Die Presseschau von Donnerstag, dem 4. Januar 2018

Die Zeitungen ziehen zunächst eine erste Bilanz der Schäden, die Sturm Eleanor in Belgien angerichtet hat. Neue Probleme gibt es auch mit dem Atommeiler Doel 3. In Flandern sorgt derweil ein Rapper für einen Sturm der Entrüstung. Außenpolitisch sind der Iran und Donald Trump im Fokus.

Sturmschäden in Faymonville (Bild: Stephan Pesch/BRF)

Sturmschäden in Faymonville (Bild: Stephan Pesch/BRF)

„Eleanor hat Belgien nicht verschont“, titelt L’Avenir. „Der erste Sturm des Jahres setzt Antwerpen unter Wasser“, so die Schlagzeile von Het Nieuwsblad. „Die überschwemmten Schelde-Kais sind die neue Attraktion in Antwerpen“, schreibt Gazet van Antwerpen auf Seite eins.

Viele Zeitungen ziehen am Donnerstag erst einmal Bilanz nach dem gestrigen Sturm. Im Großen und Ganzen ist Belgien mit einem blauen Auge davongekommen. Dennoch sind die Schäden stellenweise beträchtlich. „Mehr als 600 Anrufe wegen Sturmschäden“, titelt etwa Het Belang van Limburg. Diese Zahl bezieht sich allein auf die Provinz Limburg, die besonders hart getroffen wurde. Het Laatste Nieuws bringt seinerseits auf seiner Titelseite ein Foto von der Küste. Zu sehen ist ein etwa zwei Meter hohes Sandkliff. Die befürchtete Sturmflut ist zwar ausgeblieben, die Deiche haben gehalten, entlang der Küste haben sich aber Sandkliffe gebildet. „Das Spektakel ist schön, aber teuer“, schreibt das Blatt. Die Abbrüche müssen nämlich jetzt eingeebnet werden.

Allein in Antwerpen hat die Springtide für leichte Überschwemmungen gesorgt. Die Kais wurden für kurze Zeit überflutet. „Stadt in der Schelde“, so umschreibt Gazet van Antwerpen die Szenerie.

Doel bröckelt wieder

„Doel 3 muss für längere Zeit vom Netz“, so derweil die Aufmachergeschichte von Le Soir. Der Reaktor liegt schon seit September still. Grund waren ursprünglich geplante Wartungsarbeiten. In der Zwischenzeit ist die Föderale Agentur für Nuklearkontrolle, Fank, auf Probleme aufmerksam geworden. An einem Bunker, in dem Rettungsgerät für den Notfall gelagert wird, bröckelt der Beton. Die Fank verlangt also Reparaturen und wirft Betreiber Electrabel mangelnden Unterhalt der Anlagen vor.

„Heuchler mit dem IQ eines Goldfischs“

In Flandern sorgt derweil der niederländische Rapper „Boef“ für Polemik. Boef war in der Neujahrsnacht von zwei jungen Frauen in ihrem Auto mitgenommen worden. Weil sie – in seinen Augen – wohl zu kurze Röcke trugen, bezeichnete er sie später in einem Internetvideo als „Kech“. Das ist marokkanisch-arabisch und bedeutet so viel wie „Nutte“ oder „Schlampe“. Es folgte ein Sturm der Entrüstung.

Eine VRT-Radiomoderatorin kündigte an, die Songs von Boef nicht mehr zu spielen. Der VRT-Radiosender „Studio Brussel“ beteiligt sich nicht an dem Boykott; „und dafür steht StuBru jetzt auch unter Beschuss“, schreibt Het Nieuwsblad auf Seite eins. Ein Brüsseler Rapper-Kollege bezeichnet derweil Boef auf Seite eins von De Morgen als „Heuchler mit dem IQ eines Goldfischs“. Sogar der seriöse De Standaard bringt am Donnerstag ein Foto des Rappers auf seiner Titelseite. Boef hat sich mittlerweile entschuldigt und führt seine Mutter als Kronzeugin an: „Ich bin kein Frauenhasser, das können Sie meine Mama fragen“, sagt er in Het Laatste Nieuws.

„Boef verdient einen Boykott“, glaubt dennoch Het Nieuwsblad in seinem Leitartikel. Und das ist in keiner Weise scheinheilig. Wenn ein Rapper in seinen Songs einen gewissen Wortschatz verwendet, dann bleibt das immer noch im Rahmen der künstlerischen Freiheit. Hier gelten andere Normen als im wahren Leben. Seine Aussagen hat Boef allerdings außerhalb seines künstlerischen Rahmens gemacht. Und eben dadurch hat er die Grenze überschritten.

Meinungsfreiheit bedeutet nicht Beleidigungsfreiheit, glaubt auch De Standaard. Das Problem sitzt doch viel tiefer. Insbesondere junge Mädchen ausländischer Herkunft haben es immer noch schwer, sich zu emanzipieren. Tagtäglich müssen sie sich als „Schlampe“ beschimpfen lassen, wenn sie einen angeblich allzu liberalen Lebensstil an den Tag legen. Die Dummschwätzerei von Boef befeuert das nur noch.

De Morgen warnt allerdings vor den Folgen derzeit zu beobachtender Entwicklungen: Wir brauchen nicht immer gleich Verbote. Im Falle von Boef reicht es, wenn man eben keine Konzertkarten des Rappers mehr kauft. Ein anderes Beispiel ist die Polemik um sexistische Werbeplakate für ein Online-Kasino in Brüssel. Hier hatten Politiker gleich ein Verbot gefordert. Die Moralkeule führt aber auf Dauer zu Puritanismus.

Ajatollahs, Donald Trump, Theo Francken…

Einige Leitartikler blicken auch am Donnerstag in den Iran: Dort dauern die Proteste gegen das Regime offenbar an. „Adieu Ajatollahs“, bemerkt fast schon hämisch Het Laatste Nieuws. Vielleicht ist das, was wir im alten Persien sehen, noch keine Revolution. Aber auch diese Revolte nagt wieder an den Fundamenten der Islamischen Republik. Straßenproteste kann man natürlich niederschlagen, nicht aber das, was unter der Decke brodelt. Dort reift ein neuer Iran, ein Iran 2.0. Der ist vielleicht nicht für morgen, aber die Jahre des Mullah-Regimes sind gezählt.

La Libre Belgique ist ihrerseits eher besorgt. Im Mittleren Osten ertönen überall die Kriegstrommeln. Abgesehen von den inneren Spannungen im Iran droht ja auch eine direkte Konfrontation zwischen Teheran und dem Dauerrivalen Saudi-Arabien. US-Präsident Donald Trump hat sich schon für eine Seite entschieden und ist offensichtlich fest entschlossen, den Iran in seine Schranken zu weisen. Jetzt wäre es eigentlich an den Europäern, eine Vermittlerrolle einzunehmen.

Apropos Donald Trump: Der hatte ja am Donnerstag wieder mit seiner Atomknopf-Rhetorik für Befremden gesorgt. Für L’Avenir ist klar: Dieser US-Präsident ist nicht nur inkompetent, sondern auch eine wirkliche Gefahr für den Weltfrieden. Und das Schlimmste kommt wohl noch. Le Soir mahnt seinerseits zur Besonnenheit: Donald Trump, aber innenpolitisch auch ein Theo Francken… Immer häufiger ist reines Schwarz-Weiß-Denken zu beobachten. Meinungen werden in gewisser Weise zur Karikatur. So naiv es vielleicht klingen mag, aber die Wahrheit liegt in der Nuance.

Roger Pint

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