunft ohne politische Erfahrung ist direkt, klug und steht mit beiden Füßen auf dem Boden. Sie ist ein Gewinn für die SP.A, auch, wenn sie bei der SP.A weiter als Unabhängige kandidieren will. Für Beels ist ihre Wahl allerdings ein mutiger Schritt. Denn die SP.A ist ein sinkendes Schiff, analysiert Het Laatste Nieuws.

Auch Het Nieuwsblad meint: Beels‘ Entscheidung ist eine gute Neuigkeit für die SP.A. Und da macht es den Parteibossen auch nichts aus, dass Beels nicht als SP.A-Kandidatin auf ihre Liste will. Sie sehen nur die Chance für ihre Partei: nämlich, das Wahldebakel am 14. Oktober doch noch zu vermeiden. Für die Grünen ist Beels‘ Wahl allerdings eine bittere Pille, auch sie hätten Beels gerne auf ihrer Liste gehabt, stellt Het Nieuwsblad fest.

Gazet van Antwerpen schreibt: Die Grünen haben überraschend positiv auf die Entscheidung von Beels reagiert. Groen-Spitzenkandidat Wouter Van Besien twitterte: „Gute Sache für die politische Debatte in Antwerpen.“ Diese Reaktion ist typisch für das Klima, das gerade zwischen den Ex-Partnern Groen und SP.A herrscht. Man ist freundlich zueinander und hält sich auffallend damit zurück, dem anderen Vorwürfe zu machen. Das ist taktisch klug. Denn auch, wenn „Samen“ auseinandergebrochen ist, heißt das nicht, dass Groen und SP.A nach den Wahlen nicht gemeinsame Sache machen könnten. Sie wissen zu gut, dass sie aufeinander angewiesen sind, wenn sie Bart De Wever als Bürgermeister von Antwerpen stürzen wollen, weiß Gazet van Antwerpen.

Immer mehr Menschen nutzen Lebensmittelbanken

De Standaard beschäftigt sich mit der Armut in Belgien und führt aus: Immer mehr Menschen nutzen die Lebensmittelbanken. Im vergangenen Jahr stieg diese Zahl um 14.000. Sicher, darunter sind viele Flüchtlinge und Asylbewerber, aber durchaus auch Belgier. Das zeigt: Die Armut wächst weiter. Die Regierungen der vergangenen Jahre haben daran nichts ändern können. Weder das Motto der aktuellen Regierung, „Jobs, Jobs, Jobs“, noch die linke Ideologie, den Armen einfach mehr Geld zu geben. Wir müssen andere Wege suchen, das Problem der Armut zu bekämpfen. Und dabei müssen wir sehr kreativ sein, fordert De Standaard.

Auch L’Avenir schreibt zur Armut: König Philippe hat auf seinem Neujahrsempfang gestern viel von „Stabilität“ gesprochen. Das hat er als etwas Positives dargestellt. Bei der Armut ist die Stabilität allerdings negativ: Das Statistikamt gibt an, dass seit 2008 der Anteil der Armen nicht mehr unter 20 Prozent gefallen ist. Das zeigt, dass viele von den stabilen Wirtschaftsverhältnissen nicht profitieren. Es wäre zu wünschen, dass König Philippe nächstes Jahr etwas mehr von „Instabilität“ spricht – natürlich bezogen auf die Armutsstatistik, die nach unten geht, hofft L’Avenir.

„Nicht unser Problem“

De Morgen kommt auf die Strategie der EU-Kommission zur Vermeidung von Plastikmüll zurück. Die Zeitung notiert: Die flämische Verpackungsindustrie sieht wenig Positives in der Kommissionsstrategie. Die Verschmutzung der Weltmeere sei kein belgisches Problem, denn die Weltmeere würden sich nicht in Belgien befinden. Geographisch betrachtet ist diese Aussage zwar richtig, inhaltlich aber natürlich katastrophal. Und es ist schon erstaunlich, dass die OpenVLD, eine Partei, die sich selbst als „fortschrittlich“ bezeichnet, eine solche Position unterstützt. Wir Flamen können noch so stolz auf unseren Titel als „Recycling-Weltmeister“ sein. Das ist nur ein Titel aus der 2. Liga. Wer die Umweltprobleme wirklich ernstnimmt, muss bei der Abfallproblematik aber eine Klasse höher spielen, weiß De Morgen.

Aus für „Geschichte“?

Im frankophonen Schulwesen gibt es Pläne, den Geschichtsunterricht künftig in einem allgemeinen Fach „Humanwissenschaften“ aufgehen zu lassen. Dazu kommentiert La Libre Belgique: Geschichte als eigenständiges Fach abzuschaffen, wäre sehr bedauerlich. Es wäre ein Ausdruck unserer schnelllebigen Gesellschaft, in der nur das Oberflächliche als wichtig angesehen wird und man sich gerne nur mit sich selbst beschäftigt. Geschichte ist das Gegenteil davon: Sie öffnet den Blick auf andere Zeiten, ermöglicht uns, zu lernen und unsere eigene Gesellschaft besser zu verstehen. Sie gibt jungen Menschen die Möglichkeit, die Zukunft unter Berücksichtigung der Vergangenheit zu gestalten. Geschichte als Fach abzuschaffen würde auch der Demokratie schaden, meint La Libre Belgique.

Kay Wagner

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