Die Vertrauenskrise – ein Kommentar

Die Finanzkrise, die in den Vereinigten Staaten wütet, ist nach Europa übergeschwappt. Die belgischen Banken bekommen das unerwartet hart zu spüren, denn mit der eigentlichen Ursache, den subprimes, haben sie fast nichts zu tun. Was jetzt an der Brüsseler Börse geschieht, ist denn auch viel mehr auf einen Vertrauensschwund zurückzuführen

Die Benelux-Regierungen lassen sich die Rettung von Fortis vor dem drohenden Untergang 11 Milliarden Euro kosten. Allein Belgien investiert 4.7 Milliarden in die belgische Fortis-Bank und kontrolliert so 49% der Anteile.

Damit wurde ein doppeltes Ziel verfolgt. Zum ersten, die Kunden der Bank beruhigen und verhindern, dass sie dem Beispiel der ersten drei Prozent Sparer folgen, die am Freitag ihre Guthaben abgehoben haben. Und zum anderen, den Kursverfall an der Börse stoppen.

Das Ziel wurde nur halb erreicht. Viele kleine Anleger haben sich überzeugen lassen, dass ihre Bank noch eine Zukunft hat, und dass der Staat sie nicht im Stich lassen wird, wenn es doch noch schief gehen sollte. Es gab keine Panik und keine langen Schlangen verzweifelter Sparer vor den Zweigstellen.

Doch die Börse gewährte keine Atempause. Die Fortis-Aktie sank im Laufe des Tages um weitere 22%. Ein sichtbares Zeichen, dass selbst der Rettungsplan der drei Regierungen und ihrer Notenbanken und die Zustimmung der Europäischen Zentralbank nicht überzeugen konnten.

Noch schlimmer erging es Dexia. Ihr Kurs stürzte nach der Eröffnung der Börse gleich um 31% ab und konnte sich am Nachmittag auf einen Verlust von 28% einpendeln. Und wieder ließ die Regierung verlauten, sie werde niemanden im Stich lassen und die Dexia-Kunden im Ernstfall genau so behandeln wie die Fortis-Sparer. Auch hier wird eine Verstaatlichung nicht ausgeschlossen. Die EU-Kommission hat vorerst grünes Licht gegeben und wissen lassen, dass die staatliche Beteiligung am Kapital der Banken nicht gegen die europäischen Wettbewerbsregeln verstößt.

Während die Situation bei Dexia auf die Verstrickung ihrer amerikanischen Tochter FSA in die Kreditkrise zurückzuführen ist, ist sie bei Fortis auf die Unterschätzung der Lage durch das Management der Bank zurückzuführen. Man hat die Kunden schlecht informiert, eine Kapitalaufstockung zuerst entschieden abgestritten und sie dann doch eingeleitet. Und schließlich hat Fortis sich mit dem Ankauf von ABN-Amro übernommen und wollte das nicht eingestehen. Die Kommuniqués der Führung der Bank und der Regierung, die beruhigen sollten, klangen in den Ohren der Kunden wie die Musik des Orchesters auf der sinkenden Titanic.

Hinzu kommt noch ein belgisches Phänomen, nämlich der Schwund des Vertrauens der Bevölkerung in Wirtschaftsführer und Politiker. Er hat sich unter der Leterme-Regierung erheblich beschleunigt. Inzwischen ist es schon so weit gekommen, dass viele nicht nur „denen da oben“ nichts mehr glauben, sondern deren Beteuerungen und Ratschläge als höchst verdächtig empfinden und genau das Gegenteil tun.

Sagen Regierung und Banker, dass Fortis nicht in Gefahr ist, wird man misstrauisch, leert sein Konto und verkauft seine Aktien. Eine solche Entwicklung muss dringend gestoppt werden, denn sie führt in eine Katastrophe.

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