Mona Derwahl und der Brückenschlag von ProDG – ein Kommentar

Die Frau des Journalisten Freddy Derwahl ist mit 60 Jahren neu in der Politik. Dass sie ausgerechnet auf der Liste des Sohnes des einstigen PDB-Bugbildes Lorenz Paasch kandidiert, ist - so darf vermutet werden - als Überraschung registriert worden.

Die Namen so mancher Kandidaten auf den ostbelgischen Listen sind eine faustdicke Überraschung. Die Kandidatur von Mona Derwahl aber auf der Liste von ProDG ist ein wahrer Knüller.
Die Hausfrau ist politisch ein unbeschriebens Blatt. Als Mutter von fünf Kindern steht sie mitten im Leben. Sie ist Elternratspräsidentin des Instituts für Sonderunterricht. Außerdem Betreuerin im Behindertensportclub. Und: Mona Derwahl schätzt die Politik von Oliver Paasch. Dafür will sie sich an seiner Seite innerhalb von ProDG politisch engagieren.
Bis hierhin nichts Außergewöhnliches.
Aber: Mona Derwahl ist auch die Ehefrau von Freddy Derwahl. Das wäre im Grunde nicht weiter erwähnenswert. Wenn nicht Mona Derwahl selbst es erwähnen würde. Bei der Listenvorstellung erklärte sie, ihr Mann habe ihr und ProDG seine ganze Unterstützung zugesichert.
Und damit erhält die Kandidatur von Mona Derwahl eine große symbolische Bedeutung. Denn der Journalist Freddy Derwahl war jahrzehntelang das Feindbild schlechthin für die PDB. Darüberhinaus war er mit Lorenz Paasch in einen Streit verwickelt, der vor Gericht endete.
Dieser Streit, ja man darf es sagen, dieser Hass zwischen Derwahl und der PDB nahm seinen Ursprung im Sommer 1987. Damals brachte Derwahl die Niermann-Affäre ins Rollen. Es war ein Skandal um deutsche Spendengelder, die jahrelang und geheim an PDB-nahe Einrichtungen verteilt wurden. Doch das war nicht das eigentliche Problem. Derwahl hatte heraus gefunden, dass die Niermann-Stiftung vormals von Deutsch-Nationalen und Rechtsextremen geleitet wurde. Ja, sie zählte zu ihren Vertrauten sogar einen verurteilten Terroristen.
Lorenz Paasch legte im Sommer 1987 sein Schöffenamt in St.Vith nieder, um Geschäftsführer der Hermann-Niermann-Stiftung zu werden. Ihm und der PDB wurde die Nähe zu Rechtsradikalen und Neo-Nazis vorgeworfen. Alle ostbelgischen Parteien meldeten sich zu Wort. Die Presse im In- und Ausland schaltete sich ein.
Die Niermann-Affäre nahm ihren Lauf. Sie dauerte Jahre. Sie führte zu den größten Zerwürfnissen zwischen den politischen Lagern. Familien wurden regelrecht gespalten. Lorenz Paasch brachte es mit den Worten auf den Punkt: „Die Niermann-Affäre ist die schwerste Krise in unserem Gebiet nach Kriegsende.“ Zwei Menschen standen stellvertretend für diese schwere ostbelgische Krise: Freddy Derwahl und Lorenz Paasch.
Jetzt schreiben wir das Jahr 2009. Die PDB tritt bei den Gemeinschaftswahlen nicht mehr an. Sie wird beerbt von ProDG. Die, nach eigenem Bekunden, noch bis zu einem Viertel PDB ist.
Damit wird klar, inwieweit die Kandidatur von Mona Derwahl auf dem exponierten sechsten Platz symbolisch ist. Sie ist das Symbol für Vergangenheitsbewältigung. Unter die alten Feindschaften soll ein Schlussstrich gezogen werden. Oliver Paasch reicht Mona Derwahl die Hand. Beide haben die Vorgeschichte aus ihrem Familienumfeld hinter sich gelassen. Sie schlagen eine Brücke. Das ist das Signal.
Die Kandidatur von Mona Derwahl auf der Liste von ProDG kann durchaus als Zeichen von Versöhnung verstanden werden. Versöhnung mit den Personen und mit der Geschichte. Das wird viele zum Umdenken zwingen. Nicht nur innerhalb der traditionnellen PDB-Wählerschaft. Sondern auch bei den Wählern und Vertretern der anderen Parteien. Ob das der ProDG-Bewegung zu einem besseren Resultat verhilft, spielt dabei letztlich keine Rolle. Wichtig ist: Es kann Ostbelgien helfen.