"Blinder Brexit", schreibt Le Soir auf Seite eins. "Ein höflicher Brief mit enormer Sprengkraft", heißt es bei Het Nieuwsblad. Und L'Echo zitiert EU-Ratspräsident Donald Tusk: "Danke und auf Widersehen".
Großbritannien hat gestern offiziell sein Austrittsgesuch aus der Europäischen Union in Brüssel abgegeben. Kommentierend meint dazu das GrenzEcho: Die EU muss in den nächsten 24 Monaten zwei Aufgaben erledigen: Auf der einen Seite muss sie aufzeigen, dass sie kein "Country Club" ist, aus dem man einfach mal so austreten kann, ohne dass dies mit großen, auch finanziellen Nachteilen verbunden wäre. Lohnt sich die Mitgliedschaft im europäischen Staatenbund unter dem Strich? Auf diese Frage muss die Union eine unmissverständliche Antwort geben, um ihre Existenzberechtigung zu verdeutlichen und um anderen potentiellen Austrittskandidaten aufzuzeigen, dass dies der falsche Weg ist.
Auf der anderen Seite sollten die EU-Vertreter aufpassen, dass sie nicht zu viel Porzellan im Umgang mit den Briten zerschlagen. Auch nach dem Ende der Mitgliedschaft braucht Europa ein vernünftiges Verhältnis zum Vereinigten Königreich, ist das GrenzEcho überzeugt.
Le Soir schreibt: Bei den Verhandlungen muss die EU immer eine Priorität verfolgen - sie muss immer darauf achten, stärker zu bleiben als das starke Großbritannien, das sich Premierministerin Theresa May für ihr Land wünscht. Diese Haltung der EU wird dazu führen, dass bei den Verhandlungen oft unterschiedliche Interessen aufeinander stoßen werden. Es wird zu Konflikten kommen. Doch das muss Normalität werden, frei nach dem Motto: Ihr Briten wollt eine bessere Zukunft ohne uns? Gut, wir suchen uns unsere Zukunft. Ohne euch. Und wenn es sein muss auch gegen euch, kommentiert Le Soir.
Klassenjustiz oder typischer belgischer Surrealismus?
Zu der Entscheidung eines Brüsseler Gerichts, Ex-König Albert II. nicht als den Vater von Delphine Boël in Betracht ziehen zu wollen, meint La Dernière Heure: Eigentlich hätten die Richter Delphine Boël Recht geben müssen. Denn durch einen DNA-Test ist es erwiesen, dass Jacques Boël nicht ihr biologischer Vater sein kann. Warum also keinen DNA-Test von Albert II. verlangen, wo doch alle Welt davon ausgeht, dass er der wirkliche leibliche Vater von Delphine ist?
Das Problem ist, dass Albert zum Königshaus gehört. Und in Belgien funktioniert die Monarchie immer noch wie Zement, der das überall bröckelnde Staatsgefüge zusammenhält. Deshalb gilt es, die Monarchie zu schützen, wo immer es nur geht. Und das führt dann auch zu solch komischen Richtersprüchen wie im Fall Boël, das jüngste Beispiel des belgischen Surrealismus, so La Dernière Heure.
Noch kritischer urteilt De Morgen: Mit ein bisschen gutem Willen hätten die Richter eine gute Entscheidung treffen können. Sie hätten die geltende Rechtslage in Belgien verbinden können mit der biologischen Realität. Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs haben gezeigt, wie das geht. Doch die Richter haben sich strikt an das Recht gehalten. Ganz so, als ob sie dadurch eine höhere Macht schützen wollten. Wenn ihr Urteil tatsächlich nichts anderes sein sollte als eine Gefälligkeit, dann gibt es dafür einen Namen: Klassenjustiz, schlussfolgert De Morgen.
Gesetz zum Wohl der Tiere oder Gesetz gegen Ausländer?
In Flandern haben sich die Mehrheitsparteien darauf geeinigt, dass Tiere ab 2019 nur noch durch Stromschlag getötet werden dürfen. Verbände von Moslems und Juden haben diese Einigung kritisiert.
Dazu schreibt De Standaard: Die flämische Regierung hat sich jetzt zwei Jahre Zeit gegeben, den Beschluss in ein praktikables Gesetz umzuformen. Das sind zwei Jahre Zeit, um zu zeigen, dass das Gesetz zum Wohle der Tiere ist - und nicht gegen Moslems und Juden. Dass es, kurz gesagt, kein Gesetz gegen Ausländer ist. Sollte die Regierung das nicht schaffen, muss man sich fragen, was wirklich die Motivation zu dem neuen Gesetz war, so De Standaard.
Het Belang van Limburg meint: Diese Einigung erscheint uns als ein perfekt zu verteidigender Kompromiss. Wir wollen hoffen, dass wirklich alle dem neuen Gesetz folgen. Gesetze stehen über religiösen Überzeugungen. Denn Gesetze gelten für alle, meint Het Belang van Limburg.
Französische Sozialisten: Nichts als Zeter und Mordio
Zur Entscheidung des ehemaligen französischen Ministerpräsidenten Manuel Valls, bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen seine Stimme nicht dem Kandidaten seiner eigenen sozialistischen Partei zu geben, sondern dem unabhängigen Bewerber Emmanuel Macron, notiert L'Avenir: Valls' Entscheidung ist natürlich ein Tiefschlag für die französische PS. Doch es ist bezeichnend für den Zustand der Partei, dass außer Zeter und Mordio nichts passiert.
Die Führungsriege der Partei scheint wie gelähmt zu sein angesichts der vielen Parteiaustritte, zerfallender Strukturen und schlechter Umfrageergebnisse. Sie zeigt sich sogar unfähig, die Abtrünnigen zu bestrafen. Es bleiben nur Worte, Verdammung und Geheul. Wie im Theater bei einer Tragikomödie von Corneille, vergleicht L'Avenir.
KW - Foto: Yves Herman (afp)