Reynders unter Druck – ein Kommentar

Das Karnevalswochenende war für die MR alles andere als lustig: Die von Didier Reynders angekündigte Allianz mit der LiDé-Bewegung hat zu einer Zerreißprobe geführt.

Vor allem die Sprachenpartei FDF wollte als Reaktion auf die Hochzeit mit LiDé ihre Zugehörigkeit zur MR aufkündigen. Angesichts der parteiinternen Proteste sah sich Didier Reynders am Ende dazu gezwungen, die gerade erst eingegangene Ehe mit Rudi Aernoudt gleich wieder zu annullieren. Für die MR und insbesondere für ihren bislang unantastbar geglaubten Vorsitzenden ist diese Episode ein gewaltiger Imageschaden.

Aua! Das muss wehgetan haben

Didier Reynders ist es nicht gewöhnt, klein bei geben zu müssen, gar als Verlierer da zu stehen. Er selbst ließ sich freilich nichts anmerken: Er stehe schließlich der MR vor, der größten Partei im frankophonen Landesteil. Und er habe feststellen müssen, dass die Zusammenarbeit mit LiDé den Zusammenhalt der MR hätte gefährden können. Deshalb habe er im Sinne der MR gehandelt und die Schlussfolgerung gezogen, dass eine Zusammenarbeit mit LiDé unmöglich sei.

Das ist die Art von Zynismus, für die Didier Reynders inzwischen fast schon berühmt ist. Er tut so, als sei er der Problemlöser, dabei hat er das Problem selbst geschaffen: Pyromane und Feuerwehrmann in einer Person. Er war es, der Rudi Aernoudt mit ins liberale Boot hieven wollte, der sich dabei aber offensichtlich nicht ausreichend mit den Parteigenossen abgestimmt hatte. Zwar hatte es eine parteiinterne Abstimmung gegeben, aber offensichtlich im falschen Zirkel.

Fest steht: Kaum hatte Reynders die Heirat mit der Bewegung des rechten Hardliners aus Flandern bekannt gegeben, da kam es zu einer veritablen Palastrevolte: FDF und MCC, beide neben der liberalen PRL Bestandteile der MR, drohten unverhohlen, der MR den Rücken zu kehren. Die FDF sah sich schon wieder alleine um die Wählergunst in und um Brüssel buhlen, als Reynders die Flucht nach vorn antrat und die Ehe annullierte, noch bevor sie vollzogen werden konnte.

Das Resultat

Die MR steht nun da wie ein ungeordneter Haufen, und Didier Reynders wie der „Große Zampano“, der sich in den Fäden verhaspelt hat. Schon seltsam, dass sich Didier Reynders so verschätzen konnte, der Mann, der früh als politisches Wunderkind bezeichnet wurde, der Mann, den der Urvater der Liberalen, der große Jean Gol, nicht umsonst schon in den 80ern unter seine Fittiche genommen hatte.

Didier Reynders ist ein „homo politicus“, ein Vollblutpolitiker. Wie konnte Reynders das Polarisierungspotential des selbsternannten Heilsbringers, Rudi Aernoudt, so verkennen? Es war bekannt, dass beileibe nicht alle Blauen dem Flamen aus dem Dunstkreis des Haudrauf-Politikers Jean-Marie Dedecker wohlwollend gegenüber standen.

Aernoudt gibt gerne den Besserwisser, glänzt zuweilen durch, mit Verlaub, „blöde“ Witze über Arbeitslosengeldempfänger und präsentiert meist vermeintlich einfache Antworten auf komplexe Probleme, was ihm auch schon den zweifelhaften Titel „Rechtspopulist“ eingehandelt hat. Außerdem: Aernoudt ist eben ein Flame, und insbesondere in Bezug auf Brüssel vertritt er Meinungen, die so gar nicht der Haltung der FDF entsprechen: Eine Erweiterung der Region Brüssel Hauptstadt etwa ist für Aernoudt kein Thema.

Kein Wunder also, dass es in vorderster Front die Sprachenpartei FDF war, die Aernoudt partout nicht in den Reihen der MR sehen wollte. Hinzu kommt, dass Didier Reynders der FDF gerade erst einen Tritt vors Schienbein verpasst hatte, als er den alt gedienten Liberalen Armand De Decker zum MR-Spitzenkandidaten in der Hauptstadt kürte und nicht den FDF-Regionalpolitiker Didier Gosuin.

Retourkutsche?

Und wer weiß? Vielleicht war ja die lautstarke Reaktion der FDF auf die Hochzeit mit LiDé auch nur die Antwort der FDF auf eine Demütigung …

Wie dem auch sei: Ein solches Gepolter ist man gerade von der MR nicht gewöhnt. Innerhalb der liberalen Sammelbewegung aus PRL, FDF, MCC und der deutschsprachigen PFF, der Reynders seit fast fünf Jahren vorsteht, gab es bislang kaum Widerworte. Die Liberalen erschienen wie ein Block, mit, an ihrer Spitze, Didier Reynders.

Umso misslicher für den MR-Chef also, dass ihm ausgerechnet jetzt, keine vier Monate vor der Wahl, ein solcher Patzer unterläuft. Dies, zumal LiDé eine solche Zerreißprobe eigentlich gar nicht wert ist. Die FDF etwa ist in Brüssel und Umgebung der Garant für die Wahlerfolge der MR – LiDé steht demgegenüber nach Umfragen in der Wählergunst bislang bei nicht einmal einem Prozent. Was hat also Reynders dazu bewogen, auf das Buhlen von Aernoudt einzugehen?

Vor allem wahltaktische Gründe

Reynders fürchtet eine elektorale Zerstückelung im rechten Spektrum. Sein erklärtes Ziel ist es, die sozialistische PS zu entthronen. Reynders will eine politische Schwerpunktverlagerung. Und da könnte jede Stimme wichtig sein.

Nicht auszudenken, wenn zum Wahlsieg am Ende die Stimmen fehlen, die Aernoudt eingefahren hat. Zumal beide in denselben Gewässern fischen: LiDé ist im Wesentlichen eine liberale Partei, wenn auch mit zuweilen radikalen Ideen. Die Versuchung war also groß, die Strahlkraft der MR nach rechts auszuweiten.

Die Verbannung der PS ist für Reynders offensichtlich zu einer Obsession geworden, mit dem damit einhergehenden Tunnelblick. Er, der sehr wohl um seine Fähigkeiten weiß, hat sich von diesem Ziel leiten lassen und dabei wohl vergessen, dass er nicht alleine ist. Nachdem Reynders fachlich in die Kritik geraten ist, etwa nach dem Nein der Fortis-Aktionäre zum Rettungsplan, auf den er so stolz war, wird er nun also erstmals auch parteiintern offen in Frage gestellt.

Noch wird er sich halten können, in der Regierung und parteiintern sowieso. Doch Reynders pokert hoch: Scheitert er mit seinem Plan, die PS zu entthronen, dann könnte auch für den Vater des Plans die Luft mächtig dünn werden.

Kommentar hinterlassen
Keine Kommentare
Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht!
Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien zu Kommentaren.

Restl. Anzahl Wörter: 150