Die Presseschau von Samstag, dem 14. Oktober 2017

Heute geht es in den Zeitungen und Kommentaren vor allem um Politik: zum einen mit Interviews von Belgiens Premier Charles Michel, zum anderen mit einem Blick voraus auf die Gemeinderats- und Föderalwahlen in einem Jahr. Und auch die Affäre Harvey Weinstein wird aufgegriffen.

Charles Michel

Die beiden großen belgischen Tageszeitungen Le Soir und De Standaard bringen heute Interviews mit Premierminister Charles Michel. In beiden Interviews geht es in erster Linie um die Europapolitik. Michel ist überzeugt, dass die Katalonien-Krise nur über einen Dialog gelöst werden kann. Auf der anderen Seite jedoch will der belgische Premier, dass Europa entschiedener agiert und dem Projekt EU neue Impulse gibt. Sich selbst sieht er auf einer Linie mit Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron.

Für De Standaard ist das eine strategisch geschickte Wahl: Der französische Präsident gilt als Anführer eines europäischen Vorwärts-Optimismus, der eine noch weitergehende Einheit möchte. Dieser Optimismus ist in Europa nicht überall populär. In den Niederlanden ist die Regierung unter dem Druck von Euroskeptikern wie Geert Wilders recht vorsichtig mit europäischen Ambitionen. In Deutschland wird Angela Merkel auf ihren kritischen Koalitionspartner FDP Rücksicht nehmen müssen.

In Italien hat die Fünf-Sterne-Bewegung viele Anhänger. Und es wäre leichtsinnig, zu glauben, dass Macron in Frankreich alle euroskeptischen Stimmen der Le Pen-Wähler zum Erlöschen gebracht hat. Die Niederlande sind traditionell eng mit Deutschland verbunden. Positioniert sich Belgien als Verbündeter Frankreichs, können die Benelux-Länder möglicherweise eine Brückenfunktion erfüllen und damit ihr Gewicht in die Waagschale werfen. Mit dem Brexit am Horizont verschieben sich die politischen Machtverhältnisse in der EU. Jetzt schon deutlich zu machen, wo Belgien steht, könnte verhindern, dass man unser Land ignoriert, wenn es darauf ankommt, hofft De Standaard.

„Samen“ gegen Bart De Wever

Viele Zeitungen beschäftigen sich mit den Gemeinderatswahlen, die genau heute in einem Jahr stattfinden. Viel Aufmerksamkeit erhält die gemeinsame Liste von Groen und SP.A in Antwerpen. Dazu meint Gazet van Antwerpen: Bei dieser neuen politischen Formation ist alles darauf ausgerichtet, eine Anti-N-VA zu sein. Alleine der Name „Samen“ – zu Deutsch „Zusammen“ – profiliert sie als Partei der Einheit und der Verbundenheit gegenüber einer repressiven und polarisierenden N-VA.

Wie bei jeder politischen Bewegung steckt da auch ein wenig heiße Luft drin. Es ist kein Kartell, keine opportunistische Zusammenarbeit zwischen zwei Parteien, sondern eine Liste unabhängiger Kandidaten, ein Bündnis der Inhalte. Und deren Versprechen werden bislang nur teilweise durch konkrete Pläne getragen. Eine pulsierende und sichere Stadt Antwerpen, in der sich jeder zu Hause fühlt, mit Schulen in der Nähe, sympathischen Geschäften im Viertel und fließendem Verkehr.

Das ist eine lohnenswerte Aufgabe. Doch im ganzen Wahlprogramm steht nichts über die sehr spezifische Situation in Antwerpen, wo die Hälfte der Einwohner einen Migrationshintergrund hat und 44 Prozent der Schüler zu Hause kein Niederländisch sprechen, konstatiert Gazet van Antwerpen.

Zum selben Thema meint Het Laatste Nieuws: Vor fünf Jahren war Antwerpen eine Art politisches Laboratorium für die spätere „schwedische“ Koalition auf föderaler Ebene. Jetzt könnte die Stadt auch die Wiege einer Gegenbewegung werden. Ein Mitte-Links-Bündnis mit Groen und SP.A und einer CD&V, die der Anti-Bart-De Wever-Front mental schon beigetreten ist. Schlägt man dann die Brücke zu den Föderalwahlen, die ein halbes Jahr später stattfinden, taucht plötzlich wieder ein Gespenst aus noch nicht so lange vergangenen Tagen auf: dunkelrot und frankophon. Für die flämischen Nationalisten im Wahlkampf ein gefundenes Fressen, so Het Laatste Nieuws.

Rote Existenzkrise

Apropos rot: Het Belang van Limburg sieht den Sozialismus in der Existenzkrise. Der Wähler glaubt schlicht und einfach nicht mehr an den Diskurs der Sozialisten. Im Post-Krisen-Zeitalter mit Altersarmut, Streiks gegen niedrige Renten und den Schwächsten der Gesellschaft, die auf sich alleine gestellt sind, könnte man eigentlich das Gegenteil erwarten. Dem ist aber nicht so. Und eigentlich ist das auch nicht so verwunderlich. Die Sozialisten haben ihren Schwanengesang selbst angestimmt, indem ihre linken Parolen nicht mehr mit dem übereinstimmen, was sie tatsächlich tun.

Ob Dritter Weg oder Globalplan, die Sozialisten waren von 1988 bis 2014 in allen Föderalregierungen mit dabei. Sie sind also mitverantwortlich für den Zustand dieses Landes. Fügt man dann noch alle sozialistischen Skandale der vergangenen Jahre hinzu, dann weiß man, warum viele Menschen das Vertrauen in Links verloren haben, stellt Het Belang van Limburg nüchtern fest.

„So läuft das hier“ und „Stell dich nicht so an“

Le Soir beschäftigt sich mit der Affäre Harvey Weinstein: Der in Hollywood allmächtige Filmproduzent soll jahrelang Frauen sexuell belästigt haben. Sogar der Vorwurf der Vergewaltigung steht im Raum. „Es war schwierig, nein zu sagen, weil er so mächtig war“, dieser Satz der betroffenen Schauspielerin Léa Seydoux fasst die Affäre Weinstein zusammen. Und damit alle Missbrauchssituationen, in denen Frauen, Männer oder Kinder Opfer einer sie beherrschenden Macht werden, unfähig zu reagieren oder sich zu wehren aufgrund ihrer eigenen Zerbrechlichkeit, ob psychologisch oder sozial.

Wie „Nein“ sagen, wenn einem der mächtigste Produzent Hollywoods eine tolle Filmrolle anbietet? Lohnt es sich da nicht, die Augen zu verschließen, umso mehr, wenn einem alle sagen: „So läuft das hier“, „Stell dich nicht so an“? Als Frau muss man in der Filmindustrie sehr stark sein, sagt Léa Seydoux. Und das gilt nicht nur für Frauen und nicht nur für die Filmindustrie, kommentiert Le Soir.

Volker Krings - Foto: Benoît Doppagne, belga

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