Europas Energieproblem – ein Kommentar

Die hohen Spritpreise schnüren den Bauern, Fischern und Transporteuren, und nicht zu vergessen auch dem gemeinen Bürger, langsam aber sicher den Hals zu.

Zugleich hat der Atomzwischenfall in Slowenien Europa noch einmal vor Augen geführt, dass Kernenergie – trotz aller Spitzentechnologie – eine gefährliche Energiequelle ist. Und dann gibt es da noch die Klimaschutzziele, die sich Europa vor dem Hintergrund der drohenden Klimakatastrophe auferlegt hat.

Europa hat ein Energieproblem, und das erfordert entschlossenes Handeln, nicht nur von Seiten der Politik, sondern auch von jedem Bürger. Doch eine wirklich angemessene Reaktion lässt weiter auf sich warten.

Atomalarm in Slowenien! Alle Drähte laufen heiß. Korrespondenten melden sich live in die Nachrichtensendungen. Es herrscht helle Aufregung.
Tatsächlich war es das erste Mal in über 20 Jahren, dass das Frühwarnsystem „ECURIE“ aktiviert wurde. ECURIE wurde 1987 eingerichtet. Damals stand man unter dem Eindruck der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Sinn und Zweck von ECURIE: bei einem Zwischenfall in einem Kernkraftwerk sollten so schnell wie möglich die EU-Mitglieder darüber in Kenntnis gesetzt werden, um rasch Gegenmaßnahmen ergreifen zu können.

Am Ende war es so etwas wie falscher Alarm. ECURIE sollte ja naturgemäß nur dann aktiviert werden, wenn eine Gefahr für die Nachbarländer besteht. Das sei hier bei weitem nicht der Fall gewesen, räumten die Slowenen später ein. Das Problem habe sich nur auf das eigentliche Reaktorgebäude beschränkt. Lieber einmal unnötig Alarm geben, als einmal zu spät, nämlich dann, wenn es wirklich nötig ist, wäre man geneigt zu sagen.

Aber davon abgesehen: Experten geben zu bedenken, dass in Krsko das Kühlwasser aus dem so genannten Primärkreislauf entwichen ist. In diesem Bereich des Kernreaktors ist das Kühlwasser dazu da, eine Kernschmelze zu verhindern, also genau das, was sich 1986 in Tschernobyl ereignet hat. Das ist zwar -glücklicherweise – in Krsko nicht eingetreten. Das Wort „harmlos“ wäre im Zusammenhang mit dem Störfall aber in jedem Fall das falsche Wort.

Was lernen wir also aus dem Vorfall? Nun, 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht, eben auch nicht bei der Energie-Gewinnung aus Atomkraft. Nur ist genau hier 100-prozentige Sicherheit eigentlich Grundvoraussetzung. Der kleinste Fehler kann ungeahnte Folgen mit sich bringen. Und da kann ein Frühwarnsystem noch so gut funktionieren: wenn der schlimmste Fall eintritt, dann gibt es auch nicht mehr sehr viele Gegenmaßnahmen, die helfen würden…

Krsko bringt die EU in eine Zwickmühle. Eins ist sicher: der EU-weite Atomalarm kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Gerade war die Kernenergie nämlich im Begriff, wieder salonfähig zu werden. Vor dem Hintergrund des drohenden Klimawandels ist sie für viele nämlich das kleinere Übel. Die EU hat sich ja ehrgeizige Klimaschutzziele auferlegt. Der CO2-Ausstoß muss massiv gesenkt werden. Das bedeutet: fossile Brennstoffe gehören aufs Abstellgleis. Und in Ermangelung wirklicher Alternativen hatte die Atomenergie mit einem Mal wieder Konjunktur.

Diese Sympathiekurve könnte nun also erstmal wieder einen Knick bekommen. Krsko, und vor allem der Vorfall im schwedischen Forsmark vor genau 2 Jahren haben so manchem, der es vergessen hätte, noch einmal klar vor Augen geführt: Kernenergie ist und bleibt gefährlich.

Das Ganze lässt nur eine Schlussfolgerung zu: wir haben ein Energieproblem. Das, so könnte man einwenden, sei ja wohl nichts Neues. Ist es auch nicht! Doch mit der Feststellung allein löst man das Problem nicht. Seit Jahren warnen Fachleute vor dem drohenden Klimawandel. Und selbst ohne Klimawandel ist schon längst absehbar, dass die fossilen Brennstoffe eher früher als später zur Neige gehen. Spätestens seit 1986 weiß man auch, dass Atomenergie enorme Risiken birgt. Das müsste doch eigentlich zu einem allgemeinen Umdenken führen. Doch genau das vermisst man schmerzlich.

Aufgabe der Politik ist es auch, in die Zukunft zu blicken, die Gesellschaft auf die künftigen Herausforderungen vorzubereiten. Doch will augenscheinlich niemand den Bürgern reinen Wein einschenken. Jeder Politiker weiß: wenn er von den Bürgern eine grundlegende Veränderung in ihrer Lebensweise fordert, dann erhält er an der Wahlurne eine schallende Ohrfeige. Was tut man also: man lässt alles so laufen wie bisher, in der Hoffnung, dass sich dann die Nachfolger mit dem Problem herumschlagen müssen.

Jetzt ist so ein Fall eingetreten: die Ölpreise sind explodiert. Das kommt bestimmt nicht unerwartet, vom Himmel fällt hier gar nichts. Und glaubt man Fachleuten, dann müssen wir mit dem teuren Sprit leben lernen. Das sind schlechte Neuigkeiten für die politisch Verantwortlichen: auch ohne Glaskugel ist abzusehen, dass die jüngsten Proteste der Fischer, die in Brüssel mal eben eine Spur der Verwüstung hinterlassen haben, nur der Anfang sind.

Hier zeigt sich also, was passiert, wenn man darauf wartet, dass sich erst ein Problem einstellt, statt es an der Wurzel zu bekämpfen. Und Probleme eines ganz anderen Kalibers werfen ja schon ihre Schatten voraus…

Europa, die Welt braucht ein Umdenken. Das Energieproblem muss gelöst werden. Hier reichen keine hehren Absichtsbekundungen, man muss unter Hochdruck nach Alternativen forschen. Ansätze gibt es, Stichwort Kernfusion oder Brennstoffzelle. Hier kann Europa eine Schlüsselrolle spielen. Allerdings muss der Wille da sein und die Bereitschaft, mit der Vergangenheit zu brechen. Es ist so wie der Bau einer neuen Cheopspyramide: scheinbar unmöglich, auf jeden Fall unter Einsatz aller Kräfte zu bewerkstelligen, aber auch zwangsläufig mit Opfern verbunden.