De smaak van De Keyser – ein Kommentar

Noch gibt es so etwas wie Weihnachtsfrieden im Regierungsviertel, und draußen im Land spürt auch der Bürger etwas davon. Kaum zu glauben, es gibt sogar "Belgien-Gefühle" im Fernsehen. Nur eben nicht konsequent.

Es ist eine Tatsache: in diesem unserem Lande gibt es keine landesweiten Parteien, keinen landesweiten Wahlkreis und keine landesweiten Medien. Mehr noch: die Medien der beiden großen Gemeinschaften vermitteln unterschiedliche soziologische Befindlichkeiten, und nicht wenige Kommentatoren machen die von Zeitungen, Illustrierten und Fernsehen unterschiedlich reflektierten Welten zu einem großen Teil für das Auseinanderdriften des Landes mitverantwortlich.

Vor diesem Hintergrund ist glatt ein doppeltes Ereignis, was seit Wochen sonntags abends im flämischen Fernsehen läuft und seit dieser Woche dienstags abends im RTBF-Fernsehen. Es ist in diesen Zeiten nicht genug hervorzuheben, dass es sich um eine gesamtbelgische Produktion handelt. Darüber hinaus ist „De smaak van De Keyser“ schwerpunktmäßig eine Produktion des flämischen Fernsehens und doch läuft die Produktion auch im RTBF-Fernsehen, unter dem Titel „L’Empereur du goût“.

Es geht dabei um die Geschichte der Hasselter Branntweinbrennerei De Keyser, dargestellt anhand der Geschichte dreier Frauen: Großmutter, Mutter und Tochter, wobei das Drehbuch ständig von einer Epoche in die andere hin und zurückspringt. Es ist nicht irgendeine Story, bei der es um große Gefühle geht, um Liebe, um Eifersucht und um Geld, sondern auch um – ja, tatsächlich – gemeinsame belgische Geschichte: in der Vorkriegszeit, während des Zweiten Weltkriegs, in der Nachkriegszeit und während der 60er Jahre. Und damit wäre das Fernsehereignis gleich ein dreifaches, denn geschichtliche Aufarbeitung, sprachgrenzenübergreifend, passiert nicht alle Tage.

Doch leider wird eine große Chance verpasst: Denn die Bilder einer vergangenen Belgitude, zum Beispiel bei der Einberufung 1939 oder beim Gespräch mit dem aus der Wallonie angereisten Geschäftsmann, der sich um die Generalvertretung bemüht, oder bei der Befehlsausgabe in der Festung Eben Emael wirken trotz der Bildqualität nur wie ein Abklatsch, wenn auch ein gekonnter: Es fehlt die Sprache, die Originalsprache, also die flämische, die aus den Bildern eine Belgitude machen würde. Das Zusammenleben der belgischen Soldaten mit ihren unterschiedlichen Sprachen geht bei der Synchronisation verloren, und auch das herzhafte, das aus irgendeinem Schnaps erst den De Keyserschen Jenever macht und diesem seinen unerreichten „smaak“, also Geschmack gibt.

Keine echte Geschichtsstunde also, und auch die verpasste Gelegenheit, im Süden für die Sprache des Nordens zu werben. Keine Untertitel – das wäre zu schön – sondern Synchronstimmen, allerdings perfekt gemacht. Da kann man einwenden, dass es sich nicht um eine Produktion der Prinz-Filipp-Stiftung handelt, die sich zum Ziel gesetzt hat, das Zusammenleben zu fördern, sondern dass es drei Produktionsgesellschaften sind, darunter eine aus der Wallonie, die zusammen immerhin 6 Millionen Euro aufgebracht haben, gemeinsam mit der VRT und mit dem, was die RTBF für die Zweitverwertung zahlt. Und das Format, in dem gedreht wurde, erlaubt zudem eine Kinofassung.

All diese Partner wollen ihr Geld gut angelegt wissen, dann ist für sprach- und verständnisfördernde Aufarbeitung offenbar kein Platz. Die kommerziellen Interessen und die gewünschte Stromlinienförmigkeit gehen – innerflämisch – übrigens so weit, dass die Schauspieler in der flämischen Fassung nicht wie Limburger sprechen, obwohl auch die Provinz Limburg und die Stadt Hasselt Geld zuschießen, im Blick die Tourismusförderung. Denn es geht vorrangig um Filmförderung und darum, sich einen Platz im Film- und Fernsehgeschäft zu erkämpfen, im internationalen Wettbewerb, auf den Verkaufsmessen in Cannes oder anderswo.

Bei der VRT ist die Fernsehfassung mit sehr großem Erfolg angelaufen: fast zwei Millionen Zuschauer sahen allein die erste der Folgen, die bei der VRT jeweils Sonntags abends ausgestrahlt werden. Gespannt darf man sein, ob die RTBF-Zuschauer dienstags die Chance wahrnehmen, an diesem medienpolitischen Ereignis teilzunehmen, sozusagen als ein Gegenstück zur früheren RTBF-Fiktion „Bye bye Belgium“.

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